• Ein undurchsichtiger Millionen-Auftrag, ein umstrittener Urologe und ein überfälliger Rücktritt: In Tirol sorgt eine Affäre um hunderttausende PCR-Tests für Wirbel bis in höchste politische Ebenen.
  • Das Land hatte die Firma eines Urologen beauftragt, der wegen schwerer Vorwürfe seine Zulassung verloren hat.
  • In seinem Labor sollen Fehler passiert sein.

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Im September 2020 hat Tirol das Desaster von Ischgl scheinbar hinter sich gelassen. Die Infektionszahlen sind niedrig, die Sommersaison ist besser verlaufen als erwartet, und inmitten dieser guten Nachrichten präsentiert Landeshauptmann Günther Platter eine neue Wunderwaffe im Kampf gegen Corona: Einen dreiachsigen Truck mit Panorama-Cockpit und futuristischer Silhouette, ein fahrendes Labor, in dem bis zu 4.000 PCR-Tests pro Tag abgewickelt werden können. Erdacht von einem Mann mit einer beeindruckenden Reihe von Titeln vor dem Namen: Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. med. Ralf Herwig.

Platter, Tirols mächtigster Mann und Parteifreund von ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz, ist überzeugt von Herwigs Konzept. So überzeugt, dass die Landesregierung einen 8-Millionen-Euro-Auftrag für PCR-Tests an Herwigs Firma HG Lab Trucks vergibt.

Tirol hat die Zusammenarbeit mit Herwig gestoppt, aber es bleiben viele Fragen offen und es gibt heftige Kritik der Opposition: Die Ausreisekontrollen im Land, die Angst vor einer Tiroler "Fluchtmutante" - alles nur, weil ein Labor gepfuscht hat? Die Wahrheit ist ein wenig komplexer, könnte dem Landeshauptmann aber trotzdem Schwierigkeiten bereiten.

Wer hat die Tests analysiert?

Im Zeitraum von September 2020 bis Ende März 2021 stemmte Herwig mit seinen mobilen Trucks fast die Hälfte aller PCR-Tests in Tirol. Der "Standard" äußerte den Verdacht, dass diese Tests nicht ordnungsgemäß befundet sein könnten. Ralf Herwig selbst konnte das nicht erledigen, er ist kein Laborfacharzt, sondern Urologe.

Wer für ihn die Analyse übernahm und unterzeichnete, bleibt die große ungeklärte Frage. Zu erfahren ist darüber weder vom Land Tirol etwas, noch von Herwigs eigener Firma HG Pharma: In deren Pressestelle gehen zwar gleich zwei Mitarbeiter ans Telefon und verlangen lautstark, erst zu recherchieren und dann Vorwürfe zu erheben – Fragen beantworten sie jedoch nicht, auch nicht per Mail. Herwig hat sich mittlerweile vom Posten des Geschäftsführers zurückgezogen, laut Firmenbuch hält er 50 Prozent der Anteile an HG Pharma.

Fehler bei der Fluchtmutante

Gegenüber der Nachrichtenagentur APA betonte Herwig, die Qualität seiner Tests sei einwandfrei. Das bestätigt auch Ulrich Elling im Gespräch mit unserer Redaktion. Elling hat regelmäßig Proben aus Herwigs Labor mit dem selbst entwickelten "SARSeq"-Test sequenziert und dabei "gute Erfahrungen" gemacht: "Die Proben hatten eine gute Qualität und waren schnell bei uns".

Nur: Bei der Suche nach der Fluchtmutante B.1.1.7+E484K meldete Herwigs Labor plötzlich hunderte Verdachtsfälle, was Virologen beunruhigte, weil sie infektiöser und gegen Impfungen immun zu sein scheint. Elling aber wies nach, dass rund 50 Prozent der Proben fehlerhaft der Fluchtmutante zugeordnet wurden. Er meldete das bereits am 23. April, daraufhin kalibrierte Herwigs Labor die Tests neu. Ob die Analyse nun präzise ist, zeige sich in wenigen Tagen.

Hat der Pfusch des Labors in der Zwischenzeit zu falscher Panik geführt? Nein, meint Elling: "Das hatte keine großen Auswirkungen." Die positiv getesteten Menschen wären so oder so aufgrund ihrer Infektion in Quarantäne gewesen, falsch-positive Tests seien nicht vorgekommen. Eine zu harte Linie sei die Tiroler Politik ohnehin nicht gefahren: "Die Maßnahmen waren eher am unteren Ende."

