Viele Menschen - darunter auch solche, die besonders Corona-gefährdet sind - lassen sich nur sehr schwer zu Impfungen bewegen. Einige Kommunen haben deshalb eigens Aktionen in sozialen Brennpunkten gestartet. In Hagen hat Theo Scholten als ehrenamtlicher Impfarzt geholfen – im Interview spricht er über Anlaufschwierigkeiten, lästige Falschinformationen und spontane Impfwerbung im Supermarkt.

Ein Interview
von Christian Bartlau

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Corona-Hotspot in Nordrhein-Westfalen - diesen unschönen Titel hält im April dieses Jahres die Stadt Hagen. Die Impfungen laufen gut an, es gibt nur ein Problem: Gerade viele besonders gefährdete Menschen, die eng aufeinander leben, lassen sich nicht immunisieren.

Hagen setzt auf eine anfangs umstrittene Strategie: In sozialen Brennpunkten werden Anfang Mai eigens Aktionen gestartet, um besonders die Migranten zu erreichen. Von Anfang an dabei ist Theo Scholten, ehemaliger Chefarzt im AKH Hagen. Der Rentner unterstützt die Aktion als ehrenamtlicher Impfarzt.

Herr Scholten, "Die Braven sind die Dummen" - so hat die Lokalzeitung über die erste Impfaktion im Brennpunktviertel Wehringhausen berichtet. Der Vorwurf war, dass Migranten bevorzugt behandelt würden. Was haben Sie gedacht, als Sie das gelesen haben?

Theo Scholten: Ich habe gedacht: Das ist der K.o. für die Aktion.

War es aber nicht. Warum?

Die Stadt hat überzeugend rübergebracht, dass man diese Gruppen bevorzugt anspricht, weil wir Johnson & Johnson zur Verfügung hatten, wo wir nur einmal impfen müssen.

Außerdem hatten wir bei den nächsten Aktionen genügend Impfstoff und konnten sagen: Okay, wer vorbeikommt, wird auch geimpft. Der befürchtete Sturm in den Kommentaren ist dann auch ausgeblieben, die Lokalpresse hat die Aktionen im weiteren Verlauf massiv unterstützt.

Den Anfang mit diesen Schwerpunkt-Aktionen hat Köln gemacht, in Chorweiler. Was hat in Hagen den Anstoß gegeben?

Es kamen mehrere Dinge zusammen: Erst einmal waren die Impfungen bei den priorisierten Gruppen weitgehend abgeschlossen und der Blick frei für die Ursachenforschung. Zum anderen hatten wir diesen Einmal-Impfstoff zur Verfügung. Dazu kommt der glückliche Umstand, dass die Leiterin des Gesundheitsamtes meine Schwiegertochter ist.

In unseren Diskussionen haben wir festgestellt, dass Gruppen in prekären Wohnsituationen einen hohen Anteil an den Infektionen ausgemacht haben, was in der offiziellen Politik nicht so kommuniziert wurde. Also hat meine Schwiegertochter gemeinsam mit dem Quartiersmanagement, den Integrationsbeauftragten und der Diakonie diesen Anlauf gestartet.

Sie sind ehemaliger Chefarzt und Professor an der Universität Witten-Herdecke. Was hat Sie überzeugt mitzumachen?

Ich habe in meiner aktiven Zeit im Klinikalltag immer wieder Begegnungen gehabt mit Menschen in prekären Wohnsituationen. Seit 1997 behandele ich mit Kollegen in "Luthers Waschsalon" ehrenamtlich Obdachlose, außerdem arbeite ich in der Suppenküche Hagen mit.

In der Pandemiezeit haben wir gemerkt, dass einige Gruppen wenig Informationen haben. Die Impfappelle und Anschreiben der Behörden gehen an diesen Menschen vorbei, weil sie nicht gemeldet sind oder wechselnde Adressen haben.

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Über welche Gruppen reden wir?

Obdachlose und Menschen in ungesicherten Versicherungsverhältnissen und prekären Wohnverhältnissen - Rentner, Arbeitslose, Drogenabhängige. Hagen hat außerdem einen hohen Anteil an EU-Migranten aus Bulgarien und Rumänien. Wir bieten unter anderem eine Schwangerschaftssprechstunde an, darüber haben wir versucht, diese Menschen zu informieren, außerdem auch im Rahmen der Essensausgabe in der Suppenküche.

Diese Versuche waren aber immer eingeschränkt durch die Corona-Schutzmaßnahmen. Und oft informieren sich die Leute, wenn sie Handys haben, über soziale Medien – und kommen mit Fake News in Kontakt.

