Deutschland diskutiert über eine Impfpflicht, in zwölf EU-Ländern ist sie Realität. Die Erfahrungen zeigen, dass der Zwang zum Impfen nur mit Sanktionen funktioniert - dabei aber auch Misstrauen verstärken kann.

Die Geschichte der Impfpflicht ist fast so alt wie Impfungen selbst. Bereits 1853 beschlossen die Briten mit dem Vaccination Act, dass alle Kinder in ihren ersten drei Lebensmonaten gegen Pocken geimpft werden müssen. Weigerten sich die Eltern, wurde eine Strafe fällig - die allerdings fast nie verhängt wurde. So verfehlte die Pflicht ihr Ziel, 1871 starben bei einer Pockenepidemie mehr als 23.000 Menschen.

Trotzdem verschärfte sich der Widerstand gegen die Behandlung. Anti-Impf-Kampagnen formierten sich. Erst als die Gefahr der Pocken mehr als 30 Jahre später - dank Impfungen - gebannt war, wurde die Pflicht wieder abgeschafft.

Der mehr als 150 Jahre alte Fall verdeutlicht eine Problematik, die bis heute aktuell ist: Impfungen haben das Potenzial, tödliche Krankheitserreger auszurotten. Trotzdem misstrauen Teile der Bevölkerung der Behandlung und bedrohen dadurch auch andere in der Gesellschaft. Die Frage ist: Kann eine Impfpflicht etwas daran ändern?

In zwölf EU-Ländern ist Impfen Pflicht

Während Deutschland aktuell die Möglichkeit verpflichtender Impfungen noch prüfen lässt, haben viele EU-Länder diesen Schritt längst getan. In 12 der 28 Mitgliedstaaten sind Eltern verpflichtet, ihre Kinder gegen mindestens eine Krankheit zu immunisieren. Die Zahl der Pflichtimpfungen reicht von einer (Belgien) bis 14 (Lettland). Bei vielen Ländern Osteuropas fußt das Vorgehen auf jahrelanger Tradition. Andere haben die Pflicht vor Kurzem stark ausgeweitet.

So waren etwa in Frankreich bis Anfang 2018 nur drei Impfungen vorgeschrieben (Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung), mit der Möglichkeit, dem einfach zu entgehen. Wer sich trotz Pflicht gegen die Impfungen entschied, musste keine Strafen fürchten. Vergangenes Jahr hat die Regierung die Zahl der Erreger, vor denen Kinder geschützt werden müssen, auf elf erhöht. Kommen Kinder in die Kita oder in die Schule, müssen Eltern Impfnachweise vorlegen.

Ein Grund für die Entscheidung war, dass nur 78 Prozent der Zweijährigen gegen Masern geimpft waren. Um das Virus effektiv auszurotten, müssten mindestens 95 Prozent geschützt sein.

Ähnlich ist es in Italien, wo die Regierung nach einem Masernausbruch 2017 die Pflichtimpfungen für alle Kinder und Jugendlichen auf zehn ausweitete. In dem Land hatte es zuvor bereits vier Pflichtimpfungen gegeben (Polio, Diphtherie, Tetanus und Hepatitis B), die fast alle befolgten. Bis dahin freiwillige Impfungen wurden jedoch deutlich seltener gemacht.

Hilft Zwang besser als Information?

Die Erfahrungen aus den anderen Ländern zeigen, dass eine Impfpflicht durchaus funktionieren kann - allerdings nur, wenn sie mit harten Sanktionen verbunden ist. In Ungarn etwa hat das Ministerium für Volkswohl bereits 1998 eine Impfpflicht für mehrere Krankheiten eingeführt.

Kommen Kinder in Krippen, Kindergärten oder Schulen, sind die Ärzte dazu verpflichtet, den Impfstatus zu kontrollieren und fehlende Impfungen nachzuholen. Weigern sich Eltern, ihr Kind impfen zu lassen, muss der Schularzt dies der Gesundheitsbehörde melden. Im Zweifel kann es zu Bußgeldern und zu einem Schulausschluss kommen.

