Während der deutschlandweiten Ausgangsbeschränkung blühen Menschen mit Blockwart-Mentalität geradezu auf. Das macht den Kampf gegen das Virus weder erträglicher, noch effektiver.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik, Journalistin, Kolumnistin

Mit Bitten, Hinweisen oder Empfehlungen scheint es nicht getan. Menschen brauchen Anordnungen, Reglementierungen, Richtlinien, DIN-Normen, Gesetze. Denn manche horchen erst dann auf, wenn Polizei und Feuerwehr mit Megaphonen durch die Straßen patrouillieren. Und manche parieren erst dann, wenn etwas verboten ist, Verstöße von Ordnungsbehörden und Polizei überwacht und Zuwiderhandlungen bestraft werden.

Wir müssen aufpassen, nicht zu Aufpassern zu werden

Deshalb musste die Ausgangsbeschränkung her, angeordnet von ganz oben. Gut so, keine Frage. Denn selbstverständlich ist es wichtig und richtig, dass das öffentliche Leben nun weitestgehend stillsteht und endlich alle zuhause bleiben, um die rasante Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Und selbstverständlich ist es wichtig und richtig, dass Menschen Abstand halten, sich die Hände waschen, wenn nötig Masken tragen, auf sich selbst und andere achten. Dennoch müssen wir aufpassen, dass wir vor lauter Aufpassen nicht zu lauter Aufpassern werden.

Man merkt's an komischen Blicken, Getuschel, fiesen Kommentaren: In Zeiten von Corona blühen Menschen mit Blockwart-Mentalität geradezu auf. Dieselben Menschen, die gerne anonyme Zettel in den Briefkasten werfen ("Staubsaugen erst wieder ab 15 Uhr! So steht’s in der Hausordnung!"), gucken jetzt argwöhnisch durch den Türspion ("Warum geht der aus dem 3.OG denn jetzt schon wieder raus? Der war doch gestern erst einkaufen!") oder aus dem Fenster ("Drei Leute auf der Straße? Das ist doch verboten!").

Zivilcourage bedeutet Bürgermut, nicht Bürgerwacht

Dabei fährt der Nachbar aus dem 3.OG womöglich gerade zur Arbeit, oder hat einen pflegebedürftigen Angehörigen. Und höchstwahrscheinlich gehören die drei Leute auf der Straße zu einer Familie, die kurz mal Luft schnappen geht. Die meisten haben den Ernst der Lage mittlerweile nämlich sehr wohl begriffen. Zum Glück.

Den Quarantäne-Sheriffs ist das egal. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber deshalb gleich bei Polizei oder Ordnungsamt Alarm schlagen? Ähem... nein. Stattdessen vielleicht erstmal kurz nachfragen, Menschen ansprechen / anrufen, wenn nötig unter einem Vorwand. Und zweifellos ist es in Ordnung, andere zu bitten, Abstand zu halten, wenn sie einem beim Einkaufen zu nahekommen. Gut möglich, dass man sich dabei einen blöden Spruch fängt. So what? Zivilcourage bedeutet Bürgermut, nicht Bürgerwacht. Fürs Überwachen sind immer noch die Behörden zuständig. Und die haben momentan Besseres zu tun, als den Verdächtigungen der Corona-Detektive nachzugehen.

Die Hexenjagd hat begonnen

Und es sind längst nicht (nur) die Else Klings und Ekel Alfreds, die observieren, kontrollieren, denunzieren. "Die Hexenjagd hat begonnen," schreibt eine Mutter, deren Sohn positiv auf das Virus getestet wurde. (Ihm geht es gut, er ist in Quarantäne.) "Ich werde zu Recht von besorgten Eltern seiner Mitschüler angerufen", erzählt sie. "Der Klassenchat war dem Gesundheitsamt um Tage voraus. Aber was soll ich denn machen? Ich weiß doch auch nicht, wo die Scheiße herkommt und wo sie noch hinwill. Und ob wir sie schon hatten oder noch bekommen und ob wir unseren Sohn nun meiden müssen oder eh schon alles egal ist."

Eine Freundin, die ebenfalls infiziert und in Quarantäne ist, erzählt deshalb nur ihrer Familie und dem engsten Freundeskreis davon – und trägt so dazu bei, dass die Krankheit weiterhin für viele unwirklich bleibt. Doch obwohl sie sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, ihr Verhalten nicht fahrlässig, sondern umsichtig war, hat sie Angst vor Anfeindungen.

Dabei sind Mitgefühl und gesunder Menschenverstand gefordert. In kranken Zeiten mehr denn je.

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