• Man trägt es immer bei sich und es ist für die meisten unverzichtbar geworden: das Handy.
  • Wann aber wird der automatische Griff zum Smartphone zum Problem? Ein wichtigeres Signal als die Nutzungsdauer: Kontrollverlust.

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Im Bus, im Wartezimmer beim Arzt oder abends auf der Couch, wenn das Fernsehprogramm langweilt: Der Griff zum Smartphone passiert oft ganz automatisch, ohne dass wir darüber nachdenken. Und dann braucht es großen Willen, um die Finger davon zu lassen. Schnell fällt in solchen Zusammenhängen auch mal der Begriff Sucht. In einer Forsa-Umfrage im Sommer 2020 gab beispielsweise die Hälfte der befragten Eltern an, dass sie bei ihren Kindern eine suchtartige Nutzung des Smartphones fürchten.

Doch ab wann wird es wirklich derartig problematisch, dass man womöglich von einer Sucht sprechen könnte? So viel vorweg: Allein am ständigen Griff zum Gerät ist das nicht festzumachen."Es gibt verschiedene Kriterien, anhand derer man das feststellen kann", sagt Tim Aalderink. Er ist Psychologischer Institutsleiter der Schön Klinik in Bad Bramstedt (Schleswig-Holstein) und unter anderem auf Smartphone-Sucht spezialisiert.

Alarmierender als bloße Nutzungsdauer: Stetiger Kontrollverlust

Um von Sucht zu sprechen, sei im Kern der Kontrollverlust entscheidend. Mit anderen Worten: Man hat die Nutzung nicht mehr im Griff. Laut Aalderink kann sich das beispielsweise so äußern:

  • Selbst in unpassenden Situationen - die man tatsächlich auch selbst als unpassend empfindet - nehmen Sie das Smartphone zur Hand - zum Beispiel beim Abendessen im Restaurant mit Freunden.
  • Ein weiteres Beispiel: Sie sind müde und wissen eigentlich, dass Sie schlafen gehen müssten. Doch Sie können sich nicht vom Gerät trennen, surfen und scrollen weiter. Eine mögliche Sucht offenbart sich auch an der Verschiebung von Prioritäten: Wenn selbst die Aufgaben im Job oder die Hobbies hinter dem Smartphone zurückstehen.
  • Auch zeigt sich das Problem daran, dass man trotz negativer Folgen die exzessive Nutzung fortsetzt - also selbst dann, wenn sich Freunde von einem abwenden oder man Schulprobleme bekommt.

Die Nutzungsdauer allein ist jedenfalls kein Beleg für eine Sucht. Zwar ist es aus Sicht von Aalderink bereits viel, wenn jemand außerhalb des beruflichen Kontexts sein Smartphone fünf Stunden täglich nutzt. Doch will er den Blick auf andere Warnsignale setzen.

Einsamkeit oder Frust mit Handy kompensieren? Vorsicht

"Wenn man das Smartphone nicht mehr zum Genuss oder zur Zerstreuung einsetzt, sondern damit Gefühle wie Einsamkeit oder Frust regulieren will, wird es schwierig", erklärt Aalderink.

Die meisten nutzten es aber vor allem zum Spaß und zur Zerstreuung, und das sei auch in Ordnung, selbst wenn es mal länger in der Hand bleibt. Oft nutzen Menschen das Smartphone auch, obwohl sie zum Beispiel gerade einen Film schauen. Diese "Second-Screen-Mentalität" sieht Aalderink nicht so kritisch, er hat auch eine Erklärung dafür: "Die Nutzungsgewohnheiten von Medien und unsere Aufmerksamkeitsspanne haben sich in den vergangenen Jahren einfach verändert. Wir sind auf schnellere und intensivere Reize trainiert. Ich persönlich schaue heute lieber Serien als Filme, weil mir Filme oft zu lang sind."

Simpler Trick verhindert automatischen Griff zum Handy

Dazu kommt die Verfügbarkeit des Smartphones: Wenn wir auf dem Sofa sitzen, einen Film schauen, ihn langweilig finden und das Smartphone liegt neben uns, braucht es nur einen Griff. Früher hätte man aufstehen müssen, um sich ein Buch zu holen. Aus dem letztgenannten Beispiel lässt sich auch die simpelste aber aus Sicht des Experten effektivste Strategie ableiten, um weniger oft ins Smartphone zu schauen.

Sie lautet: Aus den Augen aus dem Sinn. So legt man das Smartphone während des Filmabends einfach in einen anderen Raum. Oder packt es während des Spaziergangs am Strand in den Rucksack, um voll und ganz den Moment aufzusaugen - und nicht ständig das Gefühl zu haben, Fotos mit dem Smartphone machen zu müssen. Zudem kann man Smartphone-freie Zonen definieren, zum Beispiel den Esstisch.

Ein kleiner Schritt hin zu mehr Geräteabstinenz ist das Ausstellen von Benachrichtigungen, einschließlich Vibrationen. Apps an Bord der Geräte wie Bildschirmzeit bei Apples iOS-System und Digital Wellbeing bei Googles Android zeigen einem außerdem schonungslos auf, wie oft und lange man tatsächlich das Smartphone nutzt - möglicherweise liefert das einen Anstoß, diese Zahlen zu drücken.

Hilfe bei Sucht

Fakt ist allerdings: Liegt wirklich eine Sucht vor, helfen diese Tipps wenig. Wer das Gefühl hat, die Smartphone-Nutzung nicht mehr im Griff zu haben, kann sich erstmal an eine Suchtberatungsstelle wenden, die häufig auch mit Rat bei Mediensucht zur Seite stehen. Der nächste Schritt wäre - je nach Schwere des Problems - eine ambulante oder stationäre Therapie. Dabei wird in der Regel zum einen aufgearbeitet, warum man süchtig geworden ist, und zum anderen daran gearbeitet, die Selbststeuerung zu verbessern, damit man nicht mehr dauernd zum Smartphone greift.

Wenn Angehörige süchtig sind

Wer das Gefühl hat, dass etwa der Lebenspartner oder eine Freundin Probleme mit der Smartphone-Nutzung hat, sollte das ansprechen - ohne Druck auszuüben. Wichtig sei hier die Ich-Perspektive einzunehmen, so der Experte. Man sagt zum Beispiel: "Mir fällt auf, dass du sehr viel zum Smartphone greifst. Ich mache mir Sorgen." Man sollte sich über die Suchtthematik informieren und anbieten, darüber zu sprechen. "Und man sollte beharrlich bleiben", sagt Aalderink, "denn der andere wird das oft erstmal abbügeln.

"Bei Kindern ist es aus Sicht des Experten zunächst einmal wichtig, dass man sich als Elternteil generell dafür interessiert, was sie überhaupt machen. "Man muss die Medienkompetenz schulen - und man muss Kontrolle ausüben", rät der Psychologische Psychotherapeut. Das heißt nicht, dass man Verbote aufstellt. "Aber man sollte schon eine Medien- und Bildschirmzeit als Rahmen herstellen, weil die Kinder sonst schnell überfordert sind mit der Smartphone-Nutzung." (dpa/af)