Wie gefährliche sind Pestizide? Dieser Frage ging gestern das SWR-Dokuformat "Betrifft" nach.

Bilder von knackigen Äpfeln flimmern über den Bildschirm – idyllisch beginnt die Dokumentation über "Gift auf unseren Feldern". Doch die makellosen Äpfel haben einen Preis: In den Monokulturen müssen Obstbauern ihre Bäume bis zu zwei Dutzend Mal im Jahr spritzen.

Hersteller und staatliche Institutionen werden indes nicht müde zu beteuern, wie sicher Pflanzenschutzmittel seien. Autor Manfred Ladwig nimmt diese These detailliert und kritisch ins Visier: Sind die Umwelteinwirkungen der Pestizide tatsächlich harmlos? Können wir unserem Kontrollsystem überhaupt vertrauen? Und gibt es tatsächlich keine Auswirkungen auf unsere Gesundheit? Die Antworten auf alle drei Fragen sind besorgniserregend.

Verheerende Folgen von Pflanzenschutzmitteln

Inder Ram Babu kann mit bloßen Händen ins heiße Frittieröl greifen.

Der Zuschauer erfährt, dass sich der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln seit 1961 vervierfacht hat, sondern auch, dass die Natur darunter leidet: Kleinstlebewesen und Amphibien verenden schon bei Konzentrationen, die um das Tausendfache geringer sind als der amtliche Grenzwert. Die Konsequenz: Jede dritte ausgestorbene Art in belastenden Kleinstgewässern geht auf das Konto der Pflanzenschutzmittel.

Ein weiterer Schwachpunkt im System ist die Überwachung. In den letzten Jahren haben deutsche Behörden das amtliche Kontrollsystem systematisch ausgedünnt, weil es angeblich so wenig Beanstandungen gebe.

Kontrollen in Privatlaboren

Zudem wird die Kontrolle verstärkt in private Hände abgegeben: Rund 80 Prozent der Untersuchungen laufen bereits in Privatlaboren im Auftrag von Großhändlern und Handelsketten. Das Problem ist dabei: Der Auftraggeber bestimmt, welche Wirkstoffe untersucht werden.

Die USA und Europa könnten unterschiedlicher nicht sein, was die Standards in der Lebensmittelherstellung betrifft. Das Freihandelsabkommen TTIP soll diese Vorstellungen miteinander in Einklang bringen. Was das für die Qualität unserer Lebensmittel bedeuten könnte, macht vielen Angst.

Von den bis zu 500 Wirkstoffen testen die meisten Auftragslabore nur 4 oder 5 – mit der Konsequenz, dass die Labore auch nur dort Grenzwertüberschreitungen feststellen können. Gleichzeitig gibt es einen weiteren besorgniserregenden Trend: Wenn Grenzwerte massiv überschritten werden, passt der Gesetzgeber die erlaubten Höchstmengen einfach an.

Erschreckende Entwicklung

Von Jahr zu Jahr werden rund 40 Prozent der Höchstmengen zum Teil auf das 20fache des Vorjahres erhöht. Statt am Verbraucherschutz scheinen sich die Höchstmengen am Absatzmarkt zu orientieren.

Nur noch ein Antibiotikum wirkt - und dessen Stunden sind gezählt.

Und was ist mit der angeblich sicheren Gesundheit? Die Beantwortung dieser Frage führt den Autor nach Frankreich, wo Parkinson und eine bestimmte Krebsart, das Non-Hodgkin-Lymphom, als Berufskrankheit bei Landwirten anerkannt sind.

BfR gerät in die Kritik

Betroffene fordern, gefährliche Pestizide umgehend aus dem Verkehr zu ziehen. In Deutschland kritisiert der Autor hier vor allem das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das die Wirkungen von Glyphosat und anderen Pestiziden angeblich seit Jahren systematisch verharmlost.

Auch die Arbeit der zuständigen Europäischen Kommission gibt dem Autor wenig Anlass zur Entwarnung: Nichtregierungsorganisationen beschweren sich über intensive Verflechtungen zwischen der Industrie und den zuständigen Behörden. Es gibt Mitarbeiter, die quasi im Drehtürverfahren ihre Posten zwischen Pflanzenschutzmittelherstellern, Kommission, deutschen Behörden und wieder zurück in die Industrie tauschen.

Kostenproblem als Kernherausforderung

Doch was ist die Alternative? Die Landwirtschaft in Kuba musste jahrzehntelang aufgrund des Embargos weitgehend ohne Pflanzenschutzmittel auskommen. Doch spätestens hier kommen Zweifel auf: Diese Art der Landwirtschaft ist personalintensiv. Das kostet.

Kann das also die flächendeckende Alternative für ganz Europa sein? Günstige Lebensmittel haben eben ihren Preis. Und der liegt wohl darin, die Bedürfnisse der industriellen Landwirtschaft über den Umwelt- und Gesundheitsschutz zu stellen.