Auch das Wintersemester 2020/21 wird angesichts des Coronavirus vermutlich ein ungewöhnliches Semester. Fristen wurden verschoben - das Ziel ist eine Rückkehr zur Präsenzlehre an Universitäten und Hochschulen, doch noch ist vieles offen. Und die Pandemie bereitet zahlreichen Studierenden auch finanzielle Sorgen. Wir haben die wichtigsten Infos und Tipps gesammelt.

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Im Herbst beginnt das Wintersemester 2020/21 an den Hochschulen und Universitäten, so viel ist sicher. Zahlreiche Details sind bisher allerdings noch unklar, etwa die Frage, ob Vorlesungen und Seminare vor Ort in Hörsälen stattfinden oder ob die Studierenden digitale Angebote nutzen werden.

Denkbar ist auch eine Hybridlösung, die vorsieht, dass die Präsenzlehre durch Online-Formate ergänzt wird. Der bayerische Wissenschaftsminister Bernd Sibler zumindest wünscht sich laut einer Pressemitteilung, dass der Präsenzbetrieb wiederaufgenommen werden kann, "soweit das Infektionsgeschehen dies zulässt".

Hochschulen und Universitäten verschieben wegen Corona die Bewerbungsfristen

Das bedeutet, dass maximal 200 Personen eine Lehrveranstaltung vor Ort besuchen dürfen. Um mögliche Infektionsketten nachvollziehen zu können, sollen die Daten der Teilnehmer dokumentiert werden. Damit das Infektionsrisiko gering bleibt, muss zudem der Mindestabstand von 1,5 Metern bei Vorlesungen und Seminaren eingehalten werden.

An Begegnungsbereichen innerhalb der Gebäude, an denen diese Regeln nicht eingehalten werden können, müssen Studierende und Lehrende einen Mund-Nasen-Schutz tragen. So weit zu den hygienischen Rahmenbedingungen.

Die Unterschiede zum gewohnten Hochschulbetrieb beginnen aber schon bei der Bewerbung. In der Regel mussten Studienanfänger ihre Bewerbungsunterlagen für Fächer mit bundesweit geltendem Numerus Clausus (NC) - dazu zählen Humanmedizin, Zahnmedizin, Tiermedizin und Pharmazie - bis zum 15. Juli einreichen.

Aufgrund verschobener Abiturprüfungen haben sie dieses Jahr dafür noch bis zum 20. August Zeit. An einigen Hochschulen und Universitäten endet an diesem Tag auch die Bewerbungsfrist für örtlich beschränkte Studiengänge, das gilt für die Universität zu Köln, die Freie Universität (FU) Berlin, die Universität Hamburg sowie die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und die Technische Universität München (TUM). Weil die Termine je nach Einrichtung und Bundesland allerdings variieren, sollten sich Studienanfänger im Zweifelsfall bei ihrer Wunsch-Uni erkundigen.

Wintersemester 2020/21 startet später: Los geht's im November statt Oktober

Mit der Bewerbungsfrist hat sich an einigen Hochschulen auch der Beginn der Vorlesungszeit nach hinten verschoben. An bayerischen Universitäten beispielsweise startet das Wintersemester 2020/ 21 am 2. November und endet am 26. Februar.

Für Hochschulen gilt die normale Vorlesungszeit vom 1. Oktober bis zum 25. Januar, wobei das Semester für Studienanfänger in zulassungsbeschränkten grundständigen Studiengängen (Bachelor, Staatsexamen) am 2. November startet und am 19. Februar endet. In Nordrhein-Westfalen starten Erstsemester an Universitäten und Fachhochschulen ebenfalls am 2. November.

Wer einen Studienplatz im Wintersemester 2020/ 21 ergattert, steht jedoch nicht nur vor der Herausforderung, von zu Hause aus selbstständig und diszipliniert lernen zu müssen. Die Pandemie hinterlässt ihre Spuren auch auf dem Arbeitsmarkt und zahlreiche junge Erwachsene sorgen sich um die Finanzierung ihres Studiums, weil sie Semesterbeitrag, Miete und Lebenshaltungskosten nicht stemmen können.

Um ein Bild von der finanziellen Lage Studierender zu bekommen, stellte Tobias Schulze (Die Linke), Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, eine Anfrage an den Senat. Laut der Antwort des Senats ist die Zahl der Studienabbrecher in den Monaten Februar bis Juni 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen, schreibt Schulze. Er befürchtet, dass die Zahl der Abbrüche durch COVID-19 weiter steigen wird.

Pandemie bringt Studierende und Eltern in finanzielle Notlage

Amanda Steinmaus kennt die Zahlen ebenfalls, ist jedoch vorsichtiger. Sie ist Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Student*innenschaften (fzs), dem überparteilichen Dachverband von Studierendenvertretungen in Deutschland. Es sei unklar, inwieweit die höhere Zahl der Studienabbrüche auf die Ausbreitung des Coronavirus und ihre Folgen zurückzuführen ist, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Allerdings seien in der Krise zahlreiche Studentenjobs weggebrochen, sagt sie, und teils können Eltern ihre Kinder aufgrund von Kurzarbeit auch nicht mehr unterstützen. Darüber hinaus haben Studierende keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Um sie in der finanziellen Notsituation zu unterstützen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen Topf mit 100 Millionen Euro bereitgestellt. Mit der Überbrückungshilfe "soll denjenigen Studierenden geholfen werden, die sich nachweislich in einer akuten, pandemiebedingten Notlage befinden und die unmittelbar Hilfe benötigen", so das Deutsche Studentenwerk auf seiner Webseite.

