• EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erntete zuletzt harsche Kritik, nachdem sie Lob für die Impfkampagne der EU erwartet hatte.
  • Die Zielmarke von 70 Prozent bei den Impfungen der EU-Bürger haben viele Mitgliedsstaaten nicht erreicht, auch Deutschland und Österreich nicht.
  • Noch immer gibt es große Unterschiede in den Zahlen. Woher sie kommen und wer vorne mit dabei ist.

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Da hatte sich Ursula von der Leyen wohl eine andere Reaktion erhofft: Kurz vor der Urlaubspause rief die EU-Kommissionspräsidentin noch einmal zur Pressekonferenz zusammen, um über den aktuellen Stand der Corona-Impfkampagne zu berichten.

Doch das Eigenlob, welches sie vor den Journalisten beanspruchte, sorgte schnell für harsche Kritik: "Die EU hat Wort gehalten und geliefert", hatte die Präsidentin der Europäischen Kommission am Dienstag in Brüssel gesagt. Ziel sei es gewesen "im Juli 70 Prozent der Erwachsenen in der Europäischen Union durch mindestens eine Impfung zu schützen".

Kritikwelle losgetreten

Zwar hatte von der Leyen auch zugegeben, dass erst 57 Prozent der Erwachsenen den vollen Impfschutz genießen, die Kritikwelle konnte sie trotzdem nicht mehr einfangen. Denn: Die Zielmarke von 70 Prozent hatte die EU im Frühjahr zwar tatsächlich ausgegeben - damals aber die Quote der vollständig geimpften Europäer gemeint.

Und: Die Impfquote von durchschnittlich 70 Prozent klingt deutlich weniger erfolgreich, wenn man bedenkt, dass Länder wie Bulgarien und Rumänien noch bei Erst-Impfquoten von 15,6 und 26,6 Prozent herumdümpeln. Hier mangelt es noch immer an Impfstoff, das Vertrauen der Bevölkerungen in die Regierungen ist gering und es kursieren viele Desinformationen über die Impfung.

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Schein der 70 Prozent trügt

EU-Mitgliedstaaten wie Malta (Erstimpfquote: 92,3 Prozent) und Portugal (Erstimpfquote 74,9 Prozent), wo bereits deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft ist, haben den Schnitt hingegen deutlich nach oben gezogen. In Malta erklärt die geringe Bevölkerungsgröße von etwa 515.000 Menschen die gute Quote.

In Ländern wie Portugal und Spanien ist nicht nur das Vertrauen in den Gesundheitssektor hoch, die Länder sind auch auf Touristen angewiesen – und damit etwa auf eine funktionierende Gastronomie und sichere Reisebedingungen.

Die 70-Prozent-Marke haben zum Zeitpunkt von von der Leyens Verkündung auch Belgien (71,3), Spanien (72,4), Dänemark (74,5) und Irland (70,4) genommen. Finnland, Norwegen, die Niederlande, Italien und Frankreich sind mit Erst-Impfquoten zwischen 67 und 69 Prozent nicht mehr weit von der Zielmarke entfernt. Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland sind die bevölkerungsreichsten Länder der Europäischen Union.

Deutschland und Österreich nehmen Hürde nicht

Deutschland hingegen liegt mit 63 Prozent Erstgeimpften noch deutlich darunter. Ebenso geht es Österreich (60,50 Prozent), Polen (49,7), Tschechien (54,3) und Griechenland (56).

Teilweise haben die Unterschiede in den Impfquoten auch praktische Gründe: Manche Länder haben die gelieferten Impfdosen nicht für die Zweit-Impfung zurückgelegt, sondern sofort verimpft. Ihre Strategie sieht vor, so vielen Menschen wie möglich eine Erstimpfung zu verabreichen und den Abstand zur Zweitimpfung maximal auszudehnen.

Blick auf andere Zahlen

In Finnland sind somit zwar schon 68,6 Prozent erstgeimpft, aber nur knapp 40,6 Prozent vollständig geimpft. Auch in Dänemark gehen die Quoten mit 74,5 Prozent Erstgeimpften und 63 Prozent vollständig Geimpften relativ weit auseinander.

Schaut man nur auf die Quote der vollständig Geimpften, spielen andere Länder an der Spitze mit: Liegt Deutschland (63 Prozent) zum Beispiel in Sachen Erstimpfung hinter Schweden (65,4), kann es bei der Quote der vollständigen Impfungen mit 56,6 Prozent an dem nordeuropäischen Land (46,7) vorbeiziehen.

Keine neue Zielmarke

Das Gesundheitsministerium der EU unter Stella Kyriakides sah sich angesichts der teilweise niedrigen Impfquoten schnell jeder Menge kritischer Nachfragen der Presse ausgesetzt. Ergebnis: Die Behörde versuchte in zahlreichen Stellungnahmen die Angaben von von der Leyen zu relativieren.

Zwar seien noch keine 70 Prozent geimpft, man habe den Mitgliedstaaten aber den für die Quote nötigen Impfstoff geliefert. Nun seien die Behörden vor Ort gefragt. Ein neues Datum für das Erreichen des Ziels wollte man indes nicht ausgeben.

Trotz der berechtigten Kritik: Schon Anfang August hatte die EU mit ihrem Impf-Fortschritt die USA knapp überholt. Bis zum 1. August hatten 57,8 Prozent der US-Bürger eine Erstimpfung erhalten, während es in der EU schon 59,3 Prozent waren. Vollständig geimpft waren bis dahin 49,7 Prozent der US-Amerikaner und 49,8 Prozent der EU-Bürger.

Verwendete Quellen:

  • Impfquoten der EU-Mitgliedstaaten: www.corona-in-zahlen.de. Stand: 16. August 2021
  • ÄrzteZeitung: Von der Leyen ruft mit ihrer EU-Impferfolgsbilanz Kritik hervor. 27.Juli 2021
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