In einer Sprachnachricht, die vor allem per WhatsApp verschickt wird, stellt eine Frau Behauptungen über das Coronavirus auf. Es geht um Vitamin D, den Mobilfunkstandard 5G und unnatürliche Mutationen. Fast alles, was sie sagt, ist falsch.

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Eine Kolumne
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"Hallo liebe Claudi", sagt eine Frauenstimme in einer Sprachnachricht, die in diesen Tagen tausendfach über WhatsApp verschickt wird. Über elf Minuten lang tut eine Unbekannte darin angebliches Fachwissen über das Coronavirus kund, das sie in einer Klinik in der Schweiz aufgeschnappt haben will.

Leserinnen und Leser haben CORRECTIV auf die Sprachnachricht hingewiesen. Die Frau klingt ruhig, sachlich und seriös. Fast alle ihre Behauptungen über SARS-CoV-2 und die Lungenkrankheit COVID-19 sind jedoch falsch, wie unser Faktencheck zeigt.

Es beginnt schon mit der Klinik, für die die Frau Werbung macht: Die zahnmedizinische Klinik Swiss Biohealth bezeichnet die Sprachnachricht als "Fake News". Es ist also unklar, ob sie etwas mit den Aussagen der Frau zu tun hat. Fest steht: An den Behauptungen der Frau ist insgesamt wenig bis gar nichts dran.

Falsche Versprechen über Vitamin D

Behauptung: Alle schwer kranken COVID-19-Patienten hätten Vitamin-D-Mangel gehabt. Man solle mindestens die dreifache empfohlene Tagesdosis einnehmen.

Faktencheck: Es gibt keine Belege, dass Vitamin D gegen COVID-19 hilft. Auf unsere Nachfrage teilte das Bundesinstitut für Risikobewertung mit, man habe darüber keine Kenntnis. "Fallberichte weisen darauf hin, dass die chronisch sehr hohe Einnahme von Vitamin-D über Präparate ohne ärztliche Kontrolle gesundheitliche Risiken bergen kann." Grundsätzlich ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D gut für den Menschen. Empfohlen werden 20 Mikrogramm pro Tag.

Versprechen über Vitamin-Präparate, die gegen das Coronavirus helfen sollen, sind aktuell im Netz weit verbreitet – es gibt aber bisher kein Heilmittel für COVID-19. (Vitamin C ist übrigens auch keines.)

Die Verbraucherzentrale warnt: "Es gibt keine Nahrungsergänzungsmittel, die eine Erkrankung mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verhindern können. Nahrungsergänzungsmittel dienen auch nicht der Behandlung von Erkrankungen."

5G hat nichts mit COVID-19 zu tun

Behauptung: WLAN oder Mobilfunkstrahlen – insbesondere 5G – trügen dazu bei, schwer an COVID-19 zu erkranken. Sie schwächten das Immunsystem.

Faktencheck: Wie uns das Bundesamt für Strahlenschutz bereits für einen früheren Faktencheck mitteilte, können alle Mobilfunksendeanlagen (also von 2G bis 5G) "höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt". Eine negative Wirkung elektromagnetischer Felder auf das Immunsystem sei nicht wissenschaftlich nachgewiesen, ebenso wenig wie bei WLAN. Es gebe eine Reihe von Studien aus Frankreich und Italien zu diesem Thema.

Doch, Kinder können auch krank werden

Behauptung: Kinder seien bei der Krankheit "außen vor“, weil bei ihnen die Rezeptoren, an die das Virus "andockt“, noch nicht entwickelt seien.

Faktencheck: Richtig ist, dass Kinder offenbar seltener schwer erkranken, sie können sich aber sehr wohl infizieren. In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts: "An COVID-19 können alle Menschen in Deutschland erkranken, unabhängig vom Alter und unabhängig vom Gesundheitszustand […]."

Auch jüngere und gesunde Menschen könnten sehr schwer erkranken oder sterben, betonte er. Über die Gründe, weshalb COVID-19 bei Kindern offenbar meistens harmloser verläuft als bei Erwachsenen, gibt es verschiedene Theorien – eine davon bezieht sich auf Rezeptoren – geklärt ist die Frage noch nicht.

