Einige Menschen leiden nach einer Infektion mit dem Coronavirus an einem gestörten Geruchssinn, auch noch Monate später. Was passiert dabei im Körper? Und was, wenn das Geruchsempfinden nicht wiederkommt?

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Stellen Sie sich den Duft einer blühenden Rose vor. Den Geruch eines frisch gebackenen Brotes. Gerösteter Kaffee. Eine Schale Erdbeeren.

Und jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie statt dieser Wohlgerüche beißenden Gestank wahrnehmen: Nach Fäkalien, verbranntem Gummi, nach Benzin und Verwesung.

So beschreiben etliche Menschen ihr Geruchsempfinden nach einer Covid-19-Erkrankung. Die eigentliche Krankheit ist längst überstanden, doch dann treten Wochen, manchmal gar Monate später Störungen des Geruchssinns auf. Dieses Phänomen wird in der Medizin Parosmie genannt. Betroffene riechen etwas anderes, als sie riechen sollten – und in der Regel nehmen sie unangenehme und schlechte Gerüchte wahr.

Dass sich eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus auf Geschmacks- und Geruchssinn auswirken kann, ist bekannt: Ersten Auswertungen zufolge erleben 70 bis 80 Prozent der Betroffenen dabei zeitweilige Einschränkungen, manche bemerken auch einen Totalausfall der Geruchsempfindung. In solchen Fällen spricht man auch von Anosmie, einem Riechverlust.

Und nicht immer kehren Geruch und Geschmack zurück, wenn die Krankheit überstanden ist. Die Ergebnisse einer Onlinebefragung, die Anfang des Jahres in der Zeitschrift Rhinology veröffentlicht wurden, legen nahe, dass etwa zwei Fünftel der Patientinnen und Patienten noch zwei bis drei Monate nach der Erkrankung unter einem gestörten Geruchssinn leiden.

Warum die Geruchsstörung manchmal erst viel später auftritt, ist – wie bei anderen Long-Covid-Symptomen – noch nicht klar.

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Was passiert beim Geruchsverlust im Körper?

Gerüche nimmt der Mensch über Sinneszellen in der Riechschleimhaut wahr. Dieses Gewebe befindet sich im oberen Bereich der Nasenhöhle und enthält Millionen von Riechzellen. Bei einem gewöhnlichen Schnupfen riecht man nichts mehr, weil die Nase geschwollen und verschleimt und der Zugang zur Riechschleimhaut verstopft ist.

Bei einer Covid-19-Infektion hat man normalerweise aber keine Schnupfennase. Stattdessen werden, davon gehen Forscher bislang aus, indirekt oder direkt die Nerven selbst angegriffen: Die Riechzellen in der Nasenschleimhaut sind von einem Gerüst aus Stützzellen umgeben. Die Stützzellen enthalten ein Protein mit dem Namen ACE2 – das Angiotensin-konvertierende Enzym 2 – und sie enthalten hundertmal mehr davon als andere Gewebezellen.

Diese ACE2-Proteine erleichtern es den Sars-CoV-2-Viren, in die Zellen einzudringen. Denn die sogenannten Spike-Proteine an der Virushülle können an den ACE2-Proteinen besonders gut andocken, wie verschiedene Studien belegen.

Das führt zu einer Entzündung, und es kann passieren, dass die Riechzellen beschädigt werden. Die Folge ist ein plötzlicher und manchmal längerfristiger Geruchsverlust.

Warum riechen Betroffenen die "falschen" Düfte?

"Dabei handelt es sich um eine qualitative Störung. Die Düfte werden verdreht wahrgenommen", erklärt Thomas Hummel. Er ist Professor an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Dresden und Leiter des dortigen Interdisziplinären Zentrums für Riechen und Schmecken.

"Riechen ist die Codierung von Düften. Man kann sich das vorstellen wie ein Alphabet – das Wort Rose bestünde in diesem Modell aus vier Komponenten, den Buchstaben R, O, S und E. Die Duftmoleküle aktivieren verschiedene Rezeptortypen, die gewissermaßen die Buchstaben darstellen." Die Rezeptoren lösen dann im Gehirn ein Muster aus. Aber: "Wenn bestimmte Rezeptoren nicht da sind, entstehen Lücken im Muster", sagt Hummel. Dann kommt im Gehirn ein falsches Signal an.

Die Psychologin Kathrin Ohla, die an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg lehrt und das Globale Konsortium für Chemosensorische Forschung (GCCR) mitleitet, beschreibt die Parosmie als eine Art Verschaltungsproblem: "Bei Covid-19 passiert etwas Ähnliches, wie in einem Sicherungskasten, wenn die Kabel durchbrennen. Wenn bei der Reparatur die Kabel falsch angeschlossen werden, kommt anschließend nicht die richtige Information an. Und daraus folgt eine falsche Interpretation."

Ist eine Geruchsstörung gefährlich?

Eine Parosmie könne "katastrophal" für die Betroffenen sein, sagt Ohla, und psychisch extrem belastend.

Das gänzliche Unvermögen, Gerüche wahrzunehmen, kann im Einzelfall sogar lebensgefährlich sein: Medienberichten zufolge rettete sich eine texanische Familie im Januar 2021 nur knapp aus ihrem brennenden Haus. Die Familienmitglieder waren an Covid-19 erkrankt und rochen nichts, weder den Rauch noch den Gestank von verbranntem Plastik und Ähnlichem.

Hummel und Ohla sind sich einig: Der Geruchssinn gibt im Alltag Sicherheit – wenn er wegfällt, kann das Folgen haben. "Denken Sie an eine Lebensmittelvergiftung, wenn Verdorbenes nicht gerochen werden kann. Oder an ein Kabel, das durch schmort. Riechen vermittelt eine ganze Reihe von Signalen. Wer nichts riechen kann, lebt ungemütlicher und unsicherer", meint Thomas Hummel.

Und auch Kathrin Ohla sagt: "Ein Topf auf dem Herd oder ein Kuchen im Backofen – wenn etwas anbrennt, riechen wir das. Und können losrennen und den Herd ausschalten. Wenn man das nicht mehr kann, bedeutet das eine große Anstrengung." Das Leben wird schwieriger.

Was sind die Folgen für den Geschmackssinn?

Auch das Schmecken kann durch eine Covid-19-Erkrankung eingeschränkt sein, sagt Hummel, allerdings sei eine echte Schmeckstörung selten: Im medizinischen Sinne beziehe sich das Schmecken auf die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter und umami. "Das, was man umgangssprachlich als Schmecken bezeichnet, ist im Wesentlichen der Feingeschmack, das Wahrnehmen von Aromen", sagt Hummel.

Zwar schmecken wir auch über Sinneszellen auf der Zunge, die Hauptarbeit erledigen aber die Nerven in der Riechschleimhaut. Eine Mandarine würden wir als Mandarine erkennen, weil wir ihre Aromen riechen. Auf der Zunge schmecke sie lediglich süß und sauer. Trotzdem müsse der Eindruck, dass man Geschmäcker schlechter wahrnimmt, nicht trügen: "Wenn die olfaktorische Verstärkung fehlt, kann auch die gustatorische Wahrnehmung vermindert sein", erklärt der Mediziner.

Kathrin Ohla ist hingegen überzeugt, dass eine Coronainfektion auch den echten Geschmackssinn stören kann. "Unsere Daten zeigen, dass ganz eindeutig beide Sinne betroffen sein können." Es gebe Berichte von Betroffenen, die Zucker nicht mehr von Salz unterscheiden könnten. An einem gestörten Riechsinn kann das nicht liegen.

Was hilft bei einer Geruchsstörung?

Alle, die nach einer Covid-19-Erkrankung eine Einschränkung ihrer Sinne bemerken, die sich verunsichert fühlen und beeinträchtigt – wie schnell können sie auf Besserung hoffen? Was hilft bei einer Geruchsstörung? Zuerst sollten Betroffene eine ärztliche Diagnose einholen, rät Thomas Hummel: "Machen Sie einen Riechtest beim Arzt. Hinter einer Geruchsstörung kann auch etwas anderes stecken."

Eine Parosmie kann nicht nur durch Sars-CoV-2-Viren ausgelöst werden. Auch eine Schädelverletzung kann zu einer Riechstörung führen, genauso wie Polypen, also Gewebeausstülpungen in der Nasenschleimhaut, oder die Einnahme bestimmter Medikamente. Ein gestörter Geruchssinn kann auch ein frühes Anzeichen neurologischer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson sein. Wer feststellt, nicht mehr so zu riechen wie früher, sollte deshalb zeitnah ärztlichen Rat einholen.

"Wenn es wahrscheinlich ist, dass die Geruchsstörung von einem Virusinfekt ausgelöst worden ist, gibt es zwei Optionen", sagt Thomas Hummel: "Die erste ist Abwarten. Riechzellen regenerieren sich von allein." Zur Unterstützung der Regeneration könne man aber, zweitens, das Riechen auch trainieren. Hummel schlägt dazu vor, vier Fläschchen mit verschiedenen Duftölen ins Badezimmer zu stellen und morgens und abends jeweils für eine halbe Minute an jedem Duft zu schnuppern, über einen Zeitraum von drei bis neun Monaten.

Dass ein Riechtraining einen positiven Effekt auf die Erholung des Geruchssystems haben kann, zeigen auch mehrere Studien.

Nicht immer kommt der Geruchssinn zurück

Kathrin Ohla allerdings weiß auch von Fällen, in denen der Geruchssinn nach einer Coronaerkrankung nicht zurückgekehrt ist. "Geschmackszellen sind idealerweise nach zwei Wochen nachgewachsen, bei den Nervenzellen des Geruchssinns kann das mehrere Monate dauern. Es gibt aber auch Patienten, bei denen sich der Geruchssinn 400 Tage nach der Infektion noch immer nicht erholt hat. Dann müssen wir vermuten, dass er nicht wieder kommt."

Zwar bestehe auch dann noch eine kleine Chance für eine spontane Genesung, sagt die Wissenschaftlerin, aber eben nur eine kleine.

Um die Folgen – und das Ausmaß – in Zukunft besser zu verstehen, braucht es mehr Daten und Langzeitstudien, fordert Ohla. Gemeinsam mit dem GCCR hat sie deshalb einen Riech- und Schmecktest für zu Hause entwickelt, mit dem man regelmäßig überprüfen kann, wie gut der Sinn funktioniert oder wie schnell sich die Wahrnehmung verbessert.

"Dieses Problem wird weltweit vermutlich ein paar Millionen Menschen betreffen. Diese Menschen brauchen Betreuung und Begleitung", sagt sie. Und äußert einen bescheidenen Trost: Nicht für jeden gehe eine dauerhafte Geruchsstörung auch mit einer dauerhaft verringerten Lebensqualität einher. "Manche können mit der Erinnerung an Geschmack sehr gut leben."  © DER SPIEGEL

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