Viele haben es selbst schon erlebt: Endlich beginnt der Urlaub - und sofort wird man krank. "Leisure Sickness" nennt sich dieses Phänomen, an dem laut Umfragen jeder Fünfte leidet. Doch woher kommt es? Und was kann man dagegen tun?

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Der letzte Arbeitstag ist überstanden, die Koffer sind gepackt und der Flieger in Richtung Süden startet in ein paar Stunden. Zwei Wochen heißersehnter Urlaub stehen vor der Tür. Es könnte so schön sein. Und dann das: Der Hals beginnt zu kratzen, die Nase läuft und eine lähmende Müdigkeit legt sich über den Körper.

Dieses Krankheitsbild ist vielen Berufstätigen bekannt. "Leisure Sickness", oder auch "Freizeitkrankheit", nennen Experten es, wenn man pünktlich zum Wochenende oder im Urlaub krank wird. Laut einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der IUBH (Internationale Hochschule Bad Honnef-Bonn) ist allein in Deutschland jeder Fünfte davon betroffen.

Auch das Immunsystem macht "Urlaub"

"Workaholics sind ganz besonders gefährdet", meint der Diplom-Psychologe Michael Thiel im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn: Je größer der Stress vor dem Urlaub, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Körper mit der plötzlichen Entspannung nicht zurechtkommt.

Der Psychologe erklärt den Effekt so: "Wenn man bei der Arbeit ans Limit geht und sich dadurch einem relativ hohen Stresslevel aussetzt, schüttet der Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol aus."

Beide sind eng mit dem Immunsystem verknüpft, durch sie arbeitet dieses jetzt auf Hochtouren. Hält dieser Ausnahmezustand an, lernt der Körper, bei Stress erst mal nicht krank werden zu dürfen und gewöhnt sich letztendlich an diese Situation.

Doch wenn endlich der Urlaub vor der Tür steht, fällt das Stresslevel sehr plötzlich. "Viren, die vorher erfolgreich unterdrückt wurden, können dann auf einmal ungehindert zuschlagen", so der Experte. "Im Prinzip beschließt also auch das Immunsystem, endlich mal Urlaub zu machen"

Mit der Ruhe kommt die Krankheit

Das Spektrum der Beschwerden von "Leisure Sickness" kann – je nach Erreger – vielseitig sein. Es reicht von allgemeiner Müdigkeit oder Migräne bis hin zu grippalen Infekten oder Verdauungsbeschwerden. "Am häufigsten treten klassische Erkältungssymptome wie Halsschmerzen und Schnupfen auf", meint Thiel.

Aber auch psychische Probleme können die Folge sein. "Gerade die Menschen, die ihren Lebenssinn aus der Arbeit nehmen, sind dafür besonders anfällig", sagt der Psychologe. Sie sind oft extrem ehrgeizig, können ihre Arbeit nicht so leicht loslassen und sich deshalb schlechter vom Stress lösen. In Ruhephasen kommt dann plötzlich die große Leere, depressive Verstimmungen sind möglich.

Zudem sind diese Menschen selbst im Urlaub oft im "Standby"-Modus, was der Erholung im Wege steht. Das zeigte auch die YouGov-Untersuchung: Laut dieser neigen vor allem diejenigen, die auch in der Freizeit beruflich immer erreichbar sind – sei es per E-Mail oder telefonisch – eher dazu, unter "Leisure Sickness" zu leiden.

Wer also oft zu Urlaubsbeginn krank wird, sollte das als ein deutliches Zeichen sehen, langfristig einen Gang runterzuschalten, rät Thiel.

"Bedenklich ist es auch, wenn Menschen im Alltag nur danach leben, wann der nächste Urlaub ist – also wie lange sie sozusagen durchhalten müssen. Dann sollte die Lebensplanung vor allem auch aus gesundheitlichen Gründen überdacht werden", so der Experte.

Denn irgendwann bleibt es nicht bei vermeintlich harmlosen Zipperlein während der Urlaubszeit. Andauernder negativer Stress fördert unter anderem Rücken- und Kopfschmerzen, Magen-Darm-Geschwüre oder Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Stoffwechsels.

Was kann man gegen "Leisure Sickness" tun?

Allerdings ist es gerade im hektischen Arbeitsalltag nicht immer so leicht, Stress zu reduzieren – vor allem, wenn vor dem Urlaub noch viel erledigt werden muss. Was kann man also tun, um sich gegen die "Leisure Sickness" zu wappnen? Folgende Tipps können helfen:

1. Entspannen lernen

Wichtig sei der regelmäßige Wechsel zwischen An- und Entspannung, meint Psychologe Thiel. Wem das schwerfällt, der kann bewusstes Entspannen trainieren. Yoga, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung sind die Klassiker, um trotz stressigen Alltags auch mal abschalten zu können. Gerade am Anfang gilt dabei: Nichts überstürzen! Lassen Sie es ruhig angehen, auch kleine Schritte sind schon ein Erfolg.

2. Schon vor dem Urlaub zur Ruhe kommen

Auch wenn Sie gerne alle Dinge vom Tisch hätten: Nicht immer muss wirklich alles erledigt sein, bevor man den Urlaub antritt. Manches kann vielleicht auch warten. Fokussieren Sie sich lieber auf all die Aufgaben, die Sie bis jetzt gut gemeistert haben. Und wenn das nicht klappt, hetzen Sie zumindest nicht direkt von der Arbeit zum Flieger. Im Idealfall fahren Sie erst einige Tage nach dem eigentlichen Urlaubsbeginn weg. Denn gerade lange Autofahrten oder Flugreisen strapazieren das Immunsystem zusätzlich.

3. Smartphone ausschalten

Selbst wenn es schwerfällt: Schalten Sie das Smartphone zwischendurch ab und checken Sie keine beruflichen E-Mails. Und über etwas Abstand von der Arbeit sollte sich auch Ihr Chef freuen. Denn letztendlich hat auch er mehr davon, wenn Sie nach dem Urlaub gut erholt wieder zurückkehren.

4. Nicht zu viel erwarten

Erst richtig im Stress und dann soll wie auf Knopfdruck die ganze Anspannung im Urlaub sofort abfallen? Das klappt leider selten. Helfen kann es aber, sich schon im Vorfeld in Stimmung zu bringen: "Man kann sich zum Beispiel im Internet informieren, was man vor Ort alles machen möchte oder was einen am Urlaubsort besonders interessiert", empfiehlt Thiel. So könne die Vorfreude richtig ausgekostet werden. Aber ganz wichtig: Machen Sie sich frei von dem Gedanken, dass im Urlaub immer alles genauso läuft, wie Sie es sich vorgestellt haben.

5. Immunsystem stärken

Regelmäßiger Sport und eine vitaminreiche Ernährung bieten einen guten Ausgleich zur beruflichen Dauerbelastung. Beides hilft dem Immunsystem, besser mit Stresssituationen umzugehen und so auch gegen das Phänomen der "Leisure Sickness" anzukämpfen.

Michael Thiel berät seit über 25 Jahren als Diplom-Psychologe in seiner Praxis. Zusätzlich begleitet er Persönlichkeiten aus der Medienwelt, coacht Mitarbeiter und Manager verschiedenster Firmen und ist als Moderator und psychologischer Experte für Presse, Funk und Fernsehen tätig.
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