2015 war ein sehr aufregendes Jahr: Vor allem die Skandale werden in Erinnerung bleiben - angefangen bei der nicht vorhandenen Treffsicherheit des Bundeswehr-Gewehrs G36, über die Abgas-Manipulationen bei Volkswagen, bis hin zur Schmiergeldaffäre der Fifa. Die Aufreger 2015 im Überblick.

Mangelhaftes Sturmgewehr G36

Vergeblich hat der scheidende Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus auf die fehlerhafte Treffgenauigkeit des Sturmgewehrs G36 hingewiesen. Erst jetzt hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Ausmusterung der Standardwaffe der Bundeswehr angeordnet. Doch damit sind längst nicht alle Probleme gelöst. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu im Überblick.

Die schwäbische Waffenfirma Heckler & Koch (HK) stellt unter anderem das Sturmgewehr G36 her, das standardmäßig von der Bundeswehr genutzt wurde.

Anfang April erklärt die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), dass das Sturmgewehr G36 vom baden-württembergischen Hersteller Heckler & Koch wegen Präzisionsproblemen in seiner jetzigen Form keine Zukunft in der Bundeswehr habe.

Bei einer Temperaturveränderung um 30 Grad wird in Tests durchschnittlich nur noch eine Trefferquote von 30 Prozent festgestellt. Bei einer Temperaturänderung von 15 auf 45 Grad fällt die Trefferwahrscheinlichkeit sogar auf 7 Prozent.

"Das bedeutet für den Soldaten im Einsatz, dass der Gegner selbst mit den ersten Schüssen nicht gezielt getroffen werden kann", heißt es in dem vom Planungsamt der Bundeswehr erstellten Teil des 372 Seiten starken Gutachtens.

Gefordert wird von der Bundeswehr eine Trefferquote von 90 Prozent.

Manipulation eines Untersuchungsberichts an den Bundestag

Vorwürfe werden laut, ein Untersuchungsbericht an den Bundestag sei manipuliert worden. "Das G36 ist (...) nach wie vor eine zuverlässig funktions- und betriebssichere Waffe", heißt es dort. Das Verteidigungsministerium bestätigte die Existenz des Berichts, widersprach aber den Vorwürfen. Er stammt aus dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), wäre nicht mit anderen Mitgliedern der Arbeitsgruppe abgesprochen gewesen und sollte nie Teil des Gesamtberichtes sein.

Heckler & Koch billigte illegalen Export der Gewehre

Heckler & Koch hat einem Bericht des Kölner Zollkriminalamtes (ZKA) zufolge von 2003 bis 2011 insgesamt 9.472 Stück des G36 nach Mexiko geliefert. Dieses hatte Exporte in den größten Teil des Landes erlaubt, nicht aber nach Jalisco, Guerrero, Chiapas und Chihuahua. Die Polizei in diesen Regionen gilt als korrupt und kooperiert angeblich mit Drogenkartellen. Daher sollten dort auf keinen Fall deutsche Waffen zum Einsatz kommen. 4.767 Gewehre sollen illegal geliefert worden sein. Fünf frühere Führungskräfte und Mitarbeiter sollen deshalb vor Gericht kommen und Zollfahnder fordern die Abschöpfung der illegalen Gewinne.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will mit strengeren Kontrollen von Waffenexporten die "Konsequenzen ziehen aus den Skandalen der vergangenen Jahre".

Kritiker kaltstellen

Das Nachrichtenportal "Spiegel Online" berichtet, führende Beamte des Verteidigungsministeriums hätten Ende 2013 in enger Absprache mit dem Hersteller Heckler & Koch versucht, kritische Berichterstattung über das Gewehr mit allen Mitteln abzuwürgen. So sollte der Militärische Abschirmdienst (MAD) gegen kritische Journalisten und deren "unwahre Medienkampagne" tätig werden.

Auch ist es dem Waffenhersteller offenbar gelungen, einen kritischen Beamten der Bundeswehr kaltzustellen. Als erste Hinweise auf die Präzisionsprobleme des Gewehrs G36 aufkamen, berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter Berufung auf Informationen des Wehrbeschaffungsamtes. Der Beamte W. hatte sich kritisch zu Heckler- & Koch-Gewehren geäußert. Dem Ergebnisvermerk eines Treffens am 30. November 2011 zwischen der Firmenleitung von HK und dem Wehrbeschaffungsamt ist zu entnehmen, dass das Unternehmen darauf besteht, den Beamten W. "vom Geschäftsverkehr mit HK" zu entbinden. Er soll daraufhin auf einen unwichtigen Posten versetzt worden sein.

Vertrauliche Dokumente zeugen davon, dass Heckler & Koch vor weiteren Treffen zum G36 aus dem Ministerium vorab mit internen Unterlagen versorgt wurde. So fiel einem Materialexperten der Bundeswehr bei einer Besprechung im Mai 2012 auf, dass der Firma interne Untersuchungsberichte der Truppe "schon bekannt" und die HK-Vertreter deswegen "sehr gut vorbereitet" waren. Im Verteidigungsministerium wird die Zusammenarbeit mit Heckler & Koch derzeit untersucht.

Ausmusterung des Sturmgewehrs G36

Von der Leyen mustert das Standardgewehr G36 aus und beschafft Zehntausende neue Gewehre für die Bundeswehr. "Wir haben uns im Einvernehmen mit der militärischen Führung für einen klaren Schnitt entschieden", erklärt sie. "Nach fast 20 Jahren G36 wollen wir eine neue Generation Sturmgewehr für die Bundeswehr beschaffen."

Wie viele Gewehre angeschafft werden, ist noch unklar. Im Verteidigungsministerium wird erwartet, dass die ersten Exemplare nicht vor 2019 ausgeliefert werden. Für die Übergangsphase sollen die Präzisionsprobleme in erhitztem Zustand und bei Dauerfeuer durch die Anschaffung von 600 Sturmgewehren anderen Typs (G27P) und 600 leichten Maschinengewehren (MG4) für die Soldaten ausgeglichen werden.

Fifa

Die Sommermärchen-Affäre schafft große Verwirrung um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Wurde die WM 2006 aus einer "schwarzen Kasