Haben Sie das Gefühl, in einem Irrenhaus zu arbeiten? Ihre Kollegen nerven? Ihr Chef spinnt? Und vor lauter Arbeitsüberlastung treiben Sie Raubbau an Ihrer Gesundheit? Wenn Sie diese Fragen mit "Ja" beantworten, dann ist es Zeit, ein paar Überlebenstipps von Karrierecoachs zu beherzigen.

Die Kollegen drehen am Rad und rauben Ihnen den letzten Nerv. Was raten Sie Mitarbeitern, die in dieser Situation sind?

Dr. Manuel Tusch: Tief durchatmen! Das beruhigt und nimmt aus der Situation die Emotionalität. Sehen Sie Ihr Gegenüber als Spiegel! Vielleicht erkennen Sie, dass Ihre Kollegin genau die Dinge tut, die Sie selbst auch tun und vielleicht nur nicht wahrhaben wollen. Gerne regen sich z. B. Dauerzuspätkommer über Kollegen auf, die ebenfalls zu spät kommen.

Der Chef überhäuft einen Mitarbeiter mit Aufträgen oder durchkreuzt immer wieder seinen Arbeitsalltag. Welchen Rat haben Sie für ihn?

Dr. Volker Kitz: Fangen Sie an, Ihren Chef zu führen. Konkret: Versuchen Sie herauszufinden, was seine Bedürfnisse sind. Wenn Sie ihm gegenüber etwas durchsetzen wollen, dann argumentieren Sie aus seiner Perspektive! Wenn Sie zum Beispiel vormittags lieber eine Stunde später zur Arbeit kommen wollen sagen Sie: "Ich biete Ihnen gerne an, dass ich morgens eine Stunde später komme, damit ich abends hier noch die Stellung halten kann. Dann kommen Sie rechtzeitig zum Tangotanzkurs mit Ihrer Frau."

In der Abteilung oder im Team herrscht miese Stimmung. Welche Tricks gibt es, um sich von der schlechten Laune anderer nicht anstecken zu lassen?

Volker Kitz: Fragen Sie sich: "Wer bin ich?", "Was bin ich mir wert?" und "Will ich mich wirklich von den Launen meiner Mitmenschen steuern lassen?" Halten Sie sich grundsätzlich von notorischen Nörglern fern. Diese vergiften Ihnen das Leben. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen darüber hinaus, dass wir durch Gestik und Mimik unsere Gefühle steuern können. Die sogenannte Facial Feedback-Theorie rät: Es reicht, dass wir die Mundwinkel zu einem Lächeln bewegen. Dadurch kommt es zu Endorphinausschüttungen im Gehirn. Wer lacht, kann die anderen damit anstecken.

Kollegen bitten ständig um Hilfe, so dass der Mitarbeiter selbst kaum dazu kommen, seine eigenen Pflichten zu erfüllen. Wie schaffen es Ja-Sager, auch einmal "Nein" zu sagen?

Manuel Tusch: Machen Sie als notorischer Ja-Sager den Preisvergleich: Was kostet Sie das Nein-Sagen? Meistens ist der Preis dafür ein ungutes Gefühl. Aber wie schwer wiegt dieses Gefühl im Vergleich zur Belastung, die Sie sich durch das Ja-Sagen aufhalsen? Dieser Preis ist deutlich höher. Unterm Strich ist das Nein-Sagen die vorteilhaftere und mittelfristig angenehmere Variante.

Manche Mitarbeiter haben das Gefühl, in einem Irrenhaus zu sitzen. Was können sie tun?

Karrierecoach Martin Wehrle: Viele Mitarbeiter täuscht ihr Gefühl nicht, denn sie sitzen tatsächlich in einem Irrenhaus. Um aber zu erkennen, wie irre im eigenen Betrieb gedacht und gearbeitet wird, ist es am Besten, die Situation zu analysieren. Welche Werte hat Ihre Firma? Passen diese überhaupt zu Ihren Überzeugungen? Handelt es sich bei dem Irrsinn lediglich um Schrullen der Firma oder stimmt etwas mit dem Arbeitgeber grundsätzlich nicht? Wer bei dieser Analyse zum Beispiel feststellt, dass es der Firma nur um Gewinnmaximierung geht und immer wieder Kunden über den Tisch gezogen werden, er selbst aber eine ehrliche Haut ist, sitzt wirklich im falschen Boot.

Welche anderen Warnzeichen sollten Mitarbeiter bei der Analyse beachten?

Martin Wehrle: Ein Warnzeichen ist es, wenn sich eine Firma widersprüchlich benimmt, wenn sie etwa einerseits in ihren Leitlinien hohe Ideale verkündet, andererseits aber ihr Betriebsalltag von der Profilsucht der Führungsebene bestimmt wird. In vielen Unternehmen geht es gar nicht mehr um den Kunden und seine Bedürfnisse, sondern nur darum, dass es alle Mitarbeiter dem Chef recht machen. Andere Unternehmen betreiben die hohe Schule des Dilettantismus: Die Firma wird in fahrlässiger Weise geführt und am laufenden Band werden unprofessionelle Entscheidungen getroffen. Solche Firmen schaden sich selbst.

Aber mit der Analyse allein ist es nicht getan, oder?

Martin Wehrle: Wer seine Firma auf die Spur gekommen ist, der sollte Konsequenzen ziehen. Ist sie wirklich durch und durch von Irrsinn, Dilettantismus oder Profilsucht geprägt und passt das so gar nicht zu Ihnen, sollten Sie sich nach einem neuen Job umsehen. Denn so werden Sie auf Dauer nicht glücklich... und es färbt auch noch auf Sie ab! Deshalb sollten Sie nicht zu lange in so einem System durchhalten, sondern sich einen neuen Arbeitgeber suchen, der besser zu Ihnen passt.

Literaturtipps:

Volker Kitz, Manuel Tusch: Ich will so werden, wie ich bin, Für Selberleber, Frankurt a. M. 2011, 224 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-593-39218-9

Martin Wehrle: Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag, Berlin 2011, 288 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-430-20097-4