Die gesellschaftliche Stigmatisierung ist groß, der Verdienst oft relativ gering. Prostitution ist in Deutschland zwar legal, doch wer der Sexarbeit nachgeht, hat an vielen Fronten zu kämpfen - wie unser Interview mit einer Domina zeigt.

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Der 2. Juni ist seit 1975 ein inoffizieller Gedenktag, der an die Diskriminierung und häufig schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen von Prostituierten erinnern soll.

Anlässlich des sogenannten "Internationalen Hurentages" haben wir mit der Insiderin Johanna Weber gesprochen, die sehr offenherzige Einblicke in Ihren Alltag gewährt.

Frau Weber, Sie arbeiten als Domina. Was sagen Sie eigentlich, wenn Sie auf einer Party gefragt werden, was Sie machen?

Johanna Weber: Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sage ich die Wahrheit, manchmal habe ich aber auch keine Lust darauf. Denn in einem solchen Moment verstummen sofort alle Gespräche.

Deshalb erzähle ich manchmal einfach irgendetwas. Wer Sexarbeit macht, ist in Deutschland ganz weit von der Normalität entfernt.

Das klingt anstrengend. Trotzdem sagen Sie, dass Sie Ihre Arbeit gerne machen. Wie haben Sie für sich entschieden, dass Sie Prostituierte sein möchten?

Ich liebe meinen Beruf. Ich denke, ich habe einen Rotlicht-Fetisch. Mit 23 Jahren bin ich neben dem Studium anschaffen gegangen. Ich habe damals sehr viel Geld damit verdient und es hat mir Spaß gemacht.

Nach dem Studium habe ich im Sportmarketing in einer guten Position gearbeitet und war deutschlandweit unterwegs. Erst mit Ende 30 habe ich den Mut gefunden, diesen Job zu kündigen und meine Neigung zum Beruf zu machen. Sexarbeit ist in unserer Gesellschaft leider immer noch sehr verpönt.

Keine Jugendliche würde sagen, dass sie später einmal Prostituierte werden möchte. Dabei gibt es diesen Wunsch bei Frauen sogar öfter, als man so denkt – aber das macht dann kaum eine wirklich.

Studien zeigen aber auch, dass viele Frauen in die Prostitution einsteigen, weil Sie Schulden oder Geldnot haben.

Geld ist das wichtigste Einstiegskriterium in die Sexarbeit. Man sollte es aber nicht verteufeln. Letztlich gehen wir ja alle arbeiten, weil wir Geld verdienen müssen. Für viele alleinerziehende Mütter ist die Sexarbeit eine gute Möglichkeit, um sofort Geld zu verdienen – auch wenn sie vielleicht nur vier Stunden am Tag arbeiten können.

Und wenn ihr Kind krank ist, können sie zu Hause bleiben. Auch viele Studentinnen überlegen sich, ob sie dreimal die Woche kellnern gehen oder lieber einmal die Woche Sexarbeiterinnen sind, beispielsweise bei einem Escortservice.

Auch Migrantinnen machen oft Sexarbeit. Das liegt daran, dass ein Bildungsabschluss aus ihrer Heimat in Deutschland häufig nicht anerkannt wird oder die Sprachkenntnisse nicht für andere Jobs reichen.

Wie sieht es denn eigentlich aus, wenn Mütter als Prostituierte arbeiten – wissen die Kinder Bescheid?

Es ist immer eine individuelle Frage, wie eine Prostituierte mit ihrer Arbeit umgeht. Die meisten Mütter sprechen mit ihren Kindern erst während oder nach der Pubertät darüber. Das liegt daran, dass sie ihre Kinder schützen wollen.

Die gehen nämlich sehr unbefangen damit um. Wenn Kinder aber auf dem Schulhof erzählen, dass Mama im Puff arbeitet und immer ganz schön angezogen ist, dann wissen die anderen Bescheid. Und dann fangen die Hänseleien an.

Der Umgang mit Prostitution klingt oft nach Doppelmoral: Die Dienstleistung wird in Anspruch genommen, aber die Frauen, die sie ausüben, werden herabgesetzt.

Viele Sexarbeiterinnen sagen, dass nicht ihr Job das Problem ist, sondern der gesellschaftliche Umgang damit. Darunter leiden viele. Das gilt übrigens auch für Männer und Transpersonen in der Sexarbeit. Im Bordell ist es das normalste der Welt, dass man anschaffen geht.

Aber sobald man diesen geschlossenen Raum verlässt und auf die Straße geht, beginnt die Stigmatisierung. Das ist wirklich ein großes Problem. Das macht es den Menschen oft schwierig, in einen anderen Beruf zu wechseln, weil sie verschleiern müssen, was sie vorher gemacht haben.

Finden die Frauen denn Rückhalt in ihrem privaten Umfeld?

Auch das ist oft schwierig. Normalerweise bekommt man Mitgefühl von Freundinnen, wenn man einen doofen Tag im Job hatte oder Angst vor seinem Chef hat.

Wenn man aber Sexarbeit macht und von Dingen erzählt, die einen belasten, ist das plötzlich ganz anders. Da heißt es dann nur: 'Ich habe dir doch schon immer gesagt, dass du damit aufhören sollst, weil es dir schadet.'

Wie kommen eigentlich die Partner damit klar, dass ihre Frauen Sex mit anderen Männern haben?

