Bislang ist Deutschland einigermaßen glimpflich durch die Corona-Pandemie gekommen. Doch verschiedene neue Ausbrüche versetzen Behörden, Politiker und Gesundheitsexperten in Alarmbereitschaft. Ist die zweite Welle schon da? Welche Rolle spielen die Sommerurlauber? Und sollten diese verpflichtend getestet werden?

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Am 18. März sah sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einer ihrer höchst seltenen Fernsehansprachen an Bevölkerung gezwungen. Sie rief die Bürger zu solidarischem Handeln auf. Das sei so nötig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, sagte die Kanzlerin ernst.

Kurz darauf beschlossen Bund und Länder ein Kontaktverbot für mehr als zwei Personen. Die drastischen Notmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus versetzten Deutschland im März in eine gespenstische Stille.

Vier Monate später sind mehr als 205.000 Menschen nachweislich mit SARS-CoV-2 infiziert. Stehen wir gerade am Beginn der zweiten Infektionswelle? Droht sogar ein neuer Lockdown?

Kretschmer: "Die zweite Corona-Welle ist schon da"

Mehr als 170 positive Tests bei Erntehelfern im niederbayerischen Mamming und über 50 Infektionen in Tourismusbetrieben im im österreichischen St. Wolfgang - Tendenz steigend - zeigen, wie schnell es gehen kann. "Die zweite Corona-Welle ist schon da", sagt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht es ähnlich. "Dafür spricht die großflächige Verbreitung der neuen Fälle im Gegensatz zu einzelnen Hotspots. Wenn 2. Welle auf Superspreader-Gelegenheiten trifft, kommt exponentielles Wachstum zurück", schrieb der Sozialdemokrat am Sonntag auf Twitter.

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes hält hingegen nichts von solchen Warnungen: Mit der "zweiten Welle" werde ein falsches Bild vermittelt. Andere sprechen von einer bleibenden Welle, die auf- und abschwillt. Oder von Glutnestern, die aufflackern, erlöschen oder zu einem Flächenbrand zusammenwachsen können.

RKI: "Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend"

Klar ist: Die Behörden sind beunruhigt. Weltweit verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Freitag einen Rekord an Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden. In Deutschland stieg die Zahl der registrierten neuen Infektionen Ende der Woche an zwei Tagen hintereinander auf einen hohen dreistelligen Wert. Bis Sonntagmorgen waren es dann wieder "nur" 305 neue Fälle.

In einer Stellungnahme vom 24. Juli schreibt das Robert-Koch-Institut auf seiner Webseite: "Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend und wird vom RKI weiter sehr genau beobachtet. Eine weitere Verschärfung der Situation muss unbedingt vermieden werden. Das gelingt nur, wenn sich die gesamte Bevölkerung weiterhin engagiert, z.B. indem sie Abstands- und Hygieneregeln konsequent einhält – auch im Freien, Innenräume lüftet und, wo geboten, eine Mund-Nasen-Bedeckung korrekt trägt.

Wirtschaft würde zweite Welle besonders schlimm treffen

Bund und Länder sind alarmiert. "Wir sollten alles tun, um eine zweite Infektionswelle zu verhindern", mahnt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). "Vor allem für bestimmte Branchen möchte ich mir einen Rückschlag gar nicht ausmalen - etwa für die Gastronomen."

Die Pandemie hat tiefe Spuren im Land hinterlassen. 2,85 Millionen Menschen sind arbeitslos - rund 640.000 davon als Folge von Corona. 6,8 Millionen waren zuletzt in Kurzarbeit. Für etliche Unternehmen war das zweite Quartal eine Katastrophe. Die Hälfte erwartet nach Zahlen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags erst 2021 eine spürbare Besserung - oder noch später.

Der Arbeitsminister betont, Deutschland habe sich bisher im internationalen Vergleich sehr gut geschlagen - sowohl beim Schutz der Gesundheit als auch bei den staatlichen Reaktionen auf die tiefen wirtschaftlichen Einschnitte. Doch ist man auch für ein mögliches Anschwellen bei Corona gewappnet?

Der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths, meint: "Gegenüber einem solchen Szenario sind die Konjunkturmaßnahmen der Bundesregierung nicht robust." Zu sehr setze die Regierung auf Anreize für den Massenkonsum, zu wenig auf Zuschüsse für Firmen in Liquiditätsnot.

Gesundheitswesen wäre für zweite Welle gewappnet

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, hofft auf ein weiter vergleichsweise niedriges Niveau der Infektionsrate - erreichbar durch Hygiene und Abstand. "Dann könnten wir auch verhindern, dass es zu einem neuen flächendeckenden Lockdown kommt. Denn den würden Gesellschaft und Wirtschaft wohl kaum mehr in gleichem Umfang aushalten."

Das Gesundheitswesen könne allerdings im Fall eines Wiederaufflammens der Pandemie schnell wieder voll auf Krisenmodus umschalten, sagt Reinhardt. "Kliniken und Arztpraxen können die Kapazitäten im Fall einer neuen COVID-19-Welle schnell hochfahren."

Reiserückkehrer: Quarantäne bei positivem Test

Ein Faktor, der das Risiko einer zweiten Welle deutlich steigert, ist der Sommerurlaub. Virologen warten mit Bangen aufs Ferienende. In vielen Ländern ist die Corona-Entwicklung dramatisch. Nicht nur wegen der Feiern am Ballermann auf Mallorca, wo die Lokale dann ja wieder schließen mussten, ist die Sorge groß.

Rückkehrer aus dem Auslandsurlaub können sich seit dem Wochenende an mehreren Flughäfen in Deutschland freiwillig und kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will aber prüfen lassen, ob es rechtlich möglich ist, verpflichtende Tests einzuführen.

Wer keinen negativen Befund hat, muss wie bisher für zwei Wochen in häusliche Quarantäne. Auch Reisende aus Nicht-Risikoländern können sich freiwillig innerhalb von 72 Stunden testen lassen - dann nicht am Flughafen, sondern etwa in Arztpraxen oder Gesundheitsämtern.

Sollen die Tests für Urlauber freiwillig oder verpflichtend sein?

Die Gesundheitsminister der Länder sind sich uneins, was das Thema Freiwilligkeit angeht. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) hat sich für verpflichtende Tests ausgesprochen. Dies sei ihrer Auffassung nach gerade mit Blick auf Reisende aus sogenannten Risikogebieten "notwendig", sagte Huml am Montag im ZDF-"Morgenmagazin".

Die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Dilek Kalayci (SPD), plädiert hingegen für freiwillige Tests. Die Reisenden seien "ja erst mal nur ein Verdachtsfall", sagte die Berliner Gesundheitssenatorin an gleicher Stelle. "Einen Test vorzunehmen, ist schon ein starker Eingriff in die Intimsphäre beziehungsweise in die körperliche Unversehrtheit", sagte die SPD-Politikerin und verwies auf die laufende juristische Prüfung des Bundes.

FDP-Chef Lindner: Reisende sollen Tests selber bezahlen

FDP-Vorsitzender Christian Lindner forderte, die Kosten für die Tests sollten die Reisenden selbst tragen. "Verbindliche Tests für Menschen an Flughäfen dürfen kein Tabu sein", sagte er am Sonntag im Sommerinterview der ZDF-Sendung "Berlin direkt". Und: Wer sich freiwillig als Tourist in ein Risikogebiet begebe, "der wird damit in Kauf nehmen müssen, dass er für diesen Test auch bezahlt".

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach wiederum sprach sich für kostenlose Corona-Tests aus. "Aus meiner Sicht ist das eine gemeinsame Aufgabe der gesamten Gesellschaft, das sollte der Steuerzahler bezahlen, vielleicht anteilig die Krankenkassen", sagte Lauterbach am Sonntagabend beim "Bild"-Talk. "Aber ich warne hier vor einer kleinkarierten Diskussion, wer das zahlt." (hub/dpa/AFP)

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