Die Menschen in Teilen Ostdeutschlands lassen sich deutlich weniger gegen Corona impfen als im Westen. Sind sie skeptisch? Impfgegner? Oder ist das "Nein" zur Spritze politisch motiviert? Der Medizinhistoriker Prof. Malte Thießen aus Münster erklärt die plötzliche Impfverweigerung.

Ein Interview

Wie stark der Osten Deutschlands bei den Corona-Impfungen hinterherhinkt, veranschaulichen viele Grafiken und Statistiken. Dabei waren gerade diese Bundesländer bei anderen Impfungen oft unter den Klassenbesten. Wie kommts? Der Medizinhistoriker Prof. Malte Thießen aus Münster erklärt die plötzlich nachlassende Impfbereitschaft und warum eine Impfpflicht wie ein "stumpfes Schwert" wirkt.

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Warum war der Osten Deutschlands bei den Impfungen immer vorne dabei?

Prof. Malte Thießen: Das Impfen passte gut zur DNA der DDR, denn es hat in Folge der DDR-Sozialisation eine zentrale Rolle gespielt. Es war ab den 50er Jahren eines der wichtigsten politischen Werkzeuge, mit dem man planmäßig die Zukunft gestalten und gleichzeitig das Kollektiv verbessern konnte. Die Impfungen sind ein Paradebeispiel für den neuen Geist, der in die DDR eingezogen war und mit dem man das Neue Deutschland aufbauen wollte.

Und warum setzte man damals auf eine Pflicht zur Impfung?

Die Impfungen hatten eine so starke politische Bedeutung und spielten für den Sozialismus eine so bedeutende Rolle, dass in der DDR viel früher und für fast alle Impfungen eine Pflicht eingeführt wurde. Zwar gab es auch im Westen bis in die 70er Jahre Massenimpfungen, aber in der DDR merkte man schneller: "Der Mensch muss nicht zum Impfen kommen, sondern die Impfung muss zum Menschen kommen."

Es gab Dauerimpfstellen, bei Ferienlagern und in manchen Ausbildungsberufen wurde es abgeprüft… Das Impfen war dort omnipräsent. Auch nach 1989 berichten viele DDR-Bürger, dass damals nicht alles schlecht war nach dem Motto "Die haben noch etwas für uns getan." Die berühmte Ost-Nostalgie eben.

Vor Corona: Impfakzeptanz im Osten höher als im Westen

Und warum ist das jetzt anders?

Bis kurz vor Corona, also bis 2019, zeigten die regelmäßigen Untersuchungen des RKI, dass im Osten die Impfakzeptanz höher war als im Westen. Dann kippte das. Bei Impfungen geht es nie nur um den Piecks für den Einzelnen, sondern um Weltbilder und politische Fragen. Impfen ist auch immer ein Symbol für das Vertrauen in die staatlichen Einrichtungen.

Und jetzt haben die Menschen das Vertrauen verloren?

Die Unzufriedenheit der Menschen, die es ja schon in Teilen Ostdeutschlands vor Corona gab und die sich bei der Flüchtlingskrise und den Pegida-Aufmärschen gezeigt hat, hat sich ein neues Ventil gesucht. Erst wurde gegen die Eindämmungsmaßnahmen protestiert, jetzt geht’s gegen die Impfungen. Aber all das ist nur das Symptom, es ist nicht die Ursache. Die liegt tiefer. Die Impfpflicht ist ein Symbol für "die da oben", für die "Merkel-Diktatur" und wird bewusst instrumentalisiert - auch von rechtsextremen Kreisen.

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Aber von oben aufgezwungen war das Impfen in der DDR doch auch?

Daran zeigt sich die ambivalente Haltung zur DDR. Außerdem ist die jetzige Diskussion um die Impfpflicht neu, Jens Spahn hatte sie ab April 2020 mehrfach ausgeschlossen. Jetzt wird die Debatte neu geführt, und einige Gruppen machen damit geschickt Stimmung.

Gab es früher auch schon so viel Widerstand gegen die Impfpflicht?

Auch früher setzte der Staat zuerst auf Freiwilligkeit. Bei der ersten Impfung, der für die Pocken im 19. Jahrhundert, funktionierte das aber auch nicht. Es gab zu viele Vorbehalte: Erst religiöse, die die Impfung als Eingriff in Gottes Werk sahen, und dann wegen der Nebenwirkungen.

Impfungen sind immer ein Stück weit Opfer ihrer eigenen Erfolge. Denn je effektiver Impfungen sind, desto schneller geht die Seuche zurück, und desto schwieriger ist die Abwägung: Sind die Nebenwirkungen gefährlicher oder die Impfungen?

Grundrechte des Einzelnen gegen Schutz der Allgemeinheit

Und dann setzte man auf eine Impfpflicht?

Für moderne Staaten im 19. Jahrhundert war eine solche Pflicht ein Traum, sie konnten so ihre Fürsorgekompetenz demonstrieren. Eine Sozial- und Gesundheitspolitik gabs damals ja noch nicht. Bayern beginnt 1807 mit der Impfpflicht, Preußen als Obrigkeitsstaat mit Pickelhaube dagegen wartete, hier wogen noch die Grundrechte des Einzelnen und die körperliche Unversehrtheit höher als der Schutz der Allgemeinheit. 1874 nach einer großen Pocken-Epidemie änderte sich das.

Aber das sind ja die gleichen Argumente, die jetzt noch gebracht werden!

Ja, und es ist wirklich wie ein Déjà-vu, wenn man die Reichstagsdebatten von damals mit denen von heute vergleicht. Damals waren zwei Fragen wichtig: Darf der Staat über den Körper bestimmen? Diese Debatte ist noch immer nicht geklärt. Und die zweite betrifft die Nebenwirkungen: Ist die Impfpflicht verhältnismäßig? Auch damals argumentierten die Befürworter der Impfpflicht schon mit der Herdenimmunität.

Wird das in 200 Jahren auch so laufen?

(Lacht.) Das weiß ich nicht. Es hat mich aber gewundert, dass die Debatte um die Impfpflicht jetzt so zunimmt. Aber die vierte Welle ist wohl für uns alle eine extrem herbe Enttäuschung. Wir dachten im Frühjahr, mit den steigenden Impfquoten bekommen wir das in den Griff.

Wäre eine Impfpflicht jetzt gut?

Eine Impfpflicht ist immer doppeldeutig: Denn sie ist nicht nur eine Pflicht für eine Person, sich impfen zu lassen. Sondern sie ist auch eine Pflicht für den Staat, überall Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Im 19. Jahrhundert brachte man so das Gesundheitswesen in die Fläche, jetzt würden hoffentlich die Warteschlangen verschwinden.

Und welche Nachteile gibt es?

Damit mobilisiert man vor allem die Kritiker und Skeptiker. Die Verschwörungstheorien schießen noch mehr ins Kraut, es wird radikalisiert, neue Gewalt entsteht. Und man verliert zusätzlich die, die man vielleicht noch mit einem niedrigschwelligen Angebot abholen könnte. Zudem ist die Impfpflicht keine Garantie für eine 95-prozentige Impfquote.

Warum nicht?

Aus historischer Sicht ist die Impfpflicht ein stumpfes Schwert. Zwar gab es damals im Kaiserreich schon Geldstrafen, aber Impfgegner kauften sich einfach frei. Und in Bayern und nach der Impfpflicht 1874 im Reichstag bemerkten Beamte, wie das Fälschungswesen und damit der Handel mit Impfzeugnissen förmlich explodierte. Je höher der Druck und damit die Impfpflicht, desto größer ist die Attraktivität von Fälschungen. Und auf einmal entstehen überall versteckte Infektionsherde, die gefährlich werden können.

Welcher Weg wäre der beste?

Vielleicht ist es der, den Bremen mit seiner Impfquote von 92 Prozent geht: Dort werden niedrigschwellige Angebote und eine Kommunikation auf Augenhöhe gemacht, es gibt Entscheidungshilfen, Communities werden angesprochen.

Über den Experten: Prof. Malte Thießen ist Medizinhistoriker und leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster.
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