• Die Ständige Impfkommission - kurz STIKO - des Robert-Koch-Instituts steht derzeit so sehr im Blickpunkt wie noch nie.
  • Die STIKO gibt Impfempfehlungen und änderte erst kürzlich die Vorgaben für den Impfstoff von AstraZeneca. Auch für die Impfpriorisierung gab das Gremium eine Empfehlung ab.
  • Wir fassen zusammen, wie die STIKO arbeitet und beantworten einige der wichtigsten Fragen zur Impfkommission.

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In normalen Zeiten trifft sich die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, zweimal im Jahr. Das unabhängige Expertengremium des Robert-Koch-Instituts bewertet Nutzen und Risiken von Impfstoffen und gibt Empfehlungen für Impfungen ab, an denen sich Ärztinnen und Ärzte orientieren können.

Diese Empfehlungen wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten meist nur in Fachkreisen diskutiert, während der Corona-Pandemie schaut nun aber ganz Deutschland auf die Arbeit der STIKO. Die Erwartungshaltung ist groß, der Arbeitsaufwand für die ehrenamtlich arbeitenden Medizinerinnen und Mediziner hat sich erheblich erhöht.

"Die STIKO tagt gegenwärtig in Abhängigkeit von den aktuellen Fragestellungen in hoher Frequenz und ist per E-Mail im ständigen Austausch", berichtet Gudrun Widders, Leiterin des Gesundheitsamtes Bezirksamt Spandau von Berlin und Mitglied der STIKO, auf Rückfrage unserer Redaktion. Aber was macht die STIKO genau und wie setzt sich das Gremium zusammen? Wir beantworten einige der wichtigsten Fragen zur Ständigen Impfkommission.

Wie setzt sich die STIKO zusammen?

Der STIKO gehören 18 unabhängige und ehrenamtliche Expertinnen und Experten an, die vom Bundesgesundheitsministerium berufen werden. Diese Experten kommen aus unterschiedlichen Fachgebieten, sind Ärzte, Wissenschaftler, arbeiten in Gesundheitsbehörden oder bei Krankenkassen.

Was macht die STIKO?

Die STIKO entwickelt Impfempfehlungen für Deutschland auf Grundlage evidenzbasierter Medizin, die auf wissenschaftlichen und klinischen Daten zu Impfstoffen basieren. Dabei werden nicht nur Nutzen und Risiken einer Impfung für den einzelnen Menschen berücksichtigt, sondern auch für die gesamte Bevölkerung.

Die Empfehlungen der STIKO werden in die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgenommen und gelten als medizinischer Standard, weshalb Krankenkassen die Kosten für empfohlene Impfungen übernehmen müssen.

Warum steht die STIKO derzeit so im Blickpunkt?

"Der Druck auf die STIKO ist aufgrund der gegenwärtigen besonderen Situation in unserer Gesellschaft besonders groß. Dabei spielt weniger eine Rolle, in der Öffentlichkeit zu stehen, weil sich unsere Empfehlungen immer auch an die Öffentlichkeit richten. Besonders ist, dass sich Ereignisse überschlagen, auf die fachlich klug und angemessen reagiert werden muss, ohne dass die erforderliche Evidenz bereits vorhanden ist", erklärt STIKO-Mitglied Gudrun Widders.

"Das ist gegenwärtig eine Herausforderung, vor der die STIKO - soweit ich es beurteilen kann - noch nie in dieser Weise gestanden hat. Besonders hoch ist der Druck auch, weil von der Geschwindigkeit der Durchimpfung der Bevölkerung abhängt, welche Freiheiten und in welchem Umfang wiedererlangt werden können. So werden Erwartungen an die STIKO gerichtet, die nur zum Teil erfüllt werden können", führt die Amtsärztin weiter aus.

Wie werden bei der STIKO Empfehlungen beschlossen?

"Für Beschlussfassungen der STIKO und damit Empfehlungen an die Bevölkerung, die Mediziner und an die Politik ist eine ausreichende Datenlage erforderlich. Diese wird wissenschaftlich bewertet und ist im Regelfall die Grundlage für fachliche Empfehlungen", sagt Widders: "Natürlich macht die STIKO immer auch eine Nutzen-Risiko-Abwägung. Ihre Arbeit geht aber weit darüber hinaus. Die STIKO kann aufgrund ihrer Zusammensetzung Expertenwissen und Erfahrungen aus sehr verschiedenen medizinischen Bereichen einbringen. Die 18 Mitglieder der STIKO sind Ärzte und jederzeit von ihrer berufsethischen Haltung geleitet." Veröffentlicht werden die Empfehlungen unter anderem auf der Homepage des RKI.

Wie sind die Empfehlungen der STIKO für AstraZeneca, Biontech und Moderna?

Natürlich kann sich die Datenlage in einer dynamischen Situation wie der Corona-Pandemie immer wieder ändern, schließlich wird mit Hochdruck geforscht und es wurden im Rekordtempo Impfstoffe entwickelt. Entsprechend können sich auch die Empfehlungen ändern. Ein Beispiel dafür ist der Impfstoff von AstraZeneca, bei dem ein möglicher Zusammenhang zwischen Impfung und seltenen Thrombosen bei jüngeren Menschen festgestellt wurde. Am 30. März änderte die STIKO deshalb ihre Empfehlung. Künftig soll der Impfstoff nur noch bei Menschen eingesetzt werden, die 60 Jahre oder älter sind. Wer jünger ist und bei der Erstimpfung das AstraZeneca-Präparat erhielt, soll nun bei der Zweitimpfung einen anderen Impfstoff erhalten.

Dieser Vorgang wirkte auf viele Menschen verwirrend und schwächte das Vertrauen in den AstraZeneca-Impfstoff. Der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens erklärte aber im "Spiegel", dass die Anpassung belege, dass das Sicherheitssystem in Deutschland funktioniere und ärgerte sich darüber, dass "immer nur das Negative betont wird".

Die Impfstoffe von Biontech und Moderna werden von der STIKO ohne Einschränkungen empfohlen. Den russischen Impfstoff Sputnik V lobte Mertens kürzlich. "Sputnik V ist clever gebaut", sagte der STIKO-Chef der "Rheinischen Post". Da der Impfstoff aber noch keine Zulassung in der EU hat, beschäftigt sich die Impfkommission noch nicht mit Sputnik V.

Wie flexibel kann die STIKO reagieren?

Derzeit wird möglichst schnell nach Lösungen gesucht, um möglichst viele COVID-19-Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern. Politiker und Experten forderten zuletzt verschiedene Maßnahmen, der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schlug beispielsweise die Ausdehnung des Intervalls zwischen Erst- und Zweitimpfung oder eine Notfallzulassung für den Impfstoff Curevac vor.

"Solche Fragestellungen werden von der STIKO geprüft und wissenschaftlich analysiert. Das passiert kurzfristig und mit einer sehr hohen Effizienz. Insofern ist die erforderliche Flexibilität gegeben. Die Empfehlungen der STIKO sind jedoch nicht abhängig von politischen Forderungen, sondern von den Ergebnissen der umfassenden Prüfung", erklärt Gudrun Widders.

Welche Kritik an der STIKO gibt es?

Kritik gab und gibt es beispielsweise an der Impfpriorisierung, immer wieder forderten einzelne Gruppe oder Verbände, früher geimpft zu werden. Auch eine komplette Aufhebung der Impfpriorisierung wird immer wieder diskutiert. Auch hier hat die STIKO mit dem Problem zu kämpfen, dass in der rasanten Entwicklung der Pandemie nicht für alle Berufsgruppen oder für seltene Krankheitsbilder Daten vorliegen. Entscheidungen müssen trotzdem schnell getroffen werden.

"Die Priorisierung in den Impfempfehlungen der STIKO zeigt auf, welche Bevölkerungsgruppen ein besonderes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf nach einer Sars-CoV-2-Infektion haben und deshalb besonders schnell geimpft werden müssen. Sie ist auf jeden Fall ein wichtiges Instrument zur Orientierung, kann jedoch nicht alle Fallkonstellationen regeln", sagt Gudrun Widders. Die Medizinerin sieht bei der Priorisierung von Berufsgruppen die Politik und Fachleute in den Landesgesundheitsbehörden in der Verantwortung. Bei seltenen Krankheiten seien in den Bundesländern Institutionen wie zum Beispiel Impfclearingstellen erforderlich, "die Risiken prüfen und individuell entscheiden."

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurde der STIKO auch immer wieder vorgeworfen, die Interessen der Pharmaindustrie zu stark zu berücksichtigen, etwa bei einer Empfehlung für eine Windpocken-Impfung im Jahr 2004. Die Empfehlungen der STIKO haben enorme wirtschaftliche Auswirkungen, weshalb die Unabhängigkeit der Mitglieder sehr wichtig ist. Die Mitglieder der STIKO müssen deshalb vor ihrer Berufung gegenüber dem Bundesministerium für Gesundheit etwaige Interessenskonflikte, beispielsweise eine Tätigkeit für einen Impfstoffhersteller, offenlegen. Diese Selbstauskünfte der Mitglieder können auf der Homepage des RKI abgerufen werden.

Verwendete Quellen:

  • Schriftliches Interview mit der Ärztin Gudrun Widders, die seit 2017 Mitglied der Ständigen Impfkommission und Leiterin des Gesundheitsamtes Bezirksamt Spandau von Berlin ist.
  • RKI.de: STIKO-Empfehlungen zur COVID-19-Impfung
  • RKI.de: Selbstauskünfte
  • Impfen.de: STIKO - Ständige Impfkommission: Das sind die Aufgaben
  • Spiegel.de: STIKO-Chef Thomas Mertens erklärt im Interview die Entscheidung zum AstraZeneca-Impfstoff
  • rp-online.de: STIKO-Chef hält Sputnik V für guten Impfstoff
  • aerztezeitung.de: Ärzteverbände kritisieren STIKO-Empfehlungen scharf
  • aerzteblatt.de: Impfungen: Kommission in der Kritik

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