Der Tod ist für Karen Marsollier Teil ihres Arbeitsalltags. Seit 17 Jahren begleitet die Krankenschwester im Ricam Hospiz in Berlin Menschen auf ihrem letzten Weg und versucht diesen gemeinsam mit ihren Kollegen, so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir haben mit der stellvertretenden Pflegedienstleiterin über die Lebensqualität von Sterbenden, die Vorbereitung auf den Tod und den angemessenen Umgang mit Angehörigen gesprochen.

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Frau Marsollier, Sie arbeiten in einem Hospiz mit schwerkranken Menschen, denen der Tod bevorsteht. Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?
Karen Marsollier: Wir gehen sehr achtsam mit Menschen um, die ins Hospiz kommen. Viele sind nach etlichen Krankenhausaufenthalten "dünnhäutig" geworden, müssen hier manchmal wieder lernen, als Mensch im Mittelpunkt zu stehen. Deshalb dauert die Pflege länger und muss manchmal auch von zwei Personen übernommen werden, weil die Patienten sonst starke Schmerzen hätten.

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Uns ist es sehr wichtig, den Menschen in seiner seelischen Verfassung und in seinem Sterbeprozess zu begleiten. Wir betrachten den Menschen nicht nur als Einzelperson, sondern nehmen ihn mit seinem ganzen Familiensystem und Freundeskreis wahr. Jeder Mensch hat in seinem Leben bestimmte Rollen. Er ist Vater, Opa, Freund oder Bruder. Wir versuchen, ihn in seinem Umfeld zu stärken, damit er das alles wieder sein kann und nicht nur der kranke Mensch.

Was muss man als Hospizmitarbeiter mitbringen, um diese Arbeit leisten zu können?
Unser Team besteht aus geprüften Pflegefachkräften. Im Laufe der Zeit haben wir Fortbildungen oder Palliative-Care Zusatzausbildungen absolviert. Die wichtige Voraussetzung für diese Arbeit ist aber, dass man Verständnis und Liebe zum Menschen mitbringt und nicht nur denkt: Das ist meine Arbeit und die mach‘ ich jetzt.

Im Fokus steht es, Menschen achtsam zu begegnen, um ihnen zu helfen selbstbestimmt trotz Krankheit zu leben – bis zuletzt. Dafür muss man offen für neue Situationen sein, da jeder Mensch, der zu uns kommt anders ist und unterschiedliche Bedürfnisse hat.

In Krankenhäusern oder Seniorenheimen haben die Pflegekräfte oft nicht viel Zeit und hetzen von Patient zu Patient. Ist das bei Ihnen anders?
Wir haben im Hospiz einen ganz anderen Personalschlüssel. Darüber hinaus werden wir durch ehrenamtliche Hospizhelfer unterstützt, manchmal auch durch engagierte Auszubildende. Wir können uns Zeit nehmen für jeden einzelnen, sprechen mit Patienten und deren Angehörigen, hören ihnen zu und spenden Trost.

Wie gibt man schwerkranken Menschen Lebensqualität?
Indem man ihnen zum Beispiel einen abwechslungsreichen Tagesablauf ermöglicht. Bei uns liegen Patienten nicht nur in ihren Zimmern und werden "gepflegt". Jeder kann intensiv am Leben teilhaben. Dafür holen wir viele Künstler und Musiker ins Hospiz. Klassische Musik, Gospel, Rock, Blues – die Musiker treten in unserem Wintergarten oder im Garten auf. Falls jemand sein Zimmer nicht mehr verlassen kann, singen sie auf Wunsch auch dort.

Regelmäßig finden Bilderausstellungen statt, die wir mit einer Vernissage eröffnen, an denen unsere Patienten teilnehmen, durch die Gänge gehen, sich mit dem Künstler unterhalten. Es geht darum, Zeit zu gestalten und Ablenkung zu ermöglichen. Damit sich niemand nur krank und gebrechlich fühlt, sondern ganz und gar als Mensch.

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Wann kommen die Menschen zu Ihnen ins Hospiz?
Die Patienten haben eine Erkrankung, die in wenigen Wochen oder Monaten zum Tod führt, bei der also jede Heilung nach derzeitigem medizinischem Wissensstand ausgeschlossen ist.

Ganz oft haben die Menschen onkologische Erkrankungen. Sie wurden jahrelang therapiert, doch irgendwann bringt diese Therapie keine Besserung mehr, weder in den Symptomen noch in der Lebensqualität. Wenn die Pflege zu Hause ausgeschlossen ist, erstellt ein Arzt mit spezialisierter Zusatzausbildung ein Gutachten, so dass der Patient in einem Hospiz aufgenommen werden kann.

Wie lange leben die Menschen bei Ihnen?
Unsere Statistik besagt, dass Patienten im Durschnitt 27 Tage bei uns leben. Aber das kann natürlich alles heißen. Manchmal kommen Patienten zu uns und sterben wenige Stunden später. Eineinhalb Jahre ist der längste Zeitraum, in dem ein Mensch bei uns war.

In dieser Zeit bauen Sie und Ihre Kollegen Beziehungen zu Ihren Patienten auf. Es ist für Sie trotz aller Professionalität sicherlich auch schwierig, zu sehen, dass die Menschen sterben.
Im Krankenhaus haben die Pflegekräfte die Aufgabe, Leben zu erhalten. Bei uns ist es von vornherein klar, dass wir kein Leben erhalten können. Aber wir können dem Menschen Lebensqualität geben. Das ist unsere Hauptaufgabe.

Bevor jemand Lebensqualität erfahren kann, müssen wir belastende Symptome wie Schmerz, Atemnot und Angst reduzieren. Wir haben viele Möglichkeiten, die Symptome zu behandeln. Das ist unser Handwerkszeug. Wenn es uns am Ende gelungen ist, dass jemand bis zuletzt mit nur geringen Beschwerden gut umsorgt gelebt hat - und dazu gehört auch, am Ende keine Angst mehr zu haben, zu gehen - dann ist das für uns ein Erfolg.

So können auch wir mit dem Thema Tod gut umgehen. Aber selbstverständlich – es bleibt traurig, wenn ein Mensch stirbt und auch wir müssen uns damit auseinandersetzen. Die Rituale und die Unterstützung, die wir den Angehörigen geben, helfen uns dabei.

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Braucht man als Mitarbeiter manchmal dennoch seelischen Beistand?
Es gibt sicher Patienten, die uns durch bestimmte Umstände besonders ans Herz wachsen. Das ist dann auch für uns schwierig. Aber wir machen Fallbesprechungen, versuchen, die richtige Sichtweise zu finden, so dass es uns ein stückweit leichter fällt.

In der Regel ist es so, dass man sich diesen Beistand nicht im privaten Bereich sucht, sondern hier im professionellen Umfeld. Wir sind ein gutes Team, wir können uns in den anderen hineinversetzen, weil wir die Situationen täglich miteinander erleben. Diese Gespräche sind hilfreich. Aber wir haben natürlich auch Supervisionen und Psychologen an unserer Seite.

Nehmen Sie die Arbeit trotzdem noch mit nach Hause?
Wir sind ja alle Menschen. Natürlich reflektiert man immer wieder. Auch zu Hause. Aber das passiert aktuell und nicht über Monate. Wenn man eine Situation reflektiert hat, kann man in der Regel auch loslassen.

Hat sich durch Ihre Arbeit Ihre Einstellung zum Tod geändert?
Wenn jemand sterben würde, der mir nahe steht, wäre das für mich als Hospizmitarbeiterin genauso traurig, wie für jeden anderen auch. Kraft gibt einem das professionelle Wissen aber ganz sicher. Beispielsweise weiß ich, wie bedeutsam Abschiedsrituale sind und kann dies würdevoll gestalten.
Auch in meinem Alltagsleben macht sich die Erfahrung bemerkbar: Ich bin gelassener und überlege sehr genau, ob ich einen Streit ausufern lasse oder Kontakte abrechen soll. Man lernt, Menschen mehr zu schätzen und ist eher bereit, für Dinge zu kämpfen.

Wie gehen Sterbende mit dem Tod um?
Viele glauben, dass sterbenskranke Menschen permanent über ihren Tod nachdenken. Aber so erlebe ich das nicht. Das passiert phasenweise.

Da wir unser Hauptaugenmerk auf Lebensqualität legen, ist Ablenkung auch ein großes Thema. Denn natürlich werden die Menschen immer wieder mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert, und setzen sich ganz individuell damit auseinander. Doch genauso wichtig sind die Pausen zum Luftholen.

Jeder braucht Zeit, um zu begreifen, dass das eigene Leben bald vorüber ist. Die meisten signalisieren von selbst, dass sie über ihr Ende reden wollen. Manche verschließen sich, kapseln sich ab. Andere können sich verbal nicht äußern. Es ist gut, dass wir auch dafür Wege haben, wie beispielsweise unsere Musiktherapeutin. Über Musik können Menschen gut erreicht werden, um emotionale Not zu (er-)lösen.

Was passiert, wenn ein Patient gestorben ist?

Es ist eine Ausnahmesituation: Ein Mensch ist gestorben, Freunde und Verwandte wollen sich angemessen verabschieden.

Dann versuchen wir alles, was mit der Krankheit zu tun hatte, aus dem Zimmer zu nehmen. Wir besprechen mit den Hinterbliebenen, welche Kleidung der oder die Verstorbene tragen soll. Wir versuchen, mit Bildern oder bestimmten Gegenständen im Zimmer auszudrücken, was für den Menschen charakteristisch war. Wir stellen eine Kerze und einen Blumenstrauß vor die Tür, um anzuzeigen, dass dieser Mensch gestorben ist. Wenn die Angehörigen kommen, bieten wir Ihnen an, gemeinsam mit Ihnen Abschied zu nehmen.

Sie sind im Hospiz auch auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Wie können diese unterstützen?
Die Möglichkeiten sind fast unendlich. Wir haben etwa 50 Ehrenamtliche im stationären Bereich, die ganz unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen, die sie sich oftmals selbst aussuchen. Wir haben zum Beispiel eine große Dachterrasse mit vielen Pflanzen. Da haben wir unsere "Power-Flower-Gruppe", die sich um die Bepflanzung und Pflege kümmert. Dann gibt es Helfer, die sich zu den Patienten ans Bett setzen, sich unterhalten oder vorlesen. Andere übernehmen die Sitzwache in der Nacht und sind für Patienten, die Angst haben, einfach nur da. Wie vielfältig die Aufgaben von uns und den Ehrenamtlichen sind, kann man zum Beispiel in einem Video von unserem Haus auf Youtube sehen.

Erleben Sie trotz aller Tragik auch schöne Momente bei Ihrer Arbeit?
Was mir immer in Erinnerung bleiben wird, sind die gelungenen Sterbebegleitungen. Wenn man auch am Ende eines Lebens das Gefühl hat, dass der Patient es geschafft hat, die Dinge zu erledigen, die er erledigen wollte, die Gespräche geführt hat, die er führen wollte. Das gibt mir Kraft.

Wer sich gerne ehrenamtlich engagieren möchte oder mehr über die Arbeit im Hospiz erfahren will, kann sich auf der Homepage des Berliner Ricam Hospiz unter www.ricam-hospiz.de und auf der Seite des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands auf www.dhpv.de informieren.

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