Nein, ältere Patienten lässt man nicht einfach sterben

Behauptung: Gemäß der weltweit geltenden Regelung der "Triage" würden Patienten in drei Gruppen aufgeteilt. Die Ältesten würden pauschal "zum Sterben beiseite gelegt", nur die Jüngsten würden beatmet.

Faktencheck: "Triage" ist ein Begriff aus der Katastrophenmedizin. Die Aufteilung in Patientengruppen erfolgt, wenn die Ressourcen nicht ausreichen, um alle gleichermaßen medizinisch zu versorgen. Erstens ist dieser Fall in Deutschland aber noch nicht eingetreten. Und zweitens haben medizinische Fachgesellschaften kürzlich in einem Papier mit Handlungsvorschlägen betont, dass eine solche Einteilung in Patientengruppen nie nur aufgrund des kalendarischen Alters oder sozialer Kriterien gefällt werden dürfe.

Einfluss des Wetters oder steigender Temperaturen ist unklar

Behauptung: Das Virus sei "nicht temperaturempfindlich", deshalb würden die Infektionen in den wärmeren Monaten nicht abnehmen.

Faktencheck: Die Behauptung ist unbelegt, aber die einzige in der Sprachnachricht, die teilweise den Ansichten von Experten entspricht. Sie glauben, dass Wetterveränderungen die Ausbreitung des Virus verringern, aber nicht vollständig aufhalten werden. Der deutsche Virologe Christian Drosten sagte im NDR-Podcast, "die zunehmende Trockenheit und die UV-Strahlung werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Übertragungsereignisse verringern."

Auf Nachfrage schrieb uns eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts: "Man kann noch nichts zur möglichen Saisonalität von COVID-19 sagen. Allgemein hat Saisonalität von Viren aber nicht ausschließlich etwas mit der Stabilität der Viren zu tun." Es geht also nicht nur um die Temperatur.

Bei Grippeviren zum Beispiel vermute man, dass die Schleimhäute der oberen Atemwege anfälliger seien bei trockener Luft, und das Immunsystem im Winter weniger stark sei als im Sommer. "Ein weiterer Faktor könnte auch sein, dass man sich im Winter längere Zeit zusammen mit anderen Menschen in weniger belüfteten Räumen aufhält und dadurch eine Ansteckung wahrscheinlicher ist."

Das Coronavirus ist keine unnatürliche Mutation

Behauptung: Das Virus sei eine Mutation, die nicht natürlich entstanden sein könne.

Faktencheck: Dafür gibt es keinerlei Belege. Eine große Gruppe von Wissenschaftlern – darunter auch der deutsche Virologe Christian Drosten – hat bereits am 19. Februar im Journal "The Lancet" ein Statement veröffentlicht und betont, die "Verschwörungstheorien", dass das Virus keinen natürlichen Ursprung habe, seien haltlos. "Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben das Genom des Virus SARS-CoV-2 analysiert und veröffentlicht, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus seinen Ursprung in der Natur hat, wie so viele andere Erreger."

Auch das Robert-Koch-Institut antwortete auf unsere Anfrage per E-Mail, es liege "keinerlei Evidenz" vor, dass das Virus eine unnatürliche Mutation sei. "Aufgrund der bisherigen Datenlage vermutet man, dass SARS-CoV-2 aus einem Fledermaus-Coronavirus hervorgegangen ist."

Fazit: Die Sprachnachricht ist gezielte Desinformation

Die Sprachnachricht spielt mit Ängsten, weckt falsche Hoffnungen über Heilmethoden und verbreitet zudem zahlreiche falsche Theorien über das Coronavirus. Es handelt sich mutmaßlich um gezielte Desinformation.

Der Aufbau der Nachricht mit der persönlich wirkenden Ansprache erinnert an eine andere Sprachnachricht zum Coronavirus, die erst kürzlich kursierte. Darin hatte eine Frau angeblich einer Bekannten Informationen der Uniklinik Wien weitergeleitet und vor der Einnahme von Ibuprofen gewarnt. Dafür, dass Ibuprofen eine COVID-19-Erkrankung verschlimmert, gibt es keine Belege.

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