Kaum ein Land bewältigt die Coronakrise so erfolgreich wie Uruguay. Die Regierung verzichtet auf die striktesten Maßnahmen - und vertraut den Bürgern.

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Brasilien hat die zweitmeisten Corona-Fälle und Covid-Toten auf der Welt. Mexiko überschritt in diesem Monat erstmals die Marke von 1000 Toten an einem Tag.

In Peru verdoppelt sich die Zahl der Opfer alle drei Wochen und Chile verzeichnet inzwischen mehr Infektionen pro Kopf als die USA. Lateinamerika ist längst ein Zentrum der Pandemie - und der Höhepunkt der Krise noch immer nicht erreicht.

Vor diesem Hintergrund muten die Zahlen aus Uruguay an wie das Ergebnis eines Rechenfehlers: 907 offiziell bestätigte Fälle, 818 davon genesen. Nur 26 Menschen sind bisher an dem Virus gestorben - obwohl etwa jeder siebte Bürger 65 Jahre alt oder älter ist, ein Anteil, so hoch wie in keinem anderen lateinamerikanischen Land.

Die Weltbank lobt Uruguays Anstrengungen. Medien in der Region bezeichnen das Land als "Oase" und vergleichen es mit Neuseeland und anderen Erfolgsgeschichten aus weit entfernten Weltgegenden. Warum ist Uruguay mit seinen knapp 3,5 Millionen Einwohnern so erfolgreich im Kampf gegen die Pandemie?

Kaum Nahverkehr, wenige Tagelöhner

Verglichen mit anderen Ländern in der Region hat Uruguay eine Reihe von Vorteilen:

  • Während anderswo große Teile der Bevölkerung dicht an dicht in riesigen Metropolen wie São Paulo oder Mexiko-Stadt leben, hat Uruguay nur eine größere Stadt: Montevideo hat in etwa so viele Einwohner wie München. Die Hauptstadt des Landes verfügt ferner nur über ein kleines Busnetz; der öffentliche Nahverkehr bietet dem Virus nur wenig Gelegenheit zur Ausbreitung.
  • Laut Weltbank arbeitet in Lateinamerika mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im sogenannten informellen Sektor. Diese Tagelöhner, Hausmädchen und Straßenverkäufer sind in der Regel weder versichert noch haben sie Rentenansprüche. Für sie gilt oft: Wer nicht arbeitet, hungert. In Uruguay sind nur 23 Prozent der Arbeiter informell beschäftigt, der niedrigste Wert der Region.
  • Während Jahre der wirtschaftlichen Stagnation Länder wie Brasilien und Ecuador zu Einschnitten im Gesundheitswesen zwangen, ist die Versorgung in Uruguay kostenfrei und relativ gut.
  • Das Land hat den ältesten Sozialstaat Lateinamerikas. Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist vergleichsweise groß.

Dieses Vertrauen ermöglichte es der Regierung, bei der Eindämmung des Virus auf eine Strategie zu setzen, die sie "libertad responsable" nennt. Frei übersetzt: Freiheit mit Verantwortung.

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Präsident Luis Lacalle Pou, der als Mitte-Rechts-Reformer die Wahl im November knapp gewonnen hatte, reagierte schnell: Mitte März rief er den Notstand aus und machte die Grenzen dicht. Das Land verzeichnete zu dieser Zeit gerade einmal vier Corona-Fälle. Schnell wurde ein System zur Kontaktverfolgung implementiert.

Die Regierung schloss Schulen und Einkaufszentren. Die Bürger wurden angehalten, Masken zu tragen, Abstand zu halten und - wo möglich - von zu Hause aus zu arbeiten. Anders als etwa in Peru wurde jedoch keine Ausgangssperre verhängt.

Sein Umgang mit der Krise hat Lacalle Pou ein Hoch in den Umfragen beschert. Fast vier von fünf Bürgern unterstützen seinen Kurs in der Pandemie. Die Bevölkerung hält sich an die Vorgaben: Rentner tragen Masken beim Sport, ebenso wie Schüler und Lehrer in den nach und nach wieder öffnenden Schulen. Der Erfolg des Landes im Kampf gegen das Virus sei darauf zurückzuführen, dass die Bürger begriffen hätten, wie wichtig es sei, "sich um sich selbst und umeinander zu kümmern", zitierte die "New York Times" jüngst José Luis Satdjian, einen Staatssekretär im Gesundheitsministerium.

Sorgen an der Grenze

Der Internationale Währungsfonds sagt einen Rückgang des Bruttosozialprodukts von drei Prozent für das laufende Jahr voraus. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wird also auch Uruguay zu spüren bekommen - wenn auch in geringerem Maße als weite Teile der Region.

Die Regierung ist darauf bedacht, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Inzwischen sind die meisten Geschäfte wieder geöffnet. Anders als Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro spielen die Verantwortlichen in Uruguay die Gefahren, die auch weiterhin vom Virus ausgehen, jedoch nicht herunter; anders als der mexikanische Staatschef Andrés Manuel López Obrador verdrängen sie die Krise nicht.

Uruguay hat, ähnlich wie das nahe gelegene Paraguay sowie Costa Rica in Mittelamerika, die Pandemie bisher gut überstanden. Doch vor allem die Grenzstadt Rivera bereitet den Verantwortlichen Sorgen. Der Verkehr zwischen Rivera und seiner Zwillingsstadt Livramento auf der brasilianischen Seite der Grenze ist sehr schwer zu kontrollieren. Ende Mai richteten die beiden Länder deshalb eine gemeinsame Kommission zur Eindämmung des Virus im Grenzgebiet ein.

Dass man die Gefahr trotz der bisherigen Erfolge nicht für gebannt hält, zeigt sich auch daran, dass im Land weiter umfassend getestet wird: mehr als 1600 Proben pro bestätigtem Fall, der vierthöchste Wert der Welt. Uruguay bleibt wachsam.  © DER SPIEGEL