Die Bewältigung des Zuzugs von Tausenden von Schutz suchenden Menschen war eines der großen Themen in diesem Jahr. Eine Chronologie zeigt die wichtigsten und dramatischsten Stationen der Flüchtlingskrise.

In Verlauf präsentierte sich Angela Merkel als eine aus Überzeugung entschlossen handelnde Politikerin. Doch dies stellte den Koalitionsfrieden immer wieder auf eine harte Probe.

Ausgangslage: Die Ursachen der Flüchtlingskrise liegen zu einem großen Teil in der Entwicklung in Syrien begründet. In der ersten Jahreshälfte 2015 hat die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) große Teile des Landes erobert.

Täglich rücken die Terroristen weiter vor und versuchen das ganze Land einzunehmen. Bestialische Morde und unvorstellbare Gewalt gegen Angehörige anderer Religionen sind in den besetzten Gebieten an der Tagesordnung.

Gleichzeitig kämpft die Armee des Präsidenten Baschar al-Assad gegen innerstaatliche Rebellen. Die Soldaten bombardieren Zivilisten und Wohngebiete.

Das Land wird erschüttert von Angst und Gewalt, tausende Menschen machen sich auf die Flucht, in erster Linie aus Angst um ihr Leben, aber auch aufgrund von Hunger und Perspektivlosigkeit.

Die Flüchtenden stranden nach ihrer Reise über gefährliche Fluchtrouten an den Außengrenzen Europas, wenn sie nicht vorher im Mittelmeer ertrinken.

EU auf Krise nicht vorbereitet

Die EU ist auf die Krise nicht vorbereitet, obwohl die Entwicklung für Experten absehbar war.

Nach dem sogenannten Dublin-Verfahren muss jeder Asylsuchende in jenem EU-Land seinen Antrag stellen, indem er zuerst Europäischen Boden betritt.

Folgt man dieser Regel, ist es praktisch nicht möglich, dass syrische Flüchtlinge auf dem Landweg kommend in Deutschland Schutz suchen. Dafür spitzt sich die Lage an den Außengrenzen dramatisch zu.

Tausende versuchen zum Beispiel über Ungarn auf illegalen Wegen Deutschland und Nordeuropa zu erreichen.

Ende August werden 71 tote Flüchtlinge in einem LKW gefunden, der aus Ungarn kommend über Österreich auf dem Weg nach Deutschland war. Sie erstickten, vermutlich weil die Schlepper vergaßen, eine Lüftung zu installieren.

Unter dem Eindruck des andauernden menschlichen Leids und der hohen Risiken für die flüchtenden Menschen reagiert die Bundesregierung unter Angela Merkel mit einer Politik der unbürokratischen Hilfe. Die wichtigsten Stationen:

25. August 2015: Angesichts der dramatischen Zuspitzung der Lage in Budapest und Wien setzt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge das Dublin-Verfahren für Syrer aus.

"Dublin-Verfahren syrischer Staatsangehöriger werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weitestgehend faktisch nicht weiter verfolgt", sagt ein Sprecher des Bundesamtes.

Merkel erklärt kurz darauf, das Dublin-Verfahren habe keinen Sinn mehr.

"Merkel: "Wir schaffend das!"

31. August: Merkel zeigt sich in ihrer Sommer-Pressekonferenz zuversichtlich, dass Deutschland den Zuzug von tausenden Flüchtlingen bewältigen kann.

"Deutschland ist ein starkes Land", betont die Bundeskanzlerin und sagt dann den berühmt gewordenen Satz: "Wir schaffen das".

Ungarn lässt zur selben Zeit viele Flüchtlinge in Richtung Deutschland weiterreisen, ohne sie wie vorgeschrieben zu registrieren.

Die Bundesregierung rechnet seit Mitte August für dieses Jahr offiziell mit 800.000 Flüchtlingen.

5. September: Die Bundesregierung entscheidet gemeinsam mit Österreich, Tausende schlecht versorgte Flüchtlinge aus Budapest in Deutschland und Österreich aufzunehmen.

Bei der Ankunft in Deutschland werden die Menschen vielerorts herzlich empfangen. Es gibt aber auch viel Kritik an Merkels Entscheidung.

CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und kritisiert die Bundeskanzlerin öffentlich: "Kanzlerin Angela Merkel muss ganz klar sagen, wie sie den Zustrom der Flüchtlinge stoppen will!", sagt der Bayrische Ministerpräsident und warnt immer wieder vor einer Überforderung Deutschlands.

In der Praxis dagegen leistet vor allem Bayern sehr viel, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Merkel hingegen verteidigt ihre Entscheidung, den Menschen zu helfen immer wieder offensiv.

"Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land", sagt die Bundeskanzlerin am 7.10.2015 in der Talkshow Anne Will.

Horst Seehofer attackiert weiter

13. September: Deutschland führt wegen der Flüchtlingskrise vorübergehend wieder Grenzkontrollen ein. Mit der Entscheidung soll verhindert werden, dass Tausende Menschen nicht registriert das Land erreichen.

Abgewiesen werden die Flüchtlinge an den Außengrenzen aber nicht. Das Schengen-Abkommen, das den freien Personenverkehr innerhalb der EU regelt, ist damit faktisch außer Kraft gesetzt.

Und die CSU um Horst Seehofer fordert täglich weitergehende Maßnahmen: Flüchtlinge sollen an der Grenze gestoppt und nach Österreich zurückgewiesen werden.

14. September: Die Bundesregierung korrigiert ihre Jahresprognose. Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel rechnet jetzt mit bis zu einer Million Flüchtlingen bis zum Jahresende. Deutschland drängt auf eine Lösung der Krise auf EU-Ebene.

23. September: In einem Kompromiss beschließen die EU-Staats- und Regierungschefs eine Milliarden-Aufstockung der Hilfen und eine Verteilung von jenen 160.000 Flüchtlingen, die bereits in der EU sind.

Ein gemeinsames Vorgehen in Bezug auf die zukünftig in Europa Schutz suchenden Menschen wird jedoch nicht festgelegt.

Die Einführung eines Verteilungsschlüssels, der von der Regierung Merkel favorisiert worden war, scheitert vor allem am Widerstand einiger osteuropäischer Staaten.

24. September: Der Bund erhöht die Hilfe für Flüchtlinge massiv und entlastet so Länder und Gemeinden, die die Auswirkungen der Flüchtlingskrise im besonderen Masse zu tragen habe.

13. Oktober: Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) kritisiert Österreich öffentlich wegen der Weiterleitung von Flüchtlingen ohne Registrierung nach Deutschland.

"Österreich ist dabei, die guten nachbarschaftlichen Beziehungen aufs Spiel zu setzen", sagt Aigner der Deutschen Presse-Agentur. "Für den Bruch der Dublin-Verordnung und des Schengen-Abkommens gibt es keinerlei Rechtfertigung".

Die Flüchtlingskrise belastet immer mehr den Koalitionsfrieden. Die CSU droht fast täglich mit Alleingängen, sollte die Bundesregierung nicht auf die steigenden Flüchtlingszahlen reagieren.

Es ist die Rede von Notfallmaßnahmen und einem Gang vor das Bundesverfassungsgericht. Immer wieder fordert Horst Seehofer eine Obergrenze für die Aufnahme von Schutz suchenden Menschen.

Zoff um Transitzonen

1. November: Merkel und Seehofer verabschieden ein Papier, in dem zwar die von der CSU geforderten Transitzonen als "vordringlichste Maßnahme zur besseren Kontrolle unserer Grenze" bezeichnet werden.

Aber die von Seehofer immer wieder geforderte Flüchtlingsobergrenze ist nicht enthalten.

5. November: Merkel, Gabriel und Seehofer einigen sich auf den Aufbau von besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen.

Außerdem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

6. November: Innenminister Thomas de Maizière erklärt öffentlich, dass er seine Mitarbeiter angewiesen hat, ausgerechnet Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland Syrien einen niedrigeren Schutzstatus zu gewähren.

Mit diesem soll kein Familiennachzug mehr möglich sein. Nach heftigen Protesten unter anderem aus der SPD wird der offenbar eigenmächtige Vorstoß des Ministers vom Kanzleramt gestoppt.

10. November: Das Innenministerium gibt bekannt, dass das Dublin-Verfahren für Syrer bereits seit 21. Oktober wieder gilt. Eine gemeinsame Flüchtlingspolitik innerhalb der EU steht immer noch aus.

Hintergründe zur Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa