Früher aufstehen, um noch vor der Arbeit Sport zu treiben? Niemals. Bis vor kurzem war meine Einstellung zu Morgensport eindeutig - und zwar eindeutig negativ. Das Problem ist: Ich verspüre auch abends keine besondere Lust, mich in die Laufschuhe zu schmeißen und loszurennen. Doch vom Frühsport hört man immer so viel Gutes. Ich möchte im Rahmen meiner neuen Kolumne "Ausprobiert" ohnehin Themen aus der Gesundheitswelt am eigenen Leib testen. Vielleicht wäre das ja was?

In ihrer Kolumne "Ausprobiert" testet unsere Gesundheitsredakteurin Silke Stadler am eigenen Leib, worüber sie schreibt.

Bevor ich loslege, hätte ich gerne eine Antwort auf die Frage: Welche Vorteile hat Morgensport überhaupt? Ich spreche mit Andreas Moré, Diplom-Sportwissenschaftler und Sportmanager. Von ihm erfahre ich, dass Frühsport nicht per se besser ist als abendliche Bewegung. Es kommt auf den eigenen Typ und auf das Ziel an. Abspecken lässt sich mittels Morgentraining am besten, sofern man vor dem Workout lediglich ein Glas Wasser trinkt und danach eine bis eineinhalb Stunden auf das Frühstück verzichtet. Laut Andreas Moré wird so nämlich der Nachbrenneffekt genutzt: Weil dem Körper schnelle Energie aus Kohlenhydraten vorenthalten wird, zieht er das, was er benötigt, aus dem Fettspeicher und greift so die ungeliebten Pölsterchen an.

Dennoch sollte man auf den eigenen Biorhythmus hören. Bei weiteren Recherchen lerne ich: Zählt man zu den so genannten Eulentypen (auf gut deutsch: Morgenmuffeln), ist abendlicher Sport sinnvoller. Wird man dagegen morgens relativ schnell fit (also Lerchentyp), eignet sich Frühsport hervorragend.

Einen weiteren Vorteil von Frühsport sieht der Sportwissenschaftler darin, dass man sich nach dem Training am Morgen den ganzen Tag über frisch fühlt. Vorausgesetzt man achtet auch beim Mittagessen auf leichte Kost, fällt man nachmittags nicht ins Leistungstief.

Meine Entscheidung ist gefallen: Das muss ich ausprobieren.

Nun muss ich gestehen, dass mein Wecker normalerweise relativ spät klingelt. Um 7:50 Uhr, um genau zu sein. In einem Anflug von schlechtem Gewissen gegenüber Lesern, denen das nicht vergönnt ist, möchte ich mich daher nicht darüber auslassen, wie schwer es mir in den ersten Tagen fällt, mich eine Stunde früher aus dem Bett zu quälen.

Obwohl… ein bisschen Jammern muss erlaubt sein: Schlimm ist doch, dass die Gemütlichkeit des Bettes umgekehrt proportional zur Uhrzeit zu sein scheint. Je weniger Stunden die Uhr anzeigt, desto schöner, sich noch einmal in die Federn zu kuscheln. Deshalb ist es abends um 23 Uhr auch nicht so reizvoll, im Bett zu liegen wie morgens um 7 Uhr. Zumindest folgt die Stadler-Psyche dieser Art von Logik.

Ich fange trotzdem an, mich um 6:50 Uhr aus meiner Bettdecke zu schälen, nur um kurze Zeit später - mächtig stolz - meinem verschlafenen Antlitz im Spiegel zu begegnen: Die erste Hürde ist geschafft, ich bin zumindest schon mal aufgestanden. Rasch Zähne geputzt, ab in die Laufklamotten und los vor die Tür.

Und ich muss sagen: Das hat was. Ich komme dem Leser jetzt nicht mit mentalen Bildern einer friedlichen morgendlichen Stille, denn weder war es nachtschlafende Zeit (um 7 Uhr sind doch erstaunlich viele Menschen unterwegs) noch bietet die Hauptverkehrsstraße, an der ich wohne, die Voraussetzungen für idyllische Nebelschwaden-Szenerien. Aber im nahe gelegenen Park überkommt mich dann doch eine gewisse Naturverbundenheit, die sich bei den sonstigen Laufrunden am Wochenende oft nicht recht einstellen will. Statt der Massen an promenierenden Pärchen, kinderwagenschiebenden Familien und schwitzenden Sportwütigen begegne ich jetzt nur wenigen Menschen. Ein paar Leute führen ihren Hund spazieren und ab und zu kommt mir ein Radfahrer auf seinem Weg zu Arbeit entgegen. Und dann wird sogar noch die Nebelschwaden-Idylle Realität, die über die feuchten Wiesen wabert, während die Sonne langsam höher steigt. Gar nicht so schlecht als Start in den Tag.

Das Allerbeste am Früh-Jogging ist aber das Gefühl, wenn die Anstrengung vorbei ist und ich geduscht am Tisch sitze, um endlich mein Frühstück zu verputzen. Normalerweise bin ich ja kein Frühstücksmensch. Dachte ich zumindest immer. Doch ich habe begonnen, mir die morgendliche Quälerei mit zwei frischen Vollkornsemmeln vom Bäcker zu versüßen statt wie sonst an trockenem Toast zu knabbern. Seither, wenn der Wecker klingelt und ich mir täglich aufs Neue die Frage stelle "Bleibe ich noch eine Stunde liegen oder stehe ich auf?", kann mich auch der Gedanke an Semmeln mit Marmelade und heißen Milchkaffee aus dem Bett holen. Denn Belohnung muss sein. Und belohnt werde ich noch Stunden später, denn tagsüber bin ich fit wie ein Turnschuh, während ich abends wie ein Stein ins Bett falle.

Lesen Sie auch den vorangegangenen Beitrag der "Ausprobiert"-Kolumne: Energiefeldtherapie gegen Naschsucht?

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