In einem Artikel der "Bild" las es sich kürzlich, als lägen dem Robert-Koch-Institut und einem Chefarzt aus Moers Daten vor, nach denen bis zu 90 Prozent der COVID-Intensivpatienten einen Migrationshintergrund oder muslimischen Glauben haben. Eine solche Statistik gibt es jedoch nicht.

Eine Kolumne

Knapp ein Jahr bereits steckt die Welt in einer Pandemie. Das neuartige Coronavirus hat die Gesellschaft fest im Griff und machte viele schwelende Probleme sichtbar. Oft werden dabei unbelegte Behauptungen für Fakten gehalten.

Kürzlich verbreitete die Bild ein solches Gerücht: Der überwiegende Teil der COVID-Patienten in Kliniken habe einen Migrationshintergrund. Wirksam im Netz verbreitet wurde diese These bereits am 11. Februar auf Twitter. Erika Steinbach, parteilose Politikerin und Vorsitzende einer AfD-nahen Stiftung, schrieb, sie habe "glaubhaft gehört", dass 50 Prozent der COVID-Patienten in Krankenhäusern "aus dem arabischen Raum" stammten.

In einem Bild-Artikel (kostenpflichtig) von vergangener Woche las sich das Ganze dann wie ein Fakt: Mindestens die Hälfte, womöglich sogar 90 Prozent der COVID-Intensivpatienten habe einen Migrationshintergrund, wurde im Text suggeriert. Das ergebe sich aus den Aussagen von Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), und Thomas Voshaar, Chefarzt am Bethanien-Krankenhaus in Moers. Wieler und Voshaar sollen diese in einer Schaltkonferenz mit mehreren Ärzten am 14. Januar geäußert haben.

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Dem Bild-Artikel fehlt zentraler Kontext: Nationalitäten von COVID-Patienten werden nicht erfasst oder gemeldet

Voshaar hat laut Bild dabei vorgetragen, dass bezüglich Corona "90 Prozent der Intubierten, schwerst kranken Personen einen Migrationshintergrund" hätten. Dies ergebe sich aus einer "telefonischen Umfrage unter Chefärzten" und "Erhebungen von November, Dezember 2020 und Anfang Januar 2021".

Wieler habe darauf geantwortet, dass ihm das bekannt sei, es sich aber um ein "Tabu" und ein "riesengroßes Problem“ handele. Wieler sagte außerdem laut Bild, man müsse über Moscheen an diese Menschen herangehen – daraus wird deutlich, dass hier Menschen mit muslimischem Glauben gemeint sind. Der RKI-Chef wird zitiert mit den Worten: "Auf den Intensivstationen liegen deutlich über 50 Prozent aus dieser Gruppe.“ Es wird außerdem suggeriert, der Grund dafür sei eine "Sprachbarriere“.

Die Aussagen wurden anschließend in zahlreichen Facebook-Beiträgen und Blogartikeln aufgegriffen. Jedoch nirgends wurde klargestellt: Bei den Aussagen von Wieler und Voshaar handelte es sich um persönliche Erfahrungsberichte aus Gesprächen mit drei Kliniken, wie sie CORRECTIV.Faktencheck mitteilten. Auf Deutschland übertragen lasse sich das – anders als es sich in der Bild liest – nicht.

Daten wie Nationalität oder Religion werden im Zusammenhang mit COVID nicht erfasst

Das geht auch gar nicht: Eine statistisch begründete Aussage zu Nationalitäten oder Religionen von COVID-Patienten in deutschen Krankenhäusern lässt sich laut des Bundesgesundheitsministeriums, des Robert-Koch-Instituts und der "Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin" nicht treffen – weil solche Daten nicht erfasst werden.

Das geht auch aus einer aktuellen Recherche von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung hervor. Demnach ist in Deutschland bisher wenig erforscht, welche sozialen Gruppen besonders stark von der Pandemie betroffen sind, und welche Rolle zum Beispiel Armut oder bestimmte Berufsgruppen spielen.

Fakt ist: Nationalitäten, Herkunft, Religion oder Geburtsorte werden bei COVID-Meldungen in Deutschland laut Infektionsschutzgesetz nicht erfasst. Es gibt also keine Belege für eine Verbindung dieser Faktoren mit einer Häufung von schweren COVID-19-Erkrankungen. Im Bild-Artikel wird dieser zentrale Kontext nicht genannt.

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