Manche Frauen erzählen ihrem Partner das gar nicht, sondern sagen, dass sie im Massagesalon arbeiten oder eine Domina sind, die keinen Sex mit ihren Kunden hat. Das ist natürlich oft Quatsch. Für eine Sexarbeiterin ist es schwierig, einen passenden Partner zu finden. Manche Partner akzeptieren den Job oder gehen sehr entspannt damit um.

Manche Frauen führen auch eine offene Beziehung. Viele Sexarbeiterinnen sagen, dass es für sie einen großen Unterschied macht, ob sie Sex mit einem Kunden oder ihrem Partner haben: Sexualität mit einem Partner ist viel intimer, weil das der Mensch ist, den man liebt und mit dem man sein Leben verbringt.

Wie viele Kunden hat eine Prostituierte eigentlich am Tag?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Zeiten sind wirklich schlecht geworden. Ich habe kürzlich Frauen auf der Reeperbahn angesprochen. Die sagten, dass sie im Schnitt drei Freier pro Nacht haben. Das ist nicht viel, denn die Preise sind im Keller.

Wenn man in einem guten Bordell arbeitet, können es auch fünf oder sechs Kunden am Tag sein, das sind echte Spitzentage. Jede Prostituierte freut sich über solche Tage, denn wir wollen ja viele Freier haben. Damit verdienen wir unser Geld.

Wie ist das eigentlich, wenn es Probleme mit einem Freier gibt oder eine Frau das Gefühl hat, dass es ihr Probleme macht, Sex gegen Geld zu haben?

Alle denken immer, dass wir jeden Freier machen müssen. Das ist definitiv nicht so. Wenn die Chemie überhaupt nicht passt, dann will auch der Kunde nicht bleiben. In der Regel merkt man es bereits am Telefon, ob es passt. Dann kann man auch nein sagen oder eine Kollegin empfehlen.

Ansonsten gibt es in den größeren Städten viele Beratungsstellen für Prostituierte. Wir können dort offen reden und Informationen und Unterstützung bekommen. Wir wollen uns dort nicht schämen müssen, sondern ein bestimmtes Problem gelöst bekommen.

Das klingt alles so positiv. Aber was ist eigentlich mit Frauen, die illegal als Prostituierte arbeiten?

Es gibt keine illegale Prostitution. Prostitution ist legal in Deutschland. Es gibt vielleicht Menschen mit einem illegalen Aufenthaltsstatus, die in der Prostitution arbeiten. Das ist inzwischen aber sehr selten, da der Zoll und die Polizei intensiv kontrollieren. Aber natürlich gibt es auch echt problematische Situationen.

Dafür sind die Beratungsstellen da. Und es kommt natürlich auch vor, dass Frauen sich nicht wohlfühlen und gerne etwas anderes machen möchten. Das ist vielleicht wie bei einem Chirurg. Wenn er kein Blut sehen kann, gewöhnt er sich mit der Zeit daran – oder aber er ist falsch in seinem Job. Dann sollte er besser etwas anderes machen.

Als das Prostitutionsgesetz verabschiedet wurde, war zunächst angedacht, dass Bordelle Prostituierte anstellen sollen, damit sie Zugang zu Sozialleistungen haben und einen Rentenanspruch erwerben. Das wurde aber nicht umgesetzt. Wäre das nicht ein Vorteil für die Frauen?

Theoretisch wäre das gut, aber es passt nicht zur Branche. Für viele Frauen ist es wichtig, dass sie sich ihre Arbeit frei einteilen können. Sie wollen flexibel sein und vielleicht zwischendurch aufhören, wenn beispielsweise ihr Kind krank ist oder sie genügend Geld verdient haben.

Wobei man mit dieser Arbeit nur selten reich wird. Ich schätze, dass die meisten Sexarbeiter weniger als das Durchschnittsgehalt nach Hause bringen.

Wie sieht es denn mit der Krankenversicherung und Rücklagen für die Rente aus?

Fast alle Frauen sind krankenversichert. Es kommt bei Migrantinnen manchmal vor, dass ihre Vorversicherung nicht anerkannt wird. Dann wird es schwierig. Sie haben dann nur noch Anspruch auf eine Notfallversorgung.

Wer sich prostituiert, ist selbstständig und muss sich wie alle Selbstständigen für die Rente selbst absichern. Manche Sexarbeitende vernachlässigen das, weil sie glauben, dass sie nur vorübergehend in dem Bereich arbeiten. Und plötzlich stellen sie fest, dass daraus 30 Jahre geworden sind.

Würden Sie anderen Frauen empfehlen, als Prostituierte zu arbeiten?

Das kommt ganz auf die Frau an. Eine pauschale Empfehlung würde ich nicht aussprechen. Ich würde mich mit der Frau unterhalten und schauen, warum sie diese Arbeit machen möchte und wie sie sich die Tätigkeit und ihren Verdienst vorstellt.

Ihr muss klar sein, dass die gesellschaftliche Stigmatisierung für sie groß sein wird. Und sie muss lernen, Grenzen zu setzen und zu entscheiden, was sie anbietet – und was nicht.

Johanna Weber ist Sprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD). Sie arbeitet als Domina in einem Studio in Berlin.
Informationen über Beratungsstellen für Prostituierte gibt es im Internet unter der Adresse www.bufas.net.
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