Seit Jahren versuchen Mediziner einen Bluttest zu entwickeln, der Krebs möglichst früh erkennt. Einem Forscherteam aus Heidelberg will dies nun gelungen sein. Ihr Verfahren soll ziemlich sicher Brustkrebs erkennen. Was kann der Test wirklich und wo gibt es möglicherweise Probleme? Wir haben mit Christof Sohn, dem Leiter des Forschungsteams gesprochen.

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In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 70.000 Frauen an Brustkrebs. Je früher die Krankheit entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Forscher aus Heidelberg haben nun ein besonders schonendes Verfahren vorgestellt, mit dem sich Mammakarzinome erkennen lassen – einen Bluttest.

Neu ist der Ansatz nicht, Krebs anhand einer Blutanalyse festzustellen. Bisher gibt es jedoch keinen Test, der in Deutschland als anerkanntes Verfahren gilt. Auch bei dem am Donnerstag vorgestellten Bluttest haben Fachkollegen Zweifel.

Ein Gespräch mit einer unheilbar Kranken über das Leben und Sterben.

Die Ergebnisse sind noch schwer einzuschätzen. Nach Angaben einer Sprecherin des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) ist bislang keine entsprechende Studie in einem Fachmagazin publiziert. Daher könne man dazu noch nichts sagen.

Andere Experten äußerten sich dagegen verhalten kritisch. Tanja Fehm, Direktorin der Universitätsfrauenklinik Düsseldorf, die von "spannenden wissenschaftlichen Daten" spricht, warnt davor, den neuen Bluttest schon jetzt mit Mammografie-Screenings zu vergleichen. Das gebe die Datenlage zum neuen Verfahren derzeit noch nicht her.

Unterarten, Trefferquote, Kosten – wir wollten es etwas genauer wissen und haben mit dem Leiter des Forscherteams, Professor Christof Sohn, über seinen Bluttest gesprochen.

Herr Sohn, Sie haben einen Bluttest entwickelt, der Brustkrebs relativ sicher erkennen soll. Kann dieses Verfahren auch zwischen verschiedenen Unterarten unterscheiden?

Professor Christof Sohn: Der Brustkrebs – egal welche Unterart – geht von der Brustzelle aus. Somit bringt er vom Ursprungsgewebe spezielle Charakteristiken mit, die der Test erkennt. Wir können mit dem Verfahren allerdings nicht die verschiedenen Unterarten bestimmen. Darum geht es auch nicht. Der Test soll nur erkennen, ob da etwas ist oder nicht. Das geht nicht mit einer hundertprozentigen Sicherheit, aber zu 75 Prozent.

Andere Krebsarten kann der Bluttest demnach auch nicht erkennen?

Nein. Aber über ein identisches Verfahren wäre das möglich. Wir sind momentan dabei, einen entsprechenden Test für das Ovarialkarzinom, den Eierstockkrebs, zu entwickeln. Da sind wir auf einem sehr guten Weg.

Ihr Team ist nicht das einzige, das einen Bluttest auf dem Prinzip der Liquid Biopsy zur Krebserkennung entwickelt hat. Inwiefern ist Ihr Test der große Durchbruch, den sie proklamieren? Was ist so bahnbrechend daran?

Es sind drei Dinge: Wir haben die richtigen Marker und wir haben eine große Anzahl an Markern identifiziert – 15 an der Zahl. Außerdem haben wir es geschafft, diese Werte durch einen Algorithmus ins Verhältnis zu setzen.

Uns sind die anderen Arbeitsgruppen bekannt wie etwa ein Team aus den USA, das einen etwas anderen Ansatz verfolgt. Die US-Forscher haben ihren Test anhand der freien DNA entwickelt. Allerdings hat dieses Verfahren bisher nur eine Trefferquote von 33 Prozent bei Brustkrebs. Das ist deutlich weniger als bei unserem Test.

Trotz der hohen Trefferquote: Sind auch Fehlalarme möglich?

Um es klar zu sagen: Fehlalarme sind immer möglich. Es gibt keinen medizinischen Test, der hundert Prozent ergibt. Es gibt eine Trennunschärfe, die immer ein Problem darstellen wird. Dennoch kann unser Test in der Diagnostik sehr hilfreich sein.

Kann der Test Mammografie und MRT ersetzen beziehungsweise obsolet machen?

Bei dem Test handelt es sich um ein diagnostisches Verfahren, das eine Erweiterung darstellt und keinen Ersatz der bisherigen Verfahren.

Wenn durch das neue Verfahren die alten nicht abgelöst werden sollen, inwiefern ist der Test dann eine sinnvolle Erweiterung?

Wenn sich die Zuverlässigkeit des Testes künftig bewährt, könnte man dazu übergehen, zunächst das Blut untersuchen zu lassen. Ist der Test unauffällig, dann kann man mit der bildgebenden Diagnostik warten. Ist der Test auffällig, werden Verfahren wie Mammografie und MRT zur Abklärung herangezogen. Das gilt sowohl in der Nachsorge als auch in der Primärtherapie.

Noch ist das Zukunftsmusik, aber ich denke, es ist möglich. Das große Problem, das wir immer vergessen: In Deutschland gibt es das Mammografie-Screening, welches Frauen ab 50 Jahren in der Vorsorge empfohlen wird. Aber nur 50 Prozent dieser Frauen gehen auch wirklich zum Screening.

Inwiefern kann der Test bei einer Chemotherapie helfen?

Er könnte eine Chemotherapie überwachen. Es ist so, dass der Test die Tumoraktivität anzeigt. Wenn die Tumoraktivität durch die Gabe von Zytostatika zurückgeht, können wir das gegebenenfalls monitoren. Wir führen diesbezüglich gerade Studien durch. Die ersten Ergebnisse sehen sehr gut aus.

Die deutschen Brustzentren behandeln nach der S3-Leitlinie, in der Diagnostik, Therapie und Nachsorge beschrieben sind. Ist es Ihr erklärtes Ziel, dass der Bluttest darin aufgenommen wird?

Davon sind wir noch relativ weit weg. Bevor es in die Leitlinie aufgenommen wird, muss das Verfahren an vielen Brustzentren erprobt sein. Dass wir diesbezüglich hohe Erwartungen wecken, ist uns bewusst. Aber irgendwann muss man anfangen. Das haben wir getan. Im nächsten Schritt werden wir den Test an verschiedenen Zentren einführen.

Werden die Krankenkassen für die Kosten aufkommen?

Bis eine Leistung im Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird, dauert es. Das ist auch zunächst nicht unser Ziel. Wir wollen, dass der Test sich behauptet.

Was wird der Test kosten?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Der Test ist marktreif, allerdings müssen erst einmal die Labore sicherstellen, dass sie ihn routinemäßig anwenden können. Wir gehen davon aus, dass wir den Test im Herbst beziehungsweise Ende dieses Jahres einführen. Bis dahin wird die Kalkulation aufgestellt sein. Mit Sicherheit wird die Preisgestaltung so kostengünstig wie möglich ausfallen.

Zur Person: Professor Christof Reinhard Sohn ist Geschäftsführender Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. Zusammen mit seinem Team hat er ein neues Verfahren entwickelt, das mithilfe eines Bluttests die Erkennung von Brustkrebs verbessern kann.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Professor Christof Reinhard Sohn
  • Antwort des Deutschen Krebsforschungszentrums
  • dpa

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