• Gibraltar fiel im bisherigen Pandemie-Verlauf durch seine außergewöhnlich hohe Impfquote auf: Nahezu 100 Prozent der Bevölkerung sollen komplett geimpft sein.
  • Doch nun steigen die Infektionen stark an und die Meldung kursiert, die Regierung habe "Weihnachten abgesagt".
  • Ein genauer Blick zeigt, dass die Lage weit weniger dramatisch ist.

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Im Internet macht diese Woche eine Grafik die Runde. Sie zeigt den exponentiellen Anstieg von neuen Corona-Fällen in Gibraltar. Im Vergleich zur Kurve der Neuansteckungen in der EU sieht die Lage in dem englischen Überseegebiet wirklich dramatisch aus: Seit Anfang November sind die Corona-Fälle im Wochenschnitt auf 160 Fälle pro 100.000 Einwohner geschossen, während die EU-Kurve sich nur gemächlich nach oben entwickelt und bei weniger als 40 Fällen bleibt.

Der Grund, warum diese Grafik sich wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet, ist klar: Gibraltar hat eine der höchsten Impfquoten der Welt. Impfgegner führen die steigenden Infektionszahlen daher als Beweis dafür an, dass die Impfung nichts nütze.

Dabei ist nichts falscher als das. Es würde schon reichen, sich nur eine weitere Statistik anzusehen, um zu verstehen, dass Gibraltar vielmehr der Beweis dafür ist, dass die Impfungen durchaus vor Corona schützen.

Corona-Impfungen schützen vor schweren Verläufen und Tod - nicht vor Infektionen

Denn obwohl es seit Anfang Oktober zunehmend mehr Corona-Fälle in Gibraltar gibt und derzeit etwa 50 Prozent des Allzeit-Infektionshöchststands erreicht sind, ist die Lage in den Krankenhäusern entspannt und – wichtiger noch – die Menschen sterben nicht an ihrer Corona-Infektion.

Eine Grafik der Weltgesundheitsorganisation illustriert den Unterschied, den die Impfungen machen, hervorragend: So starben als Folge der vergangenen großen Corona-Welle, die zum Jahreswechsel 2020/2021 stattfand, zwischen Ende Dezember und Anfang März 90 Menschen in Gibraltar – über 90 Prozent der gesamten Corona-Toten, die das Land seit Beginn der Pandemie zu beklagen hat.

Als Folge dieser erneuten Welle gibt es bisher jedoch erst einen einzigen Todesfall, der am 11. Oktober 2021 gemeldet wurde. Die Impfungen schützen also eindeutig vor tödlichen Corona-Infektionen.

Und auch wenn es nun vermehrt Impfdurchbrüche gibt, sind schwere Verläufe dank der Impfung deutlich seltener: Laut den von der Regierung veröffentlichten Zahlen befanden sich am 18. November trotz 615 aktiver Corona-Fälle nur drei Menschen mit Corona-Infektion im Krankenhaus.

Nachlassende Immunität durch frühe Impfungen

Auf unsere Anfrage teilte eine Pressesprecherin der Regierung Gibraltars mit, dass der Anstieg der Corona-Infektionen auf "die nachlassende Immunität der Impfdosen" zurückzuführen sei, die bereits im Februar und März "sehr effizient" verabreicht worden seien. Und führt weiter aus, dass die „sehr niedrigen Raten von schweren Erkrankungen und Krankenhausaufenthalten“ jedoch zeigten, dass die Impfstoffe weiterhin schützten.

Auch das Auffrischungsprogramm in Gibraltar mache gute Fortschritte und die Auffrischungsimpfungen würden jetzt auch für die über 40-Jährigen eingeführt. "Die geringe Zahl der Fälle in der Altersgruppe der über 50-Jährigen ist ein Beweis dafür, dass die Auffrischungsimpfungen funktionieren", so die Regierungssprecherin weiter.

Da die Informationen der Regierung äußerst detailliert sind, enthalten sie noch weitere interessante Informationen. Sie belegen etwa, dass von den 51 neuen Corona-Fällen, die am 18. November registriert wurden, nur 18 auf geimpfte Personen zurückgehen. 64 Prozent der Menschen, die sich angesteckt haben, also 33 Personen, sind ungeimpft.

Von den Ungeimpften sind wiederum die Mehrheit Kinder und Jugendliche: Nur sieben der Menschen, die sich neu angesteckt haben, sind über 15 Jahre alt. Alle anderen sind jünger und können sich daher erst seit kürzerer Zeit als die Erwachsenen impfen lassen oder – bei den unter 12-Jährigen – bisher noch gar nicht.

Im Verlauf der Pandemie hatte Gibraltars Impfquote bereits Schlagzeilen gemacht, weil sie bei über 100 Prozent liegt. Auch hier hatten Querdenker und Verschwörungstheoretiker große Datenfälschungen vermutet – wie sollte es schließlich möglich sein, mehr als 100 Prozent der Bevölkerung zu impfen?

Gibraltars Regierung klärt Weihnachts-Missverständnis auf

Doch auch hier lag die Antwort nah: Viele Spanier, die in Gibraltar arbeiten, hatten sich früh in dem Kleinst-Land, das nur 33.690 Einwohner zählt, impfen lassen und so dafür gesorgt, dass mehr Menschen Impfungen erhielten, als das Land Einwohner hat.

Bis ein großer Teil der Menschen die Auffrischimpfung erhalten hat, hält die Regierung die Einwohner aber dazu an, Vorsicht bei der "Planung, Teilnahme und Ausrichtung von Veranstaltungen" walten zu lassen. Entsprechend sagte sie kürzlich offizielle Weihnachtsveranstaltungen ab, die geplant gewesen waren. Aus dieser Absage wurde von Zeitungen aus Großbritannien schnell die Meldung gedreht, Gibraltar sage Weihnachten ab.

Das dementierte der Regierungschef Fabian Picardo aber umgehend mit einem energischen Tweet: "Ich bin überrascht, dass ich das überhaupt sagen muss, ABER Gibraltar hat Weihnachten NICHT abgesagt. Die Regierung hat zur Vorsicht aufgerufen und bittet die Menschen, die Gesundheits-Ratschläge zu befolgen."

VerwendeteQuellen:

  • Gespräch mit der Pressestelle der Regierung Gibraltars
  • Facebook-Account der Regierung von Gibraltar
  • Twitter-Account der Regierung von Gibraltar
  • Reuters: Corona-Country-Profil Gibraltar
  • Our World in Data: Coronavirus Data Explorer
  • WHO: Covid-19, Country: Gibraltar
  • Twitter-Account von Fabian Picardo
  • Evening Standard: Christmas Cancelled in Gibraltar – the ‘most vaccinated’ place in the world
  • Twitter-Account von Dr Eli David
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