Unicef zufolge waren 2016 in Ungarn 99 Prozent der Kinder gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b geimpft - so viele wie in keinem anderem EU-Land. Anderen Staaten wie Luxemburg gelingen ähnlich hohe Quoten allerdings auch ohne Impfpflicht (99 Prozent unter anderem bei Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Polio).

Zum Vergleich: In Deutschland erhielten 95 Prozent der Kinder die Spritzen gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Am schlechtesten schnitt Österreich ab, wo ebenfalls keine Impfpflicht existiert. Dort konnten 2016 nur 87 Prozent der Kinder die dritte Impfdosis gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten vorweisen.

Impfpflicht stärkt das Misstrauen ins Impfen

Klar ist allerdings auch, dass ein Zwang zum Impfen Misstrauen stärken kann. Schon heute ist das Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen in Europa geringer als in anderen Regionen der Welt.

Bei einer aktuellen, EU-weiten Befragung äußerten sich Bürger aus Ländern, in denen eine Impfpflicht existiert, besonders skeptisch: In Bulgarien schätzten nur 66 Prozent Impfungen als sicher ein, gefolgt von den Bürgern Lettlands (68 Prozent) und Frankreichs (70 Prozent). Die Bewohner Bulgariens, Polens und der Slowakei bewerteten Impfstoffe außerdem im EU-Vergleich als am wenigsten wichtig für Kinder.

An der Spitze der Liste hingegen sammeln sich Länder ohne Impfpflicht. Das größte Vertrauen sprachen die Bürger Portugals aus. Dort erklärten 95 Prozent, Impfstoffe seien sicher, 97 Prozent hielten sie für effektiv und 98 Prozent waren überzeugt, dass es wichtig für Kinder ist, geimpft zu sein. In Dänemark hielten noch 94 Prozent Impfstoffe für sicher, in Spanien waren es 92 Prozent.

Deutschland lag bei allen Antworten etwa im Durchschnitt:

Deutschland: Ausschluss von der Schule denkbar

Die Pläne in Deutschland betreffen aktuell ausschließlich die Masernimpfung. Denkbar wäre, das Gesetz so zu ändern, dass Kinder ohne eine Masernimpfung wie in anderen Ländern keine Einrichtungen wie Kitas oder Schulen besuchen dürfen. Da in Deutschland Schulpflicht herrscht, würden den Eltern Strafen drohen, wenn die Kinder den Unterricht nicht wahrnehmen könnten. Mit einkalkuliert wäre, dass mit einem Schulausschluss auch die Kinder unter den Folgen leiden.

Die Sanktionen wären hart - könnten also funktionieren. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich die Pflicht für nur einen Impfstoff auf weitere Impfungen auswirkt. So spricht etwa eine deutsche Studie aus dem Jahr 2016 dafür, dass eine Impfpflicht für einzelne Wirkstoffe das Vertrauen so sehr schwächt, dass Eltern auf weitere, nur empfohlene Impfungen verzichten. Eine weitere Gefahr ist, dass manche Eltern die anderen empfohlenen Impfungen als nicht so wichtig einschätzen, weil sie nicht verpflichtend sind.

Noch wäre es möglich, auch einen Mittelweg einzuschlagen. So könnten etwa alle Schulen in einem Register festhalten, wer vor Masern geschützt ist. Bei einem Ausbruch wäre sofort klar, wer zu Hause bleiben muss. Für die betroffenen Kinder hat jedoch auch das erhebliche Konsequenzen, wie ein Blick nach Hildesheim zeigt. Dort dürfen ungeimpfte Schüler aktuell ein Gymnasium nicht betreten. Manche versäumen deshalb die Abiturklausuren, die wohl wichtigsten Prüfungen ihres Schullebens.

Zusammengefasst: Fast in jedem zweiten EU-Land existiert eine Impfpflicht, die Zahl der verpflichtenden Impfungen reicht von einer (Belgien) bis 14 (Lettland). Durchsetzen lässt sich eine Impfpflicht nur mit harten Sanktionen wie einem Schulausschluss. Der Zwang zum Impfen kann jedoch auch dazu führen, dass das Vertrauen der Bevölkerung in Impfstoffe weiter schwindet.


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