• Bund und Länder wollen bis Weihnachten 30 Millionen Impfungen gegen das Coronavirus ermöglichen - ein Desaster mit Ansage?
  • Denn das Vorhaben droht schon zu scheitern, ehe es richtig angelaufen ist - aber nicht an fehlenden Impfwilligen, sondern offenbar an zu wenigen Vakzin-Dosen in Impfzentren und Arztpraxen.

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Impfen, impfen, impfen. Das ist das Signal, das die Politik seit Wochen an die Menschen im Land sendet. Egal ob Erst-, Zweit- oder Auffrischungsimpfung. Als "nationale Aufgabe" bezeichnete der designierte Kanzler Olaf Scholz (SPD) laut "Spiegel" den Kampf gegen die Corona-Pandemie.

Das Ziel, auf das sich Scholz, Noch-Regierungschefin Angela Merkel (CDU) sowie die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten während der Bund-Länder-Runde am Dienstag einigten: 30 Millionen Impfungen bis Weihnachten. "Dafür soll der Kreis derjenigen, die Impfungen durchführen dürfen, deutlich ausgeweitet werden", teilte Regierungssprecher Steffen Seibert nach der Schalte mit. Das heißt: Nun sollen auch Apotheker bei der Impfkampagne mit anpacken. Scholz setzte sich zudem dafür ein, dass Zahn- und Tierärzte spritzen dürfen. Der Bund muss dafür aber erst die rechtlichen Vorgaben ändern.

Experten begrüßen die Impfoffensive, zugleich zeigen sie sich aber skeptisch: Denn schon jetzt fehlt es vielerorts weniger an Impfwilligen, sondern vor allem an Impfdosen.

1,5 Millionen Impfungen, Tag für Tag

30 Millionen Impfdosen in den kommenden dreieinhalb Wochen bedeutet etwa 1,5 Millionen Impfungen am Tag. Selbst in der Hochphase der Impfkampagne im Mai und Juni wurde dieser Wert in der Spitze nie erreicht. Am Dienstag wurden in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 807.000 Impfdosen verabreicht, 657.000 davon waren Auffrischungsimpfungen, sogenannte Booster. Wie soll eine fast doppelte so große Menge nun täglich und das sieben Tage in der Woche verabreicht werden?

"Das ist logistisch schwer umzusetzen", sagte Thomas Schulz, Leiter des Instituts für Virologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). "Ich habe nicht den Eindruck, dass die Ärzte den Impfstoff nicht an den Mann bekommen, sondern dass es vielmehr Probleme bei der Verteilung des Impfstoffs gibt."

"Ganz Frankfurt ist stinksauer auf Berlin"

So wie in Frankfurt am Main. Am Montag beklagte sich die Stadt: "Die bestellten Impfstoffmengen können seitens des Bundes aktuell nicht zur Verfügung gestellt werden."

Obwohl die Impfaktionen des Gesundheitsamtes von den Bürgerinnen und Bürgern sehr gut angenommen würden und die Nachfrage zuletzt stark angezogen habe, musste Frankfurt seine Impfangebote einschränken, wie das Gesundheitsamt mitteilte. Schon seit Dienstag können sich die Bürgerinnen und Bürger demnach nicht mehr in der Hauptwache impfen lassen, auch alle Sonderimpfaktionen sagte die Stadt ab.

Statt der bestellten 19.380 Dosen erhalte Hessens größte Stadt nur rund 6.000 Impfdosen des Impfstoffes Comirnaty von Biontech und maximal 4.000 Dosen Spikevax von Moderna. "Ganz Frankfurt ist stinksauer auf Berlin – und mir fehlen ehrlich gesagt die Worte", ließ sich Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zitieren.

Die Metropole am Main ist keine Ausnahme. Auch in Bonn, Halle, Würzburg oder Braunschweig gab oder gibt es nicht genügend Impfstoff oder nicht das passende Vakzin (Kinder ab 12 sowie Jugendliche und Erwachsene unter 30 sollen laut der Ständigen Impfkommission nicht mit dem Vakzin von Moderna geimpft werden). Den Bund hätten laut Gesundheitsministerium Rückmeldungen aus zehn Bundesländern erreicht, dass es Probleme gebe – beispielsweise Hessen habe sich aber nicht vorab deswegen gemeldet.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci bezweifelt deshalb, dass bis Weihnachten bundesweit 30 Millionen Impfungen ermöglicht werden. "Ich begrüße das Ziel, aber es ist gefährdet", sagte die SPD-Politikerin am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Das Impfen komme in der Hauptstadt zum Teil ins Stocken.

Kalayci hatte bereits am Dienstag die "Rationierung" des Biontech-Impfstoffs durch den Bund sowie ausbleibende Lieferungen beklagt. Sowohl der Senat für die landeseigenen Impfzentren als auch die Ärzte bekämen nicht genügend Nachschub. Das führe bei vielen Patienten, die für Erst- und Auffrischungsimpfungen stattdessen den Impfstoff von Moderna bekommen sollen, zu Verunsicherung und höherem Aufklärungsbedarf.

Hausärzteverband kritisiert Corona-Politik der großen Koalition

Ebenso beklagt der Hausärzteverband eine mangelnde Versorgung der bundesweit Zehntausenden Arztpraxen. "In der letzten Woche wurden im ambulanten Bereich mehr als 3,1 Millionen Impfdosen verabreicht. Dies war die zweitbeste Impfwoche der gesamten Impfkampagne", sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, dem RND. "Dieses Impftempo könnten wir nur beibehalten, wenn uns nicht die Impfstoffmengen zum Teil um zwei Drittel gekürzt werden, wie uns die Praxen jetzt berichten. Geplante Impftermine müssen dann verschoben oder sogar komplett absagt werden", sagte Weigeldt.

Er kritisiert die geschäftsführende schwarz-rote Bundesregierung scharf. Diese habe es "wochen- und monatelang versäumt", politische Maßnahmen zu ergreifen, um die Impfquote zu steigern. Nun sei die Lage in Deutschland in manchen Regionen "inzwischen durchaus prekär", bemerkte Weigeldt.

Wo liegt das Problem?

Der Bund schiebt die Probleme auf die Länder: Diese seien für konkrete Impfangebote vor Ort zuständig, erläuterte das Gesundheitsministerium auf Anfrage. Eine Knappheit sei nicht zu sehen. Es hänge auch vom Bestellverhalten von Praxen und Impfstellen ab, dass sie Impfstoff erreiche. In der vergangenen Woche habe es einzelne Nachbestellungen gegeben, die dann häufig nicht mehr bedienbar gewesen seien.

Konkret seien in dieser und der vergangenen Woche insgesamt 18 Millionen Dosen vom Bund ausgeliefert worden, weitere zehn Millionen Dosen sollen kommende Woche folgen. Darüber hinaus stünden noch weitere 25 Millionen Dosen für Booster-Impfungen zur Verfügung. Dafür können die Impfstoffe von Biontech und Moderna eingesetzt werden, wobei für Biontech vorerst Bestell-Obergrenzen gelten.

Es hapert also offenbar weniger an der Verfügbarkeit, sondern vielmehr an der Verteilung. Dieses Problem lösen soll nun ein neuer Krisenstab unter Leitung des Bundeswehrgenerals Carsten Breuer. Der Kommandeur des in Berlin ansässigen Kommandos Territoriale Aufgaben koordiniert bereits seit dem vergangenen Jahr die Aufgaben der Bundeswehr in Pandemie-Belangen. Der 57-Jährige kommt mit umfassenden Erfahrungen im Krisenmanagement – und er gilt als Logistik-Experte.

Mit Material von dpa und AFP.
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