Deutschlandweit steigen die Fallzahlen der mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 Infizierten. Die befürchtete zweite Welle und der Teil-Lockdown sind da. Einige Experten forderten kürzlich eine Langzeit-Strategie, die besonders auf den Schutz der Risikogruppen setzt. Kann das eine Alternative sein?

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Noch vor der Entscheidung zum Teil-Lockdown gab die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am 28. Oktober ein Positionspapier heraus, in dem sie von einem Lockdown abrät und stattdessen für einen verstärkten Schutz der Risikogruppen plädiert. In der zugehörigen Pressekonferenz betonte der Virologe Hendrik Streeck, der Schutz der Risikogruppen käme "zu kurz".

Statt eines Lockdowns sollte es in Pflegeheimen mehr Schnelltests für Besucher geben. Bei Risikopatienten, die zu Hause leben, sollte man auf Eigenverantwortung und eine kommunal organisierte Nachbarschaftshilfe setzen. Auch die Gesundheitsämter sollten dann ihre Ressourcen statt auf die Nachverfolgung von Kontakten auf den Schutz der Risikogruppen zu Hause setzen, sagte Streeck.

Sie sollten mit FFP-2-Masken und Antigen-Tests ausgestattet werden. Auch sein Kollege, der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit würde auf mehr Aufklärung der Risiko- und Randgruppen setzen. Dann könnten die AHA-Maßnahmen ausreichen, sagte er auf der Pressekonferenz.

Das Positionspapier der KBV löste zahlreiche Widersprüche von Wissenschaftlern und Ärzteverbänden aus. Mittlerweile hat die KBV auf Twitter angekündigt, es zu ergänzen und zu überarbeiten.

"Können die Gesellschaft nicht in Risiko- und Nicht-Risikopatienten teilen"

Wenn man sich die Liste der Risikofaktoren ansieht, wird schnell klar, dass diese auf sehr viele Menschen zutreffen. Zu ihnen zählen unter anderem Alter und männliches Geschlecht. Auch mit Vorerkrankungen wie chronische Lungen- und Bronchialerkrankungen, Krebserkrankungen, Erkrankungen der Leber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder unterdrücktem Immunsystem steigt die Gefahr, schwer an COVID-19 zu erkranken. Diabetes und Übergewicht können schwere Verläufe begünstigen. Schwangere tragen ein höheres Risiko als Nicht-Schwangere.

Hinzu kommt: "Ob sich jemand zu einem Risikopatienten zählt, ist rein subjektiv", sagt Torsten Bauer, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, auf Nachfrage unserer Redaktion. "Wenn ich zum Beispiel 57 Jahre alt bin, 90 Kilo wiege und leichtes Asthma habe, bin ich dann ein Risikopatient?", fragt er. "Wir können die Gesellschaft nicht in Risikopatienten und Nicht-Risikopatienten teilen."

Fast ein Drittel der Bevölkerung trägt erhöhtes Risiko

Wie unmöglich das ist, zeigt auch die sehr hohe Zahl an potenziellen besonders gefährdeten Menschen. Insgesamt zählten in Deutschland 26,4 Prozent der Bevölkerung zur Risikogruppe, sagt Sandra Ciesek, Direktorin des Institutes für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, im NDR-Podcast "Das Corona-Update".

"Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl, die man sich bewusst machen muss, wenn man davon redet, wir schützen fortan nur noch die Risikogruppen", sagt die Expertin. In manchen Städten oder Gemeinden seien sogar 43 Prozent der Einwohner vorerkrankt. "Wie sollen 21,9 Millionen Menschen mit einer Vorerkrankung vor den restlichen 60 Millionen geschützt werden? Da merkt man schnell, wie irrsinnig und schwierig das ist", sagt Ciesek.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht sogar von insgesamt 40 Prozent der Bevölkerung, die gefährdet seien. "Bei uns sind 23 Millionen Deutsche über 60", sagte der CDU-Politiker am Sonntagabend im Politik-Talk "Die richtigen Fragen" auf "Bild live". "Wir sind ein Wohlstandsland mit Zivilisationskrankheiten: Diabetes, Bluthochdruck, Übergewichtigkeit. Alles Risikofaktoren für dieses Virus, wie für viele Infektionskrankheiten übrigens auch."

Reduzierung der SARS-CoV-2-Fallzahlen alternativlos

Auch die Gesellschaft für Virologie (GfV) teilt diese Meinung. Sie stellt in einem aktuellen Schreiben außer Frage, dass der Schutz der Risikogruppen ein zentrales Anliegen ist. "Es ist jedoch zu bedenken, dass circa 30 Prozent der europäischen Bevölkerung mindestens einen bekannten Risikofaktor für einen schweren Infektionsverlauf haben", heißt es darin. Damit werde klar, dass viele Risikopatienten nicht in Einrichtungen leben, sondern mitten in der Gesellschaft.

"Diese Personen zu schützen, wird unserer Ansicht nach nur über die Reduktion von Infektionen in der Gesamtbevölkerung gelingen", sagt die GfV. Auch der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie zufolge ist die Eindämmung der Pandemie alternativlos. "Der beste Schutz für die Bevölkerung und auch die Wirtschaft ist das Abflachen der epidemischen Kurve", heißt es in einer aktuellen Beurteilung der Lage.

Mitarbeiter tragen Coronavirus in Pflegeheime

Nur auf den Schutz von Risikogruppen zu setzen, würde zudem bedeuten, eine große Bevölkerungsgruppe zu isolieren. Dies sehen die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin sowie die Deutsche Lungenstiftung kritisch. In einer gemeinsamen Stellungnahme heißt es: "Eine systematische häusliche Isolierung von Menschen aus Infektionsschutzgründen sollte vermieden werden."

Ähnlich schätzt es auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung für Patientenschutz ein: "Das konsequente Vorgehen im Teil-Lockdown von Bund und Ländern ist richtig und wichtig. Das größte Infektionsgeschehen geht von privaten Treffen und Festen aus." In den Pflegeheimen seien es vor allem die Mitarbeiter, die das Virus in die Einrichtungen tragen. Deshalb sei dort die Ausstattung mit Schnelltests wichtig. "Pflegebedürftige, Schwerstkranke und die Menschen der Hochrisikogruppe brauchen jetzt Schutz und Solidarität. Einen Lockdown für die 900.000 Heimbewohner darf es nicht geben", erklärt Brysch.

Experte: Teil-Lockdown alleine reicht vermutlich nicht

Wie aber soll in Zukunft gehandelt werden, um SARS-CoV-2 einzudämmen? Das Virus wird uns auch nach der Zulassung eines Impfstoffes noch lange begleiten, darüber sind sich die Experten einig. Müssen wir also alle paar Monate in einen Lockdown? "Die Separierung und Distanzierung der Menschen ist mit Sicherheit das wirksamste Mittel zur epidemiologischen Eindämmung der Corona-Infektion", sagt Pneumologe Bauer. "Entscheidend ist für das Weiterfunktionieren einer Gesellschaft das Ausmaß des Lockdowns. Es ist wichtig, einen Mix aus all den Maßnahmen zu machen, die uns zur Verfügung stehen." Dazu zählen neben einem Lockdown das Abstandhalten und Maske tragen sowie der Schutz von Risikogruppen.

Offen ist Bauer zufolge die Frage, was mit dem derzeitigen Teil-Lockdown erreicht werden soll: "Eine Reduktion der Zahlen auf das Sommerniveau unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen ist aus meiner Sicht mit den aktuellen Maßnahmen nicht zu erreichen."

Wenn die Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter nur unterhalb dieser Zahl zu gewährleisten ist, dann müssten laut Bauer alternative Konzepte her wie die Clusteranalyse in der Fallfindung oder eine weitere Aufrüstung der Gesundheitsämter. Dieser Ansicht ist auch Ciesek: "Ohne die Kontaktverfolgung entgleitet die Kontrolle über das Infektionsgeschehen." In der Folge kommt es zu noch mehr Krankheits- und Todesfällen.

Verwendete Quellen:

  • Schriftliche Antworten von Professor Dr. Torsten Bauer, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin
  • Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin und der Deutschen Lungenstiftung zur aktuellen Pandemielage vom 28.10.2020
  • Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 28.10.2020
  • NDR-Podcast. Das Coronavirus-Update, Folge 63. Man kann nicht alle Risikogruppen wegsperren
  • Aktuelle Beurteilung der Lage der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie vom 4.11.2020
  • Schreiben der Gesellschaft für Virologie zu den politisch angeordneten Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung und dem Positionspapier der KBV vom 6.11.2020
  • Statement der Deutschen Stiftung Patientenschutz

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