• Tansania gehörte zu den letzten verbliebenen Ländern, deren Regierungen die Existenz von Corona leugneten.
  • Seit dem Tod des Präsidenten John Magufuli treibt Nachfolgerin Samia Suluhu Hassan jetzt die erste landesweite Impfkampagne voran.
  • Dennoch gibt es bis dato kaum verlässliche Daten zur Ausbreitung des Virus.
Eine Analyse
von Christina Scheidtweiler

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Bis vor Kurzem behauptete die Regierung Tansanias unter Präsident John Magufuli noch, dass es das Coronavirus SARS-CoV-2 nicht gäbe. Für das Land des Kilimanjaro, der Serengeti-Ebene und der Ferieninsel Sansibar stand vermutlich zu viel auf dem Spiel: Das Land profitiert enorm vom Tourismus. Sansibar wurde während der Pandemie sogar zum Hotspot für Corona-müde Touristen. Doch Mitte März 2021 verstarb John Magufuli plötzlich – möglicherweise an einer Corona-Infektion.

Seitdem Vizepräsidentin Samia Suluhu Hassan nun die Regierung führt, ändert sich allmählich der öffentliche Umgang mit dem Virus. Vor wenigen Tagen startete die erste Impfkampagne des Landes. Trotz der Kehrtwende ist die epidemiologische Lage vor Ort nach wie vor schwer einschätzbar.

Anzeichen für exponentiellen Anstieg an Infektionen

Ende Juni gab Samia Suluhu Hassan erstmals Zahlen zu aktuellen Corona-Infektionen in ihrem Land bekannt. Ein Novum, denn bisher wurde keine einzige offizielle Statistik dazu geführt. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt 100 Menschen mit COVID-19 infiziert und mussten in Krankenhäusern behandelt werden. Von diesen seien wiederum 70 Prozent an Beatmungsgeräte angeschlossen.

Wenige Wochen später vermeldet die Internetseite der Weltgesundheitsorganisation rund 900 % Infektionen mehr: 1017 bestätigte COVID-19-Fälle seien seit Beginn der Dokumentation bis Anfang August in Tansania registriert worden, 21 davon mit tödlichem Ausgang. Der exponentielle Anstieg könnte ein Hinweis auf die zunehmende Verbreitung der Delta-Variante in Tansania sein.

Da die Datenlage zur Ausbreitung des Corona-Virus aktuell jedoch immer noch zu unklar ist, warnt das Auswärtige Amt vor touristischen Reisen in das ostafrikanische Land. Durch die nicht ausreichend vorhandenen oder verlässlichen epidemiologischen Daten stufte es Tansania zudem als Hochrisikogebiet ein.

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Keine ausreichenden statistischen Daten

Wie hoch die Zahl aller COVID-19-Infizierten seit Ausbruch der Pandemie im Januar 2020 in Tansania insgesamt ist – darüber lässt sich derweil nur spekulieren. Ein Vergleich mit dem Nachbarland Kenia kann Orientierung geben – mit 53 Millionen Einwohnern ist es nur geringfügig kleiner als Tansania, in dem 58 Millionen Einwohner leben.

Kenia meldete bis heute über 200.000 Erkrankte und fast 4.000 Tote an die WHO. Es ist anzunehmen, dass sich die Zahl der betroffenen Tansanier ebenfalls in einem ähnlichen sechsstelligen Bereich bewegt.

Landesweite Impfkampagne gestartet

Hoffnung geben die mehr als eine Million gespendeten Impfdosen, die Tansania vor wenigen Tagen erreichten. Sie markieren den Startpunkt für die erste Impfaktion des Landes. Das Versprechen der Regierung: Jeder, der geimpft werden möchte, erhält eine Impfung. Viele Politiker gehen mit gutem Beispiel voran: Einige von ihnen ließen sich kürzlich live im Fernsehen impfen.

Doch wie groß die Impfbereitschaft tatsächlich ist, bleibt abzuwarten. Tansania gehörte bis zum Tod des Präsidenten zu den letzten Corona ignorierenden Ländern der Welt – neben Eritrea, Burundi und dem diktatorischen Nordkorea. Lange Zeit predigte der verstorbene Präsident John Magufulis, das Virus durch Gebete abzuwehren und setzte statt aufs Impfen auf Dämpfe aus natürlichen Heilmitteln. Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus gab es nicht. Religiöse Stätten waren durchgehend geöffnet. Der Tourismus florierte wie selten zuvor.

Bisher nur 1,6 Prozent geimpft – Normalität nicht in Sicht

Eine hohe Impfbereitschaft allein löst nicht das Problem. In vielen afrikanischen Ländern sind bisher nur wenige geimpft, weil schlichtweg die Masse an Impfstoff fehlt. Von nur 1,6 Prozent der Bevölkerung sprechen offizielle Statistiken. In der Europäischen Union sind es mit 60 Prozent die Mehrheit – die Herdenimmunität ist fast erreicht.

Experten erwarten aufgrund des fehlenden Vakzins weitere Nachteile für viele afrikanische Länder. Denn ohne flächendeckende Impfungen wird es schwierig sein, zur Normalität zurückzukehren und die alte wirtschaftliche Stärke wiederzuerlangen. Tansania selbst hat dafür bereits eine Lösung: Das Land will die lokale Produktion eines möglichen COVID-19-Vakzins bald selbst aufnehmen.

Verwendete Quellen:

  • World Health Organisation: United Republic of Tanzania
  • Auswärtiges Amt: Tansania: Reise- und Sicherheitshinweise (COVID-19-bedingte Reisewarnung)
  • Europäische Kommission: 60 Prozent der Erwachsenen in der EU vollständig geimpft
  • ipg-journal.de: Her mit dem Stoff
  • n-tv.de: Papaya positiv auf Corona getestet? Tansania kritisiert WHO
  • tagesschau.de: Tansanias Präsident Magufuli ist gestorben
  • krone.at: Zahl der Impfstoff-Spenden für arme Länder steigt
  • nzz.ch: "Am nächsten Tag sind schon viele tot" - was in Tansania, dem Land, das Corona leugnete, wirklich los ist
  • rnd.de: Nur 1,6 Prozent geimpft – trotzdem sinkt die Zahl der Corona-Fälle in Afrika
  • tagblatt.ch: Radikaler Kurswechsel: Tansanias neue Präsidentin setzt auf Corona-Impfungen statt auf Heilkräuter und Gebete
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