Die Zahl der Impfdurchbrüche steigt seit Wochen. Impfgegner nutzen das, um gegen die COVID-19-Impfstoffe Stimmung zu machen. Doch die Zahlen ohne Kontext zu betrachten, ist irreführend. Dass die Impfdurchbrüche zunehmen, wenn mehr Menschen geimpft sind, ist statistisch erwartbar.

Auf Facebook und YouTube werden immer wieder Zahlen zu Impfdurchbrüchen aus den Wochenberichten des Robert-Koch-Instituts (RKI) geteilt. Zu sehen sind dort die sogenannten Impfdurchbrüche nach Altersgruppen für symptomatische, hospitalisierte und auf Intensivstationen betreute COVID-19-Fälle. Von einem Impfdurchbruch spricht das RKI, wenn sich eine vollständig geimpfte Person mit dem Coronavirus infiziert und auch Krankheitssymptome hat.

Die Zahlen werden dann etwa von Impfgegnern unter anderem genutzt, um zu behaupten, aktuell gebe es eine "Pandemie der Geimpften". Doch das stimmt so nicht. Es fehlt Kontext, wie wir in unserem Faktencheck erklären: Es stimmt, dass es immer mehr Impfdurchbrüche gibt. Das hängt aber vor allem damit zusammen, dass immer mehr Menschen geimpft sind. Ein Blick auf die Inzidenzen zeigt zudem, dass Geimpfte seltener an COVID-19 erkranken, beziehungsweise seltener auf Intensivstationen behandelt werden müssen als Ungeimpfte.

Das RKI veröffentlicht wöchentlich Zahlen zu Impfdurchbrüchen

Der Anteil der Impfdurchbrüche an allen COVID-19-Fällen im Krankenhaus lag laut RKI-Wochenbericht vom 25. November für die vergangenen vier Wochen (Kalenderwoche 43 bis 46) bei 28,2 Prozent für die 18- bis 59-Jährigen und 56 Prozent für die über 60-Jährigen. Bei den auf Intensivstationen behandelten Fällen lag der Anteil bei 15,3 Prozent für die 18- bis 59-Jährigen, für die über 60-Jährigen bei 46,4 Prozent.

Die Zahlen steigen jedoch nicht in allen Altersgruppen an: Im Wochenbericht vom 2. Dezember (Kalenderwoche 44 bis 47) machten die geimpften Über-60-Jährigen 54,5 Prozent der hospitalisierten Fälle und 44,5 Prozent der Fälle auf Intensivstation aus. Ihr Anteil ist also leicht rückläufig. Bei den jüngeren Menschen ist dagegen ein leichter Anstieg zu sehen (auf 29 und 15,7 Prozent).

Anteil Impfdurchbrüche nach Alter in den KW 43 bis 46
Anteil der Impfdurchbrüche nach Alter in den Kalenderwochen 43 bis 46

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Wenn die Impfquote bei 100 Prozent läge, wäre auch die Quote der Impfdurchbrüche bei 100 Prozent

Allerdings ist diese Entwicklung statistisch erwartbar. Einfach ausgedrückt: Wenn alle Menschen in Deutschland gegen COVID-19 geimpft wären, wäre auch jede Person, die krank wird, eine geimpfte Person. Der Anteil an Impfdurchbrüchen läge dann also bei 100 Prozent.

Insbesondere unter älteren Menschen, die auch ein höheres COVID-19-Risiko haben, sind die Impfquoten in Deutschland hoch: 86,4 Prozent der Über-60-Jährigen sind geimpft (Stand 8. Dezember 2021). Auf den Intensivstationen sind sie aber immer noch in der Minderheit.

Es ist also sinnvoll, nicht nur die absoluten Zahlen an geimpften und nicht-geimpften Personen mit COVID-19 zu vergleichen, sondern diese vor dem Hintergrund der aktuellen Impfquote zu betrachten.

Auch steigt die Anzahl an Impfdurchbrüchen mit der Zahl aktiver COVID-19-Fälle. Denn je mehr Fälle es gibt, desto wahrscheinlicher ist es, sich auch als geimpfte Person zu infizieren, da die Impfstoffe keinen vollständigen Schutz vor einer Infektion bieten.

Die Inzidenzen sind unter Ungeimpften deutlich höher als unter Geimpften

Um die hohe Impfquote zu berücksichtigen, berechnet das RKI Inzidenzen für Geimpfte und Ungeimpfte getrennt und vergleicht diese miteinander. Dafür werden einerseits die geimpften COVID-19-Fälle zu allen geimpften Menschen in der Bevölkerung ins Verhältnis gesetzt und andererseits die ungeimpften COVID-19-Fälle zu allen Ungeimpften in der Bevölkerung.

Der Blick auf die aktuellen Inzidenzen symptomatischer Fälle und die Hospitalisierungsinzidenzen zeigt, dass die Raten bei Ungeimpften deutlich höher sind als bei Geimpften:

Inzidenzvergleich Geimpfte und Ungeimpfte
Vergleich der Inzidenzen und Hospitalisierungsinzidenzen von Geimpften und Ungeimpften nach unterschiedlichen Altersgruppen im RKI-Wochenbericht vom 2. Dezember 2021

Geimpfte erkranken also im Verhältnis deutlich seltener und müssen auch seltener deshalb im Krankenhaus behandelt werden. Zu berücksichtigen ist, dass für diese Berechnung nicht alle COVID-19-Fälle berücksichtigt wurden, da nicht von allen Menschen der Impfstatus bekannt ist. Laut RKI lagen für den abgebildeten Zeitraum bei 85 Prozent der symptomatischen COVID-19-Fälle und 69 Prozent der hospitalisierten Patienten Angaben dazu vor.

Im aktuellen Wochenbericht vom 2. Dezember schreibt das RKI weiterhin, dass "bei vollständiger Impfung die allermeisten geimpften Personen wirksam vor einer schweren Erkrankung" geschützt seien. Die aktuell sinkende Impfeffektivität könne "für eine Abnahme der Schutzwirkung über die Zeit sprechen, da in der Bevölkerung der Anteil derjenigen wächst, die vor mehr als sechs Monaten geimpft wurden". Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) vor dem Hintergrund der stark gestiegenen Fallzahlen in Deutschland eine Auffrischimpfung.

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