Der "Tübinger Weg" für testbegleitete Öffnungen sorgt für Furore in der Coronakrise. Anfangs wurde der grüne Oberbürgermeister dafür belächelt, dann hart kritisiert, jetzt bekommt er sogar Morddrohungen. Der Querulant Palmer suchte, wie schon in der Flüchtlingskrise, eigene Wege und mausert sich zusehends zum Vorbild für ganz Deutschland - und zum Kretschmann-Nachfolger in Baden-Württemberg.

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer erhält Morddrohungen. Nicht einzelne, sondern Dutzende. Wegen Morddrohungen gegen ihn gebe es bereits eine dreistellige Zahl an Verfahren bei der Staatsanwaltschaft, berichtet der Tübinger Oberbürgermeister. "Unser Modellprojekt steht sehr unter Druck", klagt Palmer. Viele wünschten sich, dass das Projekt scheitere. Die Aggressivität militanter Lockdowner wächst offenbar ähnlich wie die der Corona-Leugner und Querdenker.

"Tübinger Weg": Option für ganz Deutschland?

In Tübingen läuft bis zum 18. April ein Modellprojekt zu intelligenten Öffnungsschritten in Corona-Zeiten. An neun Teststationen können die Menschen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen. Mit den massenhaften Schnelltests sollen viele auch symptomlose Infektionen erkannt und so weitere Ansteckungen verhindert werden. Das Modellprojekt wird vom Universitätsklinikum Tübingen wissenschaftlich begleitet.

Der "Tübinger Weg" wird in ganz Deutschland aufmerksam verfolgt. Anfangs belächelt, dann viel kritisiert gilt dieses Experiment inzwischen als ein denkbarer Ausweg aus der plumpen Lockdown-Politik. Palmers Devise lautet: "Wir wollen herausfinden, ob wir mit unserer Teststrategie die Pandemie besser unter Kontrolle bekommen, als andere Regionen mit Schließungen."

Mehrere Bundesländer wollen nach dem Tübinger Vorbild Modellprojekte mit systematischen Tests endlich Lockerungen starten. Alleine beim baden-württembergischen Gemeindetag haben sich bereits mehr als 100 Städte und Gemeinden gemeldet, die solche Modelle umsetzen wollten, berichtet Gemeindetags-Präsident Steffen Jäger.

Viele Menschen und Veranwortungsträger in Deutschland sehen eine testgetragene Öffnungsstrategie wie eine Befreiung aus dem Albtraum des Dauer-Lockdowns. Selbst die strenge Lockdownerin Angela Merkel hat Respekt vor dem Tübinger Weg und lobt das weiträumige Testen als "Helfer": "Alle können das machen und der Bund wird immer unterstützend tätig sein."

Boris Palmer sieht sich nicht in der FDP

Dass Palmers konstruktiver Testversuch aber zugleich heftige Aggressionen auslöst, hat zwei Gründe. Zum einen zeigt es, wie sehr sich Deutschland in der Coronakrise inzwischen polarisiert hat. Zwischen strengen Lockdownern und aggressiven Querdenkern findet vernünftiger Pragmatismus der Mitte immer weniger Platz. Zum anderen spaltet Boris Palmer selber die Gemüter.

Palmer ist zeitlebens politischer Querkopf gewesen. Als grüner Spitzenpolitiker provoziert er seine eigene Partei immer wieder mit Positionen, die zwar Volkes Stimme ausdrücken aber kaum den Kodex der grünen Parteilinie. Schon sein Vater, der Obstbauer Helmut Palmer, erlangte als politischer Nonkonformist und "Remstal-Rebell" regionale Berühmtheit. Sohn Boris hat dieses Muster zur nationalen Marke werden lassen. Palmer schert sich nicht um rechte, linke oder grüne Denkschablonen, er vertritt - wie Winfried Kretschmann - überwiegend bürgerliche Positionen, nur deutlich scharfkantiger als sein Parteifreund und Ministerpräsident.

In der Berliner Parteizentrale der Grünen bekommen sie zuweilen Schnappatmung, wenn Palmer mal wieder ein grünes Dogma frech hinterfragt, sie versagen ihm inzwischen jegliche Parteiunterstützung. Doch die Menschen in Tübingen wählen ihn wegen seines Non-Konformismus mit gewaltigen Mehrheiten. Das Angebot der FDP, er möge als Freidenker doch zu den Liberalen wechseln, reizt Palmer nicht. Die Rolle des grünen Querulanten scheint ihm viel attraktiver.

"Erasmus" im Namen und im Kopf

Seinen Anhängern gilt Palmer als ein mutiger Aufrechter, der in der aufklärerischen Tradition Kants, einfach Mut habe, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Palmers zweiter Vorname "Erasmus" sei ein Indiz für seinen Charakter. Wie der Renaissance-Humanist Erasmus von Rotterdam sei auch Palmer ein rastloser Reformator und zutiefst von der Magie autonomen Denkens getragen. Wie Erasmus, dessen Werk "Lob der Torheit" das Querulantige zur Begabung erhob, sei Palmer ein wichtiger Stachel im Fleisch etablierter Besserwisser.

Die Kritiker Palmers halten ihn hingegen für einen grün-rechten Populisten, der immer wieder Grenzen der politischen-Korrektheit bewusst verletze. In der aktuellen Corona-Debatte wird ihm vorgeworfen, dass er im April 2020 im Frühstücksfernsehen tönte: "Ich sag's Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen."

Er wies dabei auf einen drohenden globalen Armutsschock durch den Shutdown hin, der nach Uno-Berechnungen Millionen Kindern das Leben kosten könne. Daraufhin legten ihm die Grünen den Parteiaustritt nahe. Palmer kontert die Kritik inzwischen so: "Ich fühle mich weiter als Grüner, ich will für diese Partei kämpfen, ich stehe hinter ihren Zielen. Dass ich kantiger und manchmal ein nicht einfacher Typ bin, das muss ich mir eingestehen."

Boris Palmer eines Tages Nachfolger von Kretschmann?

Tatsächlich hat Palmer in Deutschland über die Lockdown-Monate hinweg immer mehr an Rückhalt gewonnen mit seinem kritischen Hinterfragen der Berliner Politik. Palmer gelingt es mit dem "Tübinger Weg" sogar, zwischen den lauten Lagern der Lockdowner und Querdenker der abwägenden Mitte eine Stimme zu geben. Ähnliches schaffte er bereits in der Flüchtlingskrise, als in Deutschland zwischen "Refugees Welcome"-Euphorikern und wütenden AfD-Abendland-Rettern die Mehrheit der kompromisssuchenden Mitte verloren vorkam. Wenn sich die offiziöse Republik diskursiv auf einem Quadrat-Millimeter politisch korrekter Mitte einigelt, kommt Palmer inzwischen zuverlässig und sprengt das Kartell der Meinungs-Uniformität.

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Auch wenn sein "Tübinger Modell" Anfang April mit einem Anstieg der Fallzahlen zu kämpfen hat, erarbeitet sich Palmer doch nationalen Respekt als jemand, der konstruktive Lösungen sucht und bürgerliche Verantwortung zeigt. In Baden-Württemberg wächst er damit in die Rolle eines denkbaren Kronprinzen für den frisch wieder gewählten Ministerpräsidenten Kretschmann. Beide sind eigenwillige, konservative Grüne, die Mehrheiten mobilisieren können, beide verstehen sich und punkten politisch stark aus ihrer Persönlichkeit heraus.

Und so könnte Kretschmann mit seinen 72 Jahren den 48-jährigen Palmer eines Tages als Nachfolger aufbauen. Erst kürzlich wurde Kretschman darauf angesprochen und gab zur Antwort, Palmer dürfe man nie abschreiben: "Ich habe öfter ärgerliche Debatten mit ihm. Aber ich war noch nie unversöhnt mit ihm." Nur die vielen Morddroher sehen das offenbar ganz anders.

Boris Palmer

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