Wird der Döner aus Europa verbannt? Eigentlich wollte ein EU-Ausschuss nur eine Rechtslücke schließen. Dann kam es zu einer Diskussion über Phosphat-Zusätze in Lebensmitteln. Schon Ende 2018 könnten die Drehspieße stillstehen.

Dass es gesündere Lebensmittel als Döner gibt, dürfte wohl niemanden überraschen. Bislang mäkelten gesundheitsbewusste Menschen jedoch vor allem über fettige Soßen, fettiges Fleisch, überhaupt zu viel Fleisch.

Jetzt könnte der Döner in der EU aus einem anderen Grund verboten werden: Phosphate. Das sind Zusatzstoffe, die nicht nur im Dönerspieß, sondern auch in vielen anderen Fleisch- und Wurstwaren, in Kuchen, Cola, Fischkonserven und weiteren Lebensmitteln stecken.

Indem sie Wasser binden, bringen Phosphate für die Lebensmittelindustrie gleich mehrere Vorteile: Sie erhöhen das Gewicht, machen eigentlich trockenes Fleisch saftiger und verbinden Fleischstücke miteinander.

Studien weisen jedoch auch darauf hin, dass eine erhöhte Phosphat-Konzentration im Körper Herz, Nieren und Kreislauf schaden könne. Dass ausgerechnet der Dönerspieß deshalb Probleme bekommt, hat vor allem mit Pech zu tun.

Tiefgefrorenes, rohes Fleisch als Rechtslücke

Eigentlich wollte der Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit des Europäischen Parlaments diese Woche nur eine Rechtslücke im Hinblick auf die Dönerspieße schließen.

Der Einsatz von Phosphaten in verzehrfähigen Lebensmitteln ist in Europa seit Jahren erlaubt und mit Grenzwerten reguliert, dies erstreckt sich auch auf das gare Dönerfleisch. Bei der Regelung wurde jedoch vergessen, Phosphat-Zusätze in rohem, tiefgefrorenem Fleisch miteinzubeziehen.

Der rohe Dönerspieß, der in der Imbissbude angeliefert wird, dürfte eigentlich kein zugesetztes Phosphat enthalten.

Statt diese Lücke zu schließen, legten Grüne und Sozialdemokraten jedoch einen Einspruch ein, mit Erfolg. Die Entscheidung zur Rechtsmäßigkeit der Spieße wurde vertagt.

Der Grund: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa prüft aktuell, ob es neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gesundheitsgefahr durch Phosphat-Zusätze gibt.

Prüfung bezieht sich nicht allein auf Dönerfleisch

Dabei handelt es sich um einen grundsätzlichen Vorgang, der sich nicht nur auf das Dönerfleisch bezieht. Das Ergebnis soll Ende 2018 vorliegen.

Erst dann will das Europäische Parlament erneut über die Spieße entscheiden. Bis dahin bleibt alles, wie es ist. "Dönerspieße können wie bisher produziert und verkauft werden. Niemand muss auf seinen Döner oder Gyros verzichten", erklärt Susanne Melior, SPD-Europaabgeordnete aus dem zuständigen Ausschuss.

Wenn es um die Gesundheit gehe, sollte es keine Eile geben, sagte Sprecherin Miriam Dalli von den europäischen Sozialdemokraten in einer Pressemitteilung.

Andere hingegen sehen die Döner-Diskussion kritisch, vor allem vor dem Hintergrund des breiten Einsatzes von Phosphaten in der Lebensmittelindustrie.

Renate Sommer etwa bedauert die Entscheidung des Umweltausschusses. Die Europaabgeordnete der CDU sieht einen ganzen Restaurantzweig in Gefahr - und nicht die Gesundheit der Dönerkonsumenten.

Verbot würde zum Erliegen der Dönerproduktion führen

"Ohne Phosphatzusatz würden die Drehspieße beim Grillen in sich zusammensacken und wären innen noch roh, selbst wenn die Außenseite schon fast verbrannt wäre", erklärt die Europaabgeordnete Sommer in einem Facebook-Eintrag.

Technische Alternativen gäbe es nicht. Aus diesem Grund würde ein Verbot des Zusatzes die Dönerproduktion zum Erliegen bringen.

Zu einer möglichen Gesundheitsgefahr nimmt Sommer ebenfalls Stellung: "Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft eine Aufnahme von bis zu 4.200 mg Phosphat pro Tag als unbedenklich ein", beschreibt sie die aktuellen Empfehlungen.

"Eine Portion Döner enthält aber gerade einmal 134 mg Phosphat." Zum Vergleich: Ein Glas Cola (0,3 Liter) darf bis zu 210 Milligramm Phosphat enthalten.

Auch abseits von Döner und Cola ist es als Konsument kaum möglich, zugesetzten Phosphaten zu entgehen. Auf den Verpackungen von Lebensmitteln finden sich Phosphate unter den Zusatzstoff-Nummern E338 bis E341, E343 sowie E450 bis E452.

Ein besonders kritischer Blick lohnt sich bei Schinken, Wurst, aber auch Fischkonserven und Backwaren. In welchen Mengen die Stoffe enthalten sind, erfährt der Verbraucher indes nicht.

Falls Phosphat gefährlicher ist als bisher angenommen, sollte die EU also grundsätzlich ihre Regulierungen überdenken - und nicht ein einzelnes Lebensmittel verbannen.

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