Liebe ist das Größte im Leben – aber nicht gerade das Unkomplizierteste. Was, wenn der Partner an seinen Gefühlen zweifelt? Wie sprechen wir über Sex? Und woran erkenne ich, dass es Zeit ist für eine Paartherapie? Die Therapeutin Anette Frankenberger beantwortet hier Ihre Fragen.

  • Hilfe, mein Partner ist sich über seine Gefühle nicht mehr im Klaren
  • Warum fällt es so schwer, über Sex zu sprechen?
  • Was tun, wenn der andere bei Konflikten einfach nur schweigt?
  • "Ich will, dass du …" Das soll eine Ich-Botschaft sein?
  • Ich möchte eine offene Ehe führen, meine Frau aber nicht – was tun?
  • Wann ist es Zeit für eine Paartherapie?

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"Am schwersten fällt es uns, über Sex zu sprechen", "Meine Frau macht zu, wenn ich mit ihr über unsere Beziehung reden will", "Wir streiten uns schon darüber, was eine Ich-Botschaft überhaupt ist": Vielfaches Leserecho erreichte unsere Redaktion nach unserem kürzlich veröffentlichtem Artikel "Veliebt, verlobt, verflixt: Manchmal fehlt nicht die Liebe, sondern etwas ganz anderes".

Die zahlreichen Fragen zeigen, wie wichtig – aber zugleich schwierig - Kommunikation in Beziehungen ist. "Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht", lesen wir entsprechend bei William Shakespeare. Eine Auswahl von Leserfragen beantwortet hier die Münchner Paartherapeutin Anette Frankenberger. Am Ende des Textes haben auch Sie die Möglichkeit, uns Ihre Frage zu schicken.

"Mein Freund sagt, er ist nicht sicher, ob die Gefühle noch da sind. Was soll ich davon halten?"

Wenn man sich in einer Beziehung Gedanken machen muss über seine Gefühle, ist das kein gutes Zeichen. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir immer, ob wir jemanden lieben oder nicht. Daher sollte die aufrichtige Antwort auf Ihre Frage "Liebst du mich noch?" lauten: "Nein, ich liebe dich nicht mehr." Es hilft, das auch festzuhalten, denn mit solch einer Basis lässt sich weiterfragen: was es ist, das die Liebe verhindert - und ob die Beziehung noch zu retten ist.

"Ich bin eigentlich zufrieden mit meiner Beziehung. Nur beim Thema Sexualität bin ich unsicher: Wie kann man darüber kommunizieren, ohne den anderen zu verletzen?"

Anette Frankenberger berät seit 26 Jahren Familien und Paare in ihrer Praxis.

Häufig ist es eine Frage der Erziehung: Wenn wir nicht gelernt haben, über Sexualität zu sprechen, fällt es uns schwer. Ich beobachte aber noch eine andere Ursache für dieses häufige Problem.

Sexualität ist ein Thema, bei dem wir sehr verwundbar – und auch oft schon verwundet – sind. Unsere übersexualisierte Gesellschaft - das, was wir täglich in den Medien und der Werbung sehen – steht in krassem Kontrast zur Wirklichkeit und unseren inneren Strukturen.

Was gezeigt wird, lässt uns alle als unzureichend, als Mangelwesen zurück. Es führt dazu, dass wir das Thema scheuen: Mir gefällt meine Figur nicht, ich fühle mich zu dick, habe Sorge, nicht so heiß und begehrenswert für meinen Partner oder meine Partnerin zu sein, wie es mir über so viele Kanäle ständig vor Augen geführt wird. Die Angst ist deshalb so groß, dass dieses Mangelempfinden von außen bestätigt werden könnte, wenn ich mit meinem Partner darüber spreche.

Aus meiner Erfahrung in der Praxis kann ich Ihnen aber sagen, dass diese Sorge fast immer unbegründet ist. Wer seine Unsicherheiten zur Sprache bringt, stellt meistens fest, dass der andere diese vermeintlichen Mängel gar nicht sieht – oder einen ganz liebevollen Blick darauf hat.

Wenn Sie das Thema Sexualität mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin angehen wollen, empfehle ich: Schaffen Sie dafür eine angenehme Atmosphäre. Stimmen Sie Ihren Partner vielleicht auch vorher darauf ein: "Lass uns doch einmal darüber sprechen, vielleicht möchtest du dir vorher auch Gedanken dazu machen." Es kann helfen, ein eigenes Date dafür auszumachen. Und ein weiterer Tipp: Vielen Paaren fällt es am leichtesten, beim Spazierengehen über ihr Sexualleben zu sprechen.

"In 14 Jahren unserer Ehe ist folgendes bei uns zur Gewohnheit geworden: Ich explodiere, mein Mann schweigt. Das löst aber den Konflikt nicht. Wie lässt sich das durchbrechen?"

Einseitiges Schweigen ist ein sehr häufiges Thema in der Paartherapie. Neulich erst schilderte mir ein Mann, dass seine Partnerin bei einem aufkeimenden Konflikt jedes Mal einfach den Raum verlässt, um Kaffee zu kochen.

