In ein früheres Leben reisen, dort ein Problem lösen und sich in der Gegenwart besser fühlen? Das ist das Versprechen von Rückführungstherapien. Die Messkriterien für den Erfolg einer solchen Reise zu sich selbst sind wissenschaftlich kaum haltbar – vielmehr können Rückführungen sogar gefährlich werden für den Patienten.

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Einem Menschen geht es schlecht, doch der Grund dafür ist älter als die betroffene Person selbst. Er hat in einem früheren Leben Schuld auf sich geladen, einen Konflikt nicht lösen können oder ein Trauma erlebt. Das zumindest ist die Ausgangsbasis für Rückführungstherapien.

Heute, in ihrem aktuellen Leben, leiden sie unter dieser alten Erfahrung. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie immer wieder in dieselben Situationen geraten oder Gefühle spüren, für die sie keine Erklärung haben. Das klingt nach einer verfahrenen Situation, auf die sich manche Therapeuten inzwischen spezialisiert haben.

Sie bieten an, diese Situation aufzulösen – durch eine Rückführung in ein früheres Leben. Die Klienten werden dabei in eine Trance versetzt, die auch als Regressionstherapie bezeichnet wird.

Dort erleben sie die jeweilige Situation, die für ihre Belastung im aktuellen Leben sorgt, noch einmal und lösen sie dadurch auf. Doch was ist dran an einem solchen Prozedere? Gibt es das eigentlich – ein früheres Leben? Und kann man tatsächlich dorthin zurückreisen?

Es gibt keine Beweise für vorherige Leben

Untersuchungen von rückgeführten Patienten zeigen ein ernüchterndes Ergebnis. "Dafür fehlt jeglicher Beweis", sagt Dr. Krista Federspiel von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften mit Sitz in Roßdorf.

Manche Menschen berichten nach einer Rückführung etwa, dass sie an einen bestimmten Ort gereist seien. Sie können sogar Straßennahmen oder Einwohnerzahlen nennen. "Leider haben diese Angaben bislang nie gestimmt", sagt Federspiel.

Hinzu kommt: Kaum jemand, der eine Rückführung unternimmt, reist dabei in ein Leben als normaler Bürger, Landwirt oder Hausfrau zurück. Die meisten wollen entweder Adelige oder auch Scharfrichter gewesen sein.

Das allerdings ist statistisch gesehen in dieser Häufung sehr unwahrscheinlich. "Es gab einen bekannten Fall, bei dem jemand angab, Gemüsehändler gewesen zu sein", sagt Federspiel.

Dieser Mann nannte die Einwohnerzahl des Ortes, in dem er gelebt haben wollte, und auch seinen Todeszeitpunkt. Ein Lokalhistoriker widerlegte diese Angaben allerdings. Wissenschaftlich belegen lässt sich die Reise in ein früheres Leben also nicht.

Das Gehirn mischt verschiedene Eindrücke und Erinnerungen

Doch wie läuft eine solche Rückführungssitzung überhaupt ab? Nach einem Vorgespräch versetzt der Therapeut oder die Therapeutin den Klienten in eine Trance.

Danach beginnt die eigentliche Rückführung. Wenn sie aber nicht in ein vergangenes Leben führt, was passiert dabei dann im Gehirn? "Das Gehirn speichert viele Eindrücke", sagt Federspiel. "Wir können uns alles Mögliche vorstellen und wissen, wie gut unsere Fantasie funktioniert."

So setzt das Gehirn aus verschiedenen Versatzstücken ähnlich wie im Schlaf ein Erlebnis zusammen. "Die Gefühle, die man dabei spürt, sind real", sagt Federspiel.

"Die Fantasie kann echte Gefühle erzeugen. Allerdings beruhen sie nicht auf einem früheren Leben." Ähnlich wie in einem Traum glaubt man nach dieser Erfahrung, bestimmte Dinge erlebt zu haben und spürt beispielsweise Angst, Entsetzen oder Scham.

Erlebnisse werden oft später nicht aufgelöst

Nun könnte man auf dieser Grundlage sagen: Eine Rückführung lässt sich auch als eine Art innere Bühne verstehen, auf der Menschen ihre Konflikte bildhaft austragen und auflösen.

Sie beruht dann jedoch nicht auf einer realen Reise in die Vergangenheit, sondern zeigt Probleme und Lösungsansätze sehr bildhaft. Ähnliche Verfahren werden mit Imaginationen oder Fantasiereisen manchmal auch in der Psychotherapie eingesetzt.

Soweit, so fachlich belegbar. "In der Psychotherapie werden Fantasiereisen mit dem Patienten besprochen", sagt Federspiel. Als Arzt oder psychologischer Psychotherapeut darf nur jemand arbeiten, der eine entsprechende Ausbildung hat. Doch die Begriffe Reinkarnationstherapeut oder Rückführungstherapeut sind nicht geschützt.

"Es geht darum, dass er [der Therapeut, Anm. d. Red.] die Fantasiereise für sich interpretiert und darauf aufbauend einen Weg für sich entwickelt." Dieses Element fehle bei Rückführungen in der Regel. Diese werden nicht aufgelöst – und dadurch können weitere Probleme entstehen.

Eine Rückführung kann psychische Probleme auslösen oder verstärken

Eine Rückführung kann nämlich durchaus gefährlich werden. "Es sind Fälle bekannt, in denen dadurch zum Beispiel eine Psychose ausgelöst worden ist", sagt Federspiel. "Es ist fragwürdig bis gefährlich, wenn ein Therapeut verspricht, dass er mit einer Rückführung Probleme lösen kann."

Dafür sollen häufig eine oder zwei Sitzungen ausreichen, während eine Psychotherapie im Vergleich deutlich länger dauert. "Es wäre schön, wenn es so einfach funktionieren würde", sagt Federspiel.

Psychische Probleme verstärken sich jedoch häufig, je länger sie andauern. Und darin liegt eine große Gefahr. Wer Hilfe bei einem Regressionstherapeuten sucht, statt sich einem Arzt anzuvertrauen oder eine Psychotherapie zu beginnt, der verspielt Zeit, in der es ihm hätte bereits besser gehen können.

Schlimmer noch: "Die Regression kann die Probleme deutlich verstärken", sagt Federspiel. "Wer psychisch krank ist, der riskiert dabei Gewaltiges."

Krankenkassen erkennen das Verfahren nicht an

Die Expertin warnt zudem vor falschen Heilungsversprechen. "Es gibt keine Dokumentationen oder klinische Studien, die eine Heilung durch eine Rückführung bestätigen würden. Das Verfahren ist beispielsweise auch von den Krankenkassen nicht anerkannt."

Da der Begriff nicht geschützt ist, darf sich jeder als Rückführungstherapeut bezeichnen – auch ohne entsprechende Ausbildung oder womöglich nach einem Wochenendseminar.

Wer aber nicht psychotherapeutisch ausgebildet ist, der ist nicht in der Lage, einen Klienten entsprechend aufzufangen oder psychische Probleme vorab zu erkennen, die gegen eine Rückführung sprechen könnten.

Eine weitere Gefahr liegt Federspiel zufolge in der Hypnose. "Wenn sie nicht gut beendet wird, kann auch das schwere psychische Probleme nach sich ziehen."

Oft geht es um eine Schuld aus der Vergangenheit

Riskant kann eine Rückführung vor allem dann werden, wenn jemand damit Probleme lösen will. "Die Frage ist immer, mit welcher Motivation man ran geht", sagt Federspiel.

Manche Menschen sind schlicht neugierig und hoffen auf ein interessantes Erlebnis. Doch auch für sie kann eine Rückführung unangenehm werden. Hinzu kommt noch: In der Regel geht es bei einer Rückführung darum, eine Schuld aus der Vergangenheit aufzulösen.

"Das Thema Schuld spielt bei dieser Therapieform oft eine sehr große Rolle", sagt Federspiel. "Dadurch bekommen die Menschen den Eindruck, dass sie selbst schuld daran sind, dass es ihnen nicht gut geht."

Das sei problematisch. "Bei psychischen Problemen geht es nicht um Schuld. Dabei spielen immer viele Ursachen eine Rolle, die unterschiedlichste Wirkungen entfalten. Aber wer psychische Probleme hat, der sollte nicht das Gefühl bekommen, dass er schuld daran ist."

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