Ein dubioser Mediziner mit Geschäftssinn

Herwig hatte sich schon vor den Schlagzeilen um die fragwürdigen Tests einen zweifelhaften Ruf erworben: Das Nachrichtenmagazin "Profil" berichtete vor einigen Tagen unter dem Titel "Der Aufschneider" über massive Vorwürfe gegen den Mediziner – er muss sich unter anderem wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht verantworten.

Er soll an fünf Männern medizinisch unnötige Penis-Operationen vorgenommen haben, Kostenpunkt rund 3.000 Euro, das Ergebnis jeweils: dauerhafte Impotenz. Zwei der Männer nahmen sich in den Jahren nach der Operation das Leben.

Ein Verfahren bescherte ihm auch ein Präparat namens ImmunoD, eine Schachtel 990 Euro, das HG Pharma als Mittel gegen Krebs und Autismus anpreist – für die Arzneimittelbehörde Österreichs ist es schlicht nicht zugelassen und damit illegal auf dem Markt.

Herwig darf derzeit wegen der Vorwürfe nicht praktizieren, laut "Profil" trennte sich die Medizinische Universität schon 2014 von ihm, den Titel als Professor führt er aber weiter auf seiner Website an – neben beeindruckenden Referenzen wie der Mitgliedschaft in der Royal Society of Medicine, der schon Charles Darwin und Sigmund Freud als Ehrenmitglieder angehörten.

Reaktionen der Opposition: "Eine riesige Sauerei"

Ob sich Tirols Landesregierung um Günther Platter vor der Vergabe des Auftrags an Herwig über den Leumund des Mediziners erkundigt hat, ist von den Sprechern der Landesregierung nicht zu erfahren. Allerdings begrüße man den Rückzug Herwigs.

Die Opposition schießt sich derweil auf den Landeshauptmann ein – vor allem, weil seine Regierung den 8-Millionen-Auftrag ohne Ausschreibung vorgenommen hatte. "Schlamperei" nennt das die "Liste Fritz", eine "riesige Sauerei" die FPÖ.

Die Landesregierung erklärt das Eiltempo mit dem Zeitdruck: Kein anderes Unternehmen habe so schnell so viele Tests liefern können - allerdings wurden auch keine Gegenangebote eingeholt.

Ein Fall von "Freunderlwirtschaft"?

Wie Herwig überhaupt mit seinem Konzept an die Landesregierung herantreten konnte, lässt die Landesregierung unbeantwortet. Der "Standard" berichtet über gute Kontakte Herwigs in die gehobene Gesellschaft von Kitzbühel und über Verbindungen zur Tiroler "Adlerrunde", einem ÖVP-nahen Netzwerk von Wirtschaftsgrößen des Landes. Handfeste Beweise für diese "Freunderlwirtschaft" gibt es aber noch nicht.

Und eine weitere Frage bleibt offen: Wenn die Landesregierung kein Problem erkennen kann, warum ist Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg dann am Dienstag zurückgetreten? Der ÖVP-Mann hatte sogar die Affäre um Ischgl politisch überlebt – und sein heute legendäres TV-Interview, in dem er stur behauptete, die Behörden hätten "alles richtig gemacht".

Nun aber geht Tilg kurz nach Bekanntwerden der Test-Affäre. Und weil kurz vor Tilg auch die Wirtschaftslandesrätin zurückgetreten war, vermutete Österreichs bekanntester Politologe Peter Filzmaier in der Nachrichtensendung "ZiB2" ein "Chaos" in Tirol. Landeshauptmann Günther Platter sollte es schnellstens aufräumen, wenn er sein nächstes Ziel erreichen will: Ausgerechnet im Auge des Sturms kündigte Platter nämlich an, sich bei den Landtagswahlen 2023 wieder aufstellen zu lassen.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit der Pressestelle von HG Pharma
  • Gespräch mit Ulrich Elling, Institut für Molekulare Biotechnologie Wien
  • Gespräch mit Pressestelle Land Tirol
  • Schriftliche Anfrage der Liste Fritz
  • Profil: Der Aufschneider – Prozess gegen Wiener Urologen.
  • Der Standard: Qualitative Zweifel bei hunderttausenden PCR-Tests in Tirol
  • Orf.at: Tirol beendet Zusammenarbeit
  • Twitter-Profil von Klecksa: Tiroler Gesundheitslandesrat #Tilg: "Behörden haben alles richtig gemacht"
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