Stefan Raab hat zum Jahresende seinen TV-Rücktritt angekündigt. Damit wird der beliebte Entertainer zwar nicht arbeitslos, dennoch sieht es so aus, als wenn der Arbeitsalltag von Raab deutlich ruhiger werden könnte. Wir sprachen mit Karrierecoach Louis Lewitan über den entscheidenden Wendepunkt im Leben des ehemaligen Metzgers.

Wird Stefan Raab nach seinem TV-Rücktritt in ein emotionales Loch fallen?

Louis Lewitan: Er wird nicht in ein Loch fallen, weil er den ganzen Prozess seines Abgangs bestimmt. Das war keine schnelle Entscheidung. Als Stratege hat sich Raab seit längerem mit der Frage befasst. Schon vor Jahren hat er angekündigt, dass er weder für seine Kinder noch für das Publikum ein Unterhaltungs-Onkel werden will.

Leute fallen dann in ein Loch, wenn sie abhängig sind von ihrer Arbeit und nichts anderes gemacht haben. Aber Stefan Raab wird weiterhin kreativ bleiben und vor Ideen sprühen.

Für Stefan Raab wird es also mit anderen Aktivitäten weitergehen?

Genau, er hat einen Plan B und ist nicht hilflos. Er ist alles andere als ein Spielball.

Der Entertainer hat gerade seine Entscheidung verkündet und hat noch etwa ein halbes Jahr im TV vor sich. Was bedeutet das für ihn?

Er wird auf hohem Niveau weitermachen, weil er ein Profi ist. Er wird weiterhin die Begeisterung aufbringen, die er seinen Zuschauern schuldig ist und weiß trotzdem, dass er sich in einer Doppelrolle befindet. Auf der einen Seite will er seinen eigenen Ansprüchen genügen und auf der anderen Seite sich geistig-emotional verabschieden.

In einem "Zeit"-Interview hat der Moderator angekündigt, das er mit einem Katamaran die Welt umsegeln will. Auf was lässt das schließen?

Kreative Menschen leben nicht davon, dass sie sich wiederholen. Wenn man wie er über 2.000 "TV Total"-Sendungen mit Engagement gemacht hat, braucht man danach erst einmal Abstand. Er muss ja nicht nur kreativ sein, sondern das auch als Moderator ausstrahlen. Jetzt braucht er Distanz. Das Meer steht für Freiheit. Der Unterhaltungsapparat kann für Kreative wie Gift sein. Deswegen ist ein Ausstieg gut, um danach wieder neue Ideen zu haben.

Sie haben schon viele Führungskräfte im Arbeitsleben begleitet. Haben Sie Tipps, wie Raab oder auch Menschen in einer ähnlichen Lage die kommende Leere ausfüllen können?

Das Leben ist mehr als Arbeit. Wer sich nur über Arbeit definiert, der ist wie jemand, der nur ein Bein hat. Irgendwann wird er umfallen. Außerdem brauchen Menschen etwas, was sie definiert. Wenn man Anerkennung und Selbstbewusstsein nur von der Arbeit bekommt, dann ist der Lebenshorizont eingeengt. Folgende Fragen sind entscheidend: Wer bin ich? Was macht mich aus? Und wer will ich sein? Es gibt viele Felder für ein Engagement. Etwa im Sozialen oder für die Familie. Auch das ist wichtig: Gibt es für mich jenseits von Aktivität und Hetze ein erfülltes Leben?

Stefan Raab ist ein Tausendsassa. Wie schätzen sie das ein, könnte es ein Rücktritt vom Rücktritt geben?

In Deutschland definieren sich viele Menschen über Erfolg. Scheitern ist ein No-Go. Wer gescheitert ist, kann angeblich nichts daraus lernen. Aber es gibt unterschiedliche Lebensphasen. "Never say never", hat der große Lebensphilosoph James Bond gesagt. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Das Leben besteht aus Möglichkeiten. Wir sollten unsere Chancen erkennen. Stefan Raab ist wie ein "Rolling Stone". Er setzt kein Moos an, er definiert sich nicht über Scheitern, sondern über die Chancen, die er hat.

Louis Lewitan (Jahrgang 1955) ist Diplom-Psychologe und zählt zu den bedeutendsten Stressexperten in Deutschland. Der Franzose arbeitete unter anderem sechs Jahre für die New Yorker Stiftung "International Study of Organized Persecution of Children". Außerdem berät er Führungskräfte von Konzernen und mittelständischen Unternehmen.