Also hat das Gesundheitsamt im Mai gesagt: Wir müssen den Impfstoff zu den Menschen bringen. Wie ist das abgelaufen?

Wir haben uns, anders als in Köln, entschieden, es nicht vor so großen Blocks wie in Chorweiler zu machen.

Warum?

Sozial schwache Familien leben bei uns nicht in den großen Blocks, sondern in kleineren Straßenzügen in teils unzumutbaren Wohnverhältnissen. Wir sind in diesen Stadtteilen auf zentrale Plätze gegangen und haben unsere Zelte aufgestellt.

Aber wie hat das Angebot die Menschen erreicht?

Wir haben die Quartiersmanager vor Ort in die Häuser geschickt und vorher versucht, über Vereine oder religiöse Gruppierungen ranzukommen. Es gab Plakate und mehrsprachige Infozettel, so dass wir überraschenderweise bis zu 500 Leute bei den einzelnen Terminen impfen konnten.

Sie haben dann am Ende die Spritzen gesetzt – ich nehme an, die Angst vor dem Piks ist in allen Schichten gleich verteilt?

Ja, das geht quer durch, wobei es letztlich kein Problem war. Die Ärzte haben auch die Aufklärungsarbeit geleistet, wir hatten abends schon keine Stimme mehr, weil es so laut war in den Zelten, und dann ständig die Dolmetscher zwischendrin.

Jedenfalls sind bei insgesamt 3.500 Leuten vielleicht 15 oder 20 abgesprungen, aber nur, weil sie Johnson & Johnson nicht vertraut haben. Sonst haben wir alle Altersgruppen, Frauen und Männer geimpft. Die Leute waren auch nach drei Stunden Wartezeit noch fröhlich, wirklich unglaublich.

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Sie sprechen das Vertrauen an – waren die Fake News manchmal schneller oder überzeugender als Sie?

Einmal bin ich mit einem Dolmetscher zu einer Gruppe gegangen, die das Treiben von außen beobachtet hat. Das waren junge Männer, wie meistens, die dann versucht haben, mich davon zu überzeugen, dass diese gruseligen Geschichten wahr sind: Unfruchtbarkeit, Verdummung, andere Nebenwirkungen. Die haben alle ein Handy und zeigen Ihnen diese Geschichten dann auch.

Können Sie diese Leute überzeugen?

Es ist über Dolmetscher extrem schwierig. Die eigene Empathie kommt dann nie so recht rüber. Vielleicht muss man in Einzelaktionen mit Dolmetschern in die Häuser reingehen. Das ist aufwendiger, aber unser Erfolg gerade bei den Migrantengruppen aus der EU war nicht so groß wie bei anderen.

Schon die acht Aktionen in den Brennpunkten waren aufwendig, Sie haben insgesamt 3.500 Menschen geimpft. Hat es sich wirklich gelohnt?

Wir haben keine stabile Datenlage dazu. Ich glaube aber schon, dass wir einige Infektionscluster in diesen dicht besiedelten Mehrfamilien-Wohnungen sanieren konnten.

Geht es denn bald weiter?

Die Planung des Gesundheitsamtes sieht jetzt niedrigschwellige Angebote für Glaubensgemeinschaften vor - ein möglicher Ansatz. Ich denke aber auch darüber nach, mit dem Quartiersmanagement persönlich in die Häuser zu gehen oder vielleicht kleine Veranstaltungen in den Straßen zu initiieren.

"Gelegenheit macht Impfung", hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gesagt. Geben Sie ihm recht?

Das hat sich eindeutig gezeigt, wir haben immer wieder erlebt, dass Leute fragen: Kann ich meine Eltern noch holen, kann ich noch Freunde anrufen? Und wenn wir noch Impfdosen übrig hatten, sind wir in einen Supermarkt gegangen und haben gerufen: "Noch Impfwillige?" Und plötzlich hatten wir zehn, zwölf Menschen im Zelt.

Über den Experten: Prof. Dr. Theo Scholten ist Internist und ehemaliger Chefarzt an der Klinik Hagen. Er ist ehrenamtlich als Vorstand der Hagener Suppenküche tätig, seit 1999 bietet er mit Kolleginnen medizinische Beratung für Obdach- und Wohnungslose in "Luthers Waschsalon" an. Für sein Engagement zeichnete ihn die WDR-Lokalzeit mit dem "Ehrwin"-Award aus.
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