Seit dem Ausbruch des Coronavirus ist der Sieben-Tage-Inzidenzwert ein maßgeblicher Richtwert bei der Bekämpfung der Pandemie. Doch wie kommt dieser Wert zustande? Und weshalb unterscheiden sich die Angaben der Ämter und Behörden teilweise so deutlich voneinander?

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Der Sieben-Tage-Inzidenzwert ist momentan ein wichtiger Orientierungswert, wenn es darum geht, den Infektionsverlauf in Deutschland zu beurteilen. Doch die veröffentlichten Werte der Gesundheitsämter, Kommunen und des Robert-Koch-Instituts unterscheiden sich teilweise sehr. Wir erklären, wie die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen und worauf man achten sollte, wenn man die aktuellen Werte in seiner Region verfolgt.

Das sagt der Corona-Inzidenzwert aus

Der Inzidenzwert gibt an, wie viele Menschen in einer Stadt oder einem Landkreis innerhalb der letzten sieben Tagen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Eine Aussage darüber, wo die jeweilige Ansteckung erfolgt ist oder ob die infizierte Person Symptome aufweist oder nicht, kann anhand des Inzidenzwertes nicht getroffen werden.

Damit der Wert deutschlandweit vergleichbar ist, wird er immer pro 100.000 Einwohner angegeben. Die Berechnung funktioniert folgendermaßen: Die täglich gemeldeten Neuinfektionen der letzten sieben Tage werden zusammengezählt, die Summe durch die Einwohnerzahl der jeweiligen Stadt oder des Landkreises geteilt und dann mit 100.000 multipliziert.

Beispiel: in einer Stadt mit 200.000 Einwohnern gibt es innerhalb von sieben Tagen 300 nachweisliche Neuinfektionen. Der Sieben-Tage-Inzidenzwert liegt dann in dieser Stadt bei 150. Gibt es in einer Großstadt mit 1.000.000 Einwohner 300 nachweisliche Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen, kommt diese nur auf einen Inzidenzwert von 30.

Hoher Inzidenzwert bedeutet strengere Maßnahmen

Täglich veröffentlichen unter anderem die Kommunen, Gesundheitsämter, das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und das Robert-Koch-Institut (RKI) die neuen Corona-Fallzahlen und auch den jeweiligen Sieben-Tage-Inzidenzwert. Ab einem Inzidenzwert von 35 gibt es in Bayern für die betroffene Stadt oder die Region strengere Corona-Auflagen, zum Beispiel eine erweiterte Maskenpflicht, in anderen Bundesländern greifen strengere Auflagen ab einem Wert von 50. Steigt der Inzidenzwert auf 100, werden weitere Maßnahmen erlassen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Darum unterscheiden sich die Zahlen

Die Berechnung des Inzidenzwertes scheint relativ simpel zu sein, dennoch melden die jeweiligen Institutionen häufig unterschiedliche Zahlen.

Auffällig ist das aktuell zum Beispiel bei der Stadt Augsburg: Das RKI gab am 28.10.2020 um 0:00 Uhr für Augsburg einen Inzidenzwert von 179,00 an, das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) kommt am 28.10.2020 um 8:00 Uhr auf ähnliche 179,04. Die Stadt Augsburg selbst kommt aber auf den deutlich höheren Wert von 224,2 pro 100.000 Einwohner (Stand 28.10.2020 10:20 Uhr). Wie kann das sein?

Differenzen der Inzidenzwerte für ein und dieselbe Stadt kommen unter anderem dadurch zustande, dass der Berechnung des Wertes unterschiedliche Sieben-Tage-Zeiträume zugrunde liegen. Ein genauer Start- und Endpunkt der Berechnungszeiträume ist nicht einheitlich festgelegt. Das RKI veröffentlicht seine Zahlen immer um 0:00 Uhr. Das LGL gibt die aktuellen Werte gegen 14:00 Uhr bekannt, darin einberechnet sind Neuinfektionen, die bis 8:00 Uhr gemeldet wurden. Und die jeweiligen örtlichen Behörden präsentieren ihre Zahlen meist im Laufe des Vormittags. Durch die unterschiedlichen Zeitfenster kann es zu Abweichungen bei den Angaben kommen.

Verzögerungen bei Übermittlung der Daten sorgt für unterschiedliche Zahlen

Auch die Tatsache, dass es zu Verzögerungen bei der Meldung der aktuellen Neuinfektionen von den Gesundheitsämtern an das LGL kommt, spielt eine Rolle. Denn nicht alle positiven Laborbefunde werden dem LGL noch am selben Tag gemeldet. Lediglich ein Meldezeitraum von 24 Stunden ist verpflichtend. Das LGL wiederum meldet seine Daten dann dem RKI, das die Infektionszahlen als letzte Institution auf elektronischem Weg übermittelt bekommt.

"Die Inzidenz basiert auf dem Meldedatum der Fälle, das ist der Zeitpunkt, an dem der Fall dem Gesundheitsamt bekannt wird. Es kommt vor, dass ein Gesundheitsamt einen Fall aber erst am nächsten Tag in der Software erfasst, so dass er dann erst am übernächsten Tag unter den Zahlen des RKI erscheint. Durch den Übermittlungsverzug kann es zu einer Unterschätzung der Sieben-Tage-Inzidenz kommen, insbesondere bei dynamischen Entwicklungen," erklärt eine Sprecherin des RKI gegenüber der Redaktion.

Verwendung von unterschiedlichen Bevölkerungszahlen

Ein weiterer Grund für unterschiedliche Inzidenzwerte ist, dass die Institutionen teilweise unterschiedliche Bevölkerungszahlen für die Berechnung verwenden. Das RKI und das LGL beziehen sich auf die von den Statistischen Landesämtern ermittelten Einwohnerzahlen vom 31.12.2019, denn nur diese sind amtlich. Die Zahlen der Einwohnermelderegister, auf die sich die meisten Städte bei ihren Berechnungen beziehen, entsprechen oft nicht den genauen Einwohnerzahlen. Sogenannte Fehlbestände, wenn beispielsweise eine Person zugezogen ist, sich aber nicht angemeldet hat, oder wenn sie bei einem Wegzug vergessen hat, sich abzumelden, werden hier nicht berücksichtigt.

Welcher Wert ist ausschlaggebend für die Politik?

Wenn es um Entscheidungen der Politik über Erlass oder Lockerung von Einschränkungen des öffentlichen Lebens geht, werden von den Verantwortlichen nur die Werte von RKI und LGL betrachtet. Die eigens ermittelten Inzidenzwerte der jeweiligen Städte oder Landkreise bleiben dabei außen vor.

"Maßgeblich für die Einleitung von Maßnahmen ist der Sieben-Tage-Inzidenzwert des RKI oder des LGL, so gibt es die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung vor. Wenn diese beiden Werte voneinander abweichen sollten, gilt immer der höhere Wert," sagt eine Sprecherin des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelüberwachung im Gespräch mit der Redaktion.

Darauf sollten Bürgerinnen und Bürger achten

Gerade wenn das Infektionsgeschehen schnell voranschreitet und die Grenzwerte von 35, 50 oder 100 bei der Sieben-Tage-Inzidenz überschritten werden, treten neue Maßnahmen in Kraft. Wer sich für die Zahlen in seinem Wohnort interessiert, wirft am besten einen Blick auf die Webseite seines Gesundheitsamtes. Da die örtlichen Behörden Neuinfektionen als erstes elektronisch erfassen, findet man dort in der Regel die aktuellsten Zahlen.

"Wenn sich jemand über die Lage in seinem Wohnort informieren möchte, wissen möchte, wie die aktuellen Fallzahlen sind und welche Maßnahmen greifen, empfehlen wir, auf die Website des jeweiligen Gesundheitsamtes zu gehen, dort werden konkrete regionale Informationen zur Verfügung gestellt," bestätigt eine Sprecherin des LGL.

Verwendete Quellen:

  • Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit: Übersicht der Fallzahlen von Coronavirusinfektionen in Bayern
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