Es ist ein typisches Verhaltensmuster, das echte Kommunikation aber verhindert. Die US-amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir – sie wird häufig als Mutter der systemischen Familientherapie bezeichnet – stellte vier Formen solcher unglücklichen Kommunikationsarten fest:

Beschwichtigen: auf Widerspruch verzichten, dem Gegenüber schnell zustimmen und schnell bereit zu Kompromissen sein.

Anklagen: "Angriff ist die beste Verteidigung" ist hier das Motto. Hinter den Vorwürfen steckt häufig der Wunsch nach Anerkennung

Rationalisieren: Dabei stellt man sich über den anderen, indem man doziert, sich auf Experten und logisches Denken beruft.

Ablenken: dem Konflikt ausweichen, indem schnell das Thema oder sogar der Raum verlassen wird.

Das Schweigen Ihres Mannes fällt in die letzte Kategorie: "Wenn ich gar nicht hingucke, dann wird es auch nicht wehtun." Warum das so gefährlich ist: Das, was ich am meisten fürchte – das Verlassenwerden – wird auf diese Weise nur wahrscheinlicher.

Mein Rat: Es ist wichtig, dass sich Ihr Partner dieser Gefahr bewusst wird und sich damit auseinandersetzt. Das erreichen Sie, indem sie äußern, was sein Verhalten mit Ihnen macht und wie es Ihnen dabei geht. Und wenn es der Satz ist "Ich bekomme dabei Angst, dass du mich gar nicht mehr liebst" – dann sprechen Sie ihn aus.

"Mein Partner und ich reden sehr viel über unsere Beziehung. Er spricht allerdings eher so: ,Ich will, dass du …' Für ihn ist das eine Ich-Botschaft, für mich nicht. Was meinen Sie?"

Tatsächlich halten viele Menschen Aussagen wie "Ich finde es blöd, dass du schweigst" oder "Ich will, dass du …" für Ich-Botschaften. Gute Ich-Botschaften beginnen so:

  • "Ich wünsche mir …"
  • "Ich brauche…"
  • "Ich bin verärgert darüber, dass ..."
  • "Ich bin enttäuscht, weil …"
  • "Ich fühle mich erinnert an …"

Der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, hat es auf den Punkt gebracht, was eine wahre Ich-Botschaft ausmacht: Es geht darum zu sagen, was mit mir los ist und was meinen Tag wunderbar machen würde. Zum Beispiel:

  • "Wenn du schweigst, verunsichert mich das, weil ich mich in meinen Anliegen nicht ernst genommen fühle."

"Ich würde gerne eine ,offene Ehe‘ führen. Meine Frau ist dagegen. Was raten Sie?"

Im Prinzip ist alles möglich – wenn es allen Beteiligten damit gut geht. Das scheint in Ihrer Beziehung nicht der Fall zu sein.

Ich habe Paare erlebt, die eine offene Ehe entweder einvernehmlich versucht oder einander signalisiert haben: Wenn du so etwas tust, lass es mich bitte nicht wissen. Oder Paare, bei denen es kippte – der eine lebte die offene Ehe, der andere konnte damit auf Dauer nicht leben.

Klar ist: Wer sich darauf einlässt, muss die Regeln dafür sehr genau definieren - und das ist ziemlich oft eher unromantisch. Seien Sie also sehr behutsam und klar miteinander. In einer tiefen Beziehung ist es einem ernst mit dem anderen. Er ist für mich nicht nur ein Objekt, mit dem ich meine Sexualität auslebe, sondern es geht um Begegnung und echte Nähe: DICH sehe ich und nur DICH meine ich.

"Ihr kürzlich veröffentlichter Artikel ,Manchmal fehlt nicht die Liebe, sondern etwas ganz anderes' trifft genau auf mich und meinen Mann zu. Meine Frage: Woran erkennt man, dass es Zeit ist für eine Paartherapie?"

Aus meiner Sicht: spätestens, wenn man sich diese Frage stellt. Viele meinen, eine Paartherapie sei eine langwierige Angelegenheit und erfordere etliche Sitzungen. Das ist aber vor allem dann der Fall, wenn Paare erst sehr spät in die Therapie kommen.

Kürzlich besuchte mich ein junges Paar: Beide arbeiten sehr viel und spürten, dass ihre Beziehung darunter leidet. In solchen Fällen und bei kleineren Beziehungsproblemen reichen oft schon ein oder zwei beratende Sitzungen, um die Perspektive zu ändern.

Wir erleben aber auch oft den Fall, dass in der Therapie etwas Entscheidendes aufgedeckt wird: Etwa kann sich hinter dem hartnäckigen Schweigen einer von beiden auch statt bloßem Mangel an Interesse ein Trauma aus der Kindheit verbergen. Solch ein Wissen öffnet Türen und erklärt das Verhalten des Partners. Das entspannt, und für beide Partner und ihr gemeinsames Leben ist sehr viel gewonnen. (af)

Zur Person: Anette Frankenberger arbeitet seit 1994 in München als systemische Paar- und Familientherapeutin sowie Supervisorin in eigener Praxis. Seit 1989 ist sie als Dozentin in der Erwachsenenbildung und Erziehungsberatung tätig.

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