New York steht angesichts der Coronavirus-Krise still. Die Stadt wartet auf die Katastrophe, denn die Krankenhäuser sind schon jetzt überfüllt, doch der Höhepunkt der Epidemie steht wohl noch bevor. Wie fühlt es sich an gerade in dieser Stadt zu leben. Ein Betroffener erzählt.

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New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio spricht von New York als dem Epizentrum der Coronavirus-Krise in den USA.

Die Lage dort verschlimmert sich jeden Tag dramatisch, die Fallzahlen der Infizierten vermehren sich in rasender Geschwindigkeit. Die Stadt läuft geradewegs auf eine kaum vermeidbare Katastrophe zu. Der Österreicher Alexander Brunner lebt und arbeitet seit fünf Jahren in der Stadt, die eigentlich niemals schläft und gerade doch erstarrt ist. Und dennoch erlebt er eine Stadt, die sich nicht unterkriegen lässt und in der die Menschen sogar noch freundlicher sind, als vor der Krise:

"Die Situation im Moment ist - wahrscheinlich ähnlich wie in Europa - ein bisschen komisch, weil eben jeder daheim ist. In New York ist das aber speziell komisch, weil jeder in kleinen Wohnungen lebt, die eigentlich nur zum Schlafen und Kochen gedacht sind. Das Leben findet ja sonst draußen in der Stadt statt. Man ist ja eigentlich in New York um draußen mit anderen Menschen zusammen zu sein", erzählt Brunner unserer Redaktion.

"Man geht auf den Straßen spazieren, auf denen sonst tausende Leute sind und hat am helllichten Tag das Gefühl, es ist vier Uhr in der Nacht, weil einfach niemand da ist. Man kann über den größten Highway laufen ohne nach rechts und links zu schauen, weil keine Autos fahren.

Während in Deutschland Klopapier gehortet wird, sind die New Yorker in der Hinsicht aber wirklich entspannt. Ganz am Anfang, als die ersten Warnungen kamen, waren die Supermärkte mal ein bisschen leerer. Vor allem bei der Pasta waren nur noch Ersatzprodukte wie Blumenkohl-Pasta da, aber inzwischen hat sich das auch gelegt. Allerdings haben viele kleine Restaurants und Shops geschlossen, weil sie die hohe Miete und die Personalkosten nicht decken können."

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Die Stimmung ist bedrückend

Ansonsten sei die Stimmung "schon irgendwie bedrückend. Aber es ist auch eigenartig. Denn die New Yorker sind trotzdem rücksichtsvoll und fast freundlicher als normalerweise schon. Die Stimmung drückt auch aus: Wir schaffen das gemeinsam, wir helfen uns gegenseitig und schauen, dass das ordentlich über die Bühne geht.

Jeder hier ist aber auch unglaublich verärgert über die Politik und findet es sehr skurril, wie die Krise von der Regierung in Washington gehandhabt wird. Ich bin froh, dass der Bürgermeister von New York, Bill de Blasio, drastische Worte wählt, um die Lage zu beschreiben. Denn gerade aus Washington hört man nur Beschwichtigendes und komplett faktenlose Berichte. Mit Trumps Aussage, man müsse nun schnellstmöglich die Wirtschaft wieder hochfahren, kann ich gerade zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts anfangen."

Darum ist New York das Epizentrum

Jedem sei klar, dass die aktuelle Situation nur der Anfang ist. "Es ist ja nicht so, dass wir nicht wüssten, wie sich die Epidemie weiter entwickeln wird", so Brunner. "Und es ist ja auch ganz logisch, dass New York das Epizentrum der Krise ist. New York ist die einzige dicht bebaute Stadt in den USA. Dass es de Blasio so anspricht, ist mir nur recht, weil dann auch wieder entsprechend die Maßnahmen und die Infrastruktur angepasst werden kann. New York braucht jetzt eben tausende Schutzmasken und Beatmungsgeräte und der einzige Weg, diese zu bekommen, ist es direkt anzusprechen. New York ist ohnehin eine sehr direkte Stadt, auch in ganz normalen Fällen nimmt hier niemand ein Blatt vor den Mund. De Blasios Worte lösen also überhaupt keine Panik aus."

US-Amerikaner haben kein Sicherheitsnetz

Brunner geht davon aus, dass sich die fehlende soziale Absicherung in den USA bald negativ auswirken wird. "Irgendwann wird man allerdings merken, dass die Leute in den USA einfach kein Sicherheitsnetz haben und nicht mehr wissen, wie sie Essen kaufen oder die Miete bezahlen müssen. Wenn das Leben hier ein Jahr lang stillstehen würde, richtet man schon enormen Schaden an. Das führt dann nicht nur zu ökonomischen Problemen für die Leute hier, sondern da kommen da auch mentale Probleme dazu. Die Leute werden depressiv und suizidgefährdet. Wir haben auch jetzt schon von Leuten gehört, die Suizid begangen haben angesichts der aktuellen Lage."

Und wie geht er selbst mit der aktuellen Lage um? Spielt er mit dem Gedanken, seiner Wahlheimat den Rücken zu kehren? "New York zu verlassen wäre momentan noch möglich. Für die USA gibt es keine Reisebeschränkung, soweit ich weiß. Allerdings bekommt man halt keine Flüge. Ich habe auch schon überlegt, nach Europa zu fliegen. Aber ich weiß nicht, ob das so einfach ginge. Momentan bin ich auch noch von meinem Arbeitgeber aufgefordert hier zu sein."

Protokoll von Sabrina Schäfer

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