• Viele Länder haben Ausgangssperren, doch niemand setzt sie als einzige Maßnahme ein, weswegen es schwierig ist, ihre Wirksamkeit zu bewerten
  • Ausgangssperren senken wohl die Mobilität der Menschen, was die Kontakte und damit potenziell auch die Zahl der Ansteckungen reduziert - allerdings kaum über die Effekte von sonstigen Kontaktbeschränkungen und Lockdowns hinaus.
  • Es gibt keine Studie zum Thema, die sagt "Das bringt absolut gar nichts"; es gibt aber auch Hinweise, dass sich die Kontaktzeiten bei Ausgangssperren auf außerhalb der Sperrzeiten verschieben könnten.

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Nach mehr als einem Jahr Pandemie und mitten in der dritten Welle fragen sich wahrscheinlich gerade wieder viele Menschen: Wo kommen die tausenden Neuinfektionen eigentlich immer wieder her?

Wissenschaftler wie der Virologe Christian Drosten zum NDR sagen: vor allem aus dem privaten Umfeld, aus Erziehungs- und Bildungseinrichtungen und vom Arbeitsplatz.

Das private Umfeld ist also der größte "Infektionstreiber", und das, obwohl es schon recht scharfe Kontaktbeschränkungen von maximal fünf Personen aus maximal zwei Haushalten gibt. Offenbar halten sich viele Menschen aber nicht daran oder verzichten bei ihren Zusammenkünften auf schützenden Abstand oder Masken.

Welche Kontakte sollen Ausgangssperren verhindern?

Kontrollieren lässt sich das nur schwer, was vielleicht auch ein Grund dafür ist, dass Ausgangssperren immer wieder Thema werden, wenn es um Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung geht. Denn prinzipiell kann man wohl nachts die Einhaltung von Regeln besser kontrollieren als tagsüber.

Hinzu kommen immer wieder diese Bilder voller Parks und von größeren Gruppen meist junger Leute, die sich vermeintlich nicht um die Pandemie scheren. Sollen dort Ausgangssperren Infektionen verhindern? Oder sollen sie die Menschen eher von abendlichen Besuchen in anderen Wohnungen abhalten?

Ist der Ruf nach Ausgangssperren in erster Linie ein politisches Mittel, um dem laut Umfragen weit verbreiteten Wunsch nach strengeren Maßnahmen nachzukommen (ohne die Wirtschaft zu sehr die Pflicht zu nehmen)? Was bringen Ausgangssperren wirklich?

In Deutschland noch keine systematische Auswertung zu lokalen Ausgangssperren

Hierzulande haben einige Bundesländer Erfahrungen mit den Ausgangssperren gemacht, etwa Bayern und Baden-Württemberg. Meist sind nur einzelne Landkreise mit besonders hohen Inzidenzen betroffen, eine landesweite Ausgangssperre hatte im Februar der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg vorerst kassiert.

Die Redaktion ARD-Faktenfinder fragte Mitte Januar bei Bund und Ländern nach den Erfahrungen mit der Ausgangssperre. Heraus kam, dass es bislang offenbar keine Evaluation der Maßnahmen auf Länder- oder Bundesebene gab.

Ausgangssperren besonders wirksam für Ältere?

In anderen Ländern wurden hingegen Studien dazu gemacht, zum Beispiel in Frankreich. Hier gab es sogar die Besonderheit, dass es in der zweiten Welle im Oktober 2020 zwei Wochen mit abendlichen Ausgangssperren - aber noch ohne Lockdown - gab. Nach den zwei Wochen folgte der Lockdown mit Ladenschließungen. Die Entwicklung der Neuinfektion ließ sich also hier gut Schritt für Schritt verfolgen.

Forschende der Universität Aix-Marseille haben sich für diese Zeit die Zahlen angesehen und vor allem zwei Dinge beobachtet: Bei den Menschen unter 60 Jahren hatten die Ausgangssperren kaum Auswirkungen auf den Anstieg bei den Neuinfektionen. Und: Bei den Menschen über 60 Jahren waren sie fast so wirkungsvoll wie der Lockdown.

Die Autoren der Studie führten das darauf zurück, dass von den Älteren viele nicht mehr arbeiten und somit ihre Kontakte allein durch Ausgangssperren stärker reduziert werden als bei Jüngeren. Angesichts der Tatsache, dass gerade diese Altersgruppe besonders anfällig für schwere COVID-19-Erkrankungen ist, sehen die Studienautoren Ausgangssperren durchaus als geeignete Maßnahme an, um gerade diese Gruppe zu schützen.

Ausgangssperren sind meist eher die Ultima Ratio

Allerdings stehen die Forscher aus Aix-Marseille bislang recht alleine mit dieser Erkenntnis da - vor allem, weil eine solche, relativ isolierte Betrachtung und Beurteilung von Ausgangssperren fast nie möglich ist. Eine Grafik einer großen britischen Studie, die die Wirksamkeit von Corona-Maßnahmen sehr breit analysiert hat, zeigt: Viele Länder haben irgendwann Ausgangssperren erlassen, aber eher als letzte oder vorletzte Maßnahme - und flankiert von anderen, wie eben einem Lockdown mit Ladenschließungen.

Die Ergebnisse der Studie sind trotzdem interessant: Denn hier werden die Kontaktbeschränkungen auf zehn Menschen oder weniger als am wirksamsten beschrieben, zusammen mit Schul- und Universitätsschließungen vor allem zu Beginn der Pandemie. Ladenschließungen haben demnach eine mittelgroße Wirkung, Ausgangssperren eine geringe - was auch logisch erscheint, wenn sie erst erlassen werden, wenn andere Kontaktbeschränkungen schon laufen.

Dann treffen sich die Leute halt wann anders

Erfahrungen aus Kanada (Québec) und - wieder – Frankreich (Toulouse), weisen in eine ähnliche Richtung. Zu Québec teilte ein Epidemiologe aus Montreal der Deutschen Welle mit, dass Québec zwar im Gegensatz zu anderen Provinzen zuletzt stabile oder sinkende Fallzahlen gehabt habe, er dies aber nicht allein auf die Ausgangssperren zurückführen könne.

Eine Studie von Virologen in Toulouse lieferte die interessante Erkenntnis, dass auch die Ausgangssperren-Zeiten eine Rolle spielen. So hatte die Vorverlegung der Sperre auf 18:00 statt 20:00 Uhr zur Folge, dass es danach wieder mehr Ansteckungen gab - vermutlich weil es zum Beispiel in Supermärkten zu größeren Menschenansammlungen als vorher kam.

Dass Menschen bei Sperrzeiten auf andere Zeiten ausweichen, nehmen auch Forscher des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik der TU Berlin und des Zuse-Instituts Berlin an. Die Wissenschaftler um Kai Nagel und Christof Schütte versuchen, den Verlauf der Pandemie anhand von Modellrechnungen vorherzusagen und haben dabei auch die einzelnen Maßnahmen im Blick. Abendliche Ausgangssperren halten sie für ein "Werkzeug, das relativ schnell stumpf werden dürfte". Es sei "anzunehmen, dass die Bevölkerung mittelfristig auf frühere Besuchszeiten ausweicht", schreiben sie.

"99 Prozent der Ansteckungen finden drinnen statt"

Dass die Menschen bei Ausgangssperren "ausweichen", glaubt auch der Aerosolexperte Gerhard Scheuch. Vor allem mit Blick auf Treffen im Freien schreibt er Ausgangssperren aber nicht nur deswegen wenig Wirkung zu. "Wir sind inzwischen sicher, dass 99 Prozent der Infektionen drinnen stattfinden", teilte Scheuch unserer Redaktion mit.

Ein aktueller Bericht der irischen Gesundheitsbehörde HPSC spricht sogar von 99,9 Prozent. Um solche ungeschützten Kontakte müsse man sich kümmern - und weniger um junge Leute, die im Park feiern.

Der Medizinstatistiker und Epidemiologe Markus Scholz von der Universität Leipzig sieht das mit den Ansteckungen draußen ähnlich, gibt aber zu bedenken, dass Ausgangssperren wahrscheinlich die Mobilität verringern (das hat zum Beispiel eine Studie aus den USA gezeigt ) und dass es einen "klaren Zusammenhang zwischen Mobilität und Infektionsgeschehen" gebe.

"Die Wirksamkeit der Ausgangssperren ist nach meiner Einschätzung eher indirekt, nämlich über die Vermeidung von Treffen und damit Kontakten innerhalb von Gebäuden oder Fahrzeugen", schreibt er unserer Redaktion. Um über den Effekt von Ausgangssperren eine endgültige Aussage zu treffen, sei die Datenlage aber insgesamt zu dürftig - zumal es mittlerweile die stark verbreitete, ansteckendere britische Vaiante B.1.1.7 gebe.

Und was ist mit den Varianten?

Bei den Ausgangssperren, die hierzulande gerade diskutiert werden, geht es (wie bei den meisten Studien) in erster Linie um nächtliche Ausgangssperren. Wie wirksam Ausgangssperren tagsüber sind, ist jedoch ebenfalls nichts bekannt, weil auch sie immer in Kombination auftauchen. Drastische Maßnahmen wie diese sind zudem vor allem mit der in der Bevölkerung zunehmenden Pandemiemüdigkeit schwerer zu vermitteln - zumal es ja bereits Kontaktbeschränkungen gibt.

Die viel größere Ansteckungsgefahr durch die Variante B.1.1.7 mag ein Argument auch für nächtliche Ausgangssperren sein, denn wie es sich hier mit der Ansteckung draußen verhält und ob die 99 Prozent da noch gelten, ist nicht sicher. Geht man aber davon aus, dass die Ansteckung vor allem über Aerosole passiert, dürfte das Risiko, sich draußen anzustecken, durch B.1.1.7 eigentlich nicht steigen. Denn mit welchem Virus sich Aerosole schnell verflüchtigen, sollte im Grunde keine Rolle spielen.

Über die Experten:

Dr. Gerhard Scheuch, Geschäftsführer der Gemündener Firma GS Bio-Inhalation, die unter anderem zu Aerosolmedizin und Inhalationspräparaten berät.
Professor Markus Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Universität Leipzig.

Verwendete Quellen:

  • tagesschau.de: Was bringen Ausgangssperren?
  • dw.de: Wie wirksam sind nächtliche Ausgangssperren?
  • US-Studie zur Mobilität während Stay at Home-Order
  • Modus-Covid-Bericht vom 19. März 2021
  • NDR-Coronavirus-Update, Folge 82 vom 30. März 2021
  • Ausgangssperren-Studie der Universität Aix-Marseille
  • Studie zu Ausgangssperren in Toulouse

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