Das Angebot ist für drei Monate ausgelegt. Für den laufenden Monat August können Studierende noch einen Antrag auf einen Zuschuss zwischen 100 und 500 Euro stellen.

Studierende warnen: Die Überbrückungshilfe verschlimmert bestehende Probleme

Für Steinmaus geht diese Hilfe aber am eigentlichen Problem vorbei. Viele der im Juni gestellten Anträge seien abgelehnt worden, weil die Notlage der Antragsteller nicht Pandemie-bedingt sei, sagt sie. Aus einer Antwort des Bundesbildungsministeriums vom 15. Juli auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Jens Brandenburg (FDP) geht hervor, dass im Juni von den gut 82.000 eingereichten Anträgen auf Überbrückungshilfe fast 26.000 abgelehnt wurden, das entspricht rund einem Drittel. Besonders hoch ist die Ablehnungsquote in Berlin, Brandenburg und dem Saarland.

"Viele Studierende waren bereits vor der Corona-Pandemie in finanzieller Not", sagt Steinmaus, die in Duisburg-Essen Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen studiert. Wer nun keine Überbrückungshilfe bekommt, rutscht weiter in die Armut. Um diesem Problem zu begegnen, muss ihrer Ansicht nach das Bafög reformiert und zu einer elternunabhängigen Unterstützung umgewandelt werden.

Auch den Studienkredit der staatlichen Förderbank KfW, mit dem Studierende bis zu 14 Semester lang monatlich zwischen 100 und 650 Euro bekommen, hält sie für nur bedingt nützlich. Es handelt sich dabei um ein elternunabhängiges und "in der Startphase zinsloses Darlehen", genauer bis zum 31. März 2021. Danach zahlen Studierende normal Zinsen, was die Gefahr der Verschuldung erhöht.

Tendenziell mehr freie Plätze in Wohnheimen

Auch Achim Meyer auf der Heyde, seit 2003 Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks und damit Vorstand des Verbandes, fordert eine Verbesserung der Möglichkeiten zur Studienfinanzierung und eine grundlegende Bafög-Reform. Er empfiehlt Studierenden, deren Eltern sie weniger oder gar nicht mehr unterstützen können, einen Bafög-Antrag zu stellen. Die Studierendenwerke vor Ort bieten außerdem Beratungen zu Kostenreduzierungs- und Studienfinanzierungsmöglichkeiten an, sagt Meyer auf der Heyde. "Es gibt Begabtenförderwerke und Stipendien, für eine Bewerbung dafür werden auch Empfehlungsschreiben aus der Schule angerechnet." Das komme vor allem Erstsemestern zugute, die noch keinen Dozenten um ein Gutachten bitten können.

Angesichts vielfältiger Unwägbarkeiten und digitaler Lehrangebote wissen Studierende nicht, ob sich ein Umzug in die Universitätsstadt lohnt. Dazu sagt Meyer auf der Heyde: Tendenziell gibt es momentan mehr freie Wohnheimsplätze als üblich, auch weil ausländische Studierende oft nicht einreisen können. Im bundesweiten Durchschnitt kostet ein Zimmer derzeit 250 Euro monatlich. "Interessierte sollten in jedem Fall früh genug mit der Suche anfangen."

Soziale Angebote vor Ort sind für Studierende wichtiger als die Präsenzlehre

Wer seinen Umzug in die Studienstadt finanziell stemmen kann, dem rät auch Steinmaus dazu. "Der Auszug ist eine wichtige Erfahrung im Leben." Vonseiten der Hochschule fordert sie dazu soziale Angebote, denn gerade Studienanfänger brauchen Orientierung und Unterstützung im neuen akademischen Umfeld.

Steinmaus wünscht sich Lernräume, in denen Studierende ungestört und unabhängig vom möglicherweise instabilen heimischen WLAN arbeiten können. "Außerdem Treffen im Freien, möglicherweise kleine Diskussionen, die soziale Bindung schaffen." Das sei wichtiger als die angestrebte Präsenzlehre.

Über die Experten: Amanda Steinmaus ist Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Student*innenschaften (fzs), dem überparteilichen Dachverband von Studierendenvertretungen in Deutschland. Sie studiert in Duisburg-Essen Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen.
Achim Meyer auf der Heyde ist seit 2003 Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks und damit Vorstand des Verbandes.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Achim Meyer auf der Heyde
  • Interview mit Amanda Steinmaus
  • Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst: FAQ - Grundlegendes zum Hochschulbetrieb, zur Forschung und zum kulturellen Leben
  • Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst: Mehr Präsenzlehre an Bayerns Hochschulen im Wintersemester 2020/21
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung: Schriftliche Frage des Abgeordneten Dr. Jens Brandenburg der Fraktion der FDP
  • Bundesregierung: Hilfen für Studentinnen und Studenten
  • Deutsches Studentenwerk: FAQs zur Überbrückungshilfe für Studierende in pandemiebedingten Notlagen
  • Webseiten der Universitäten und zuständigen Ministerien der Bundesländer
  • Tobias Schulze: Anfrage an den Senat: soziale Lage der Studierenden während der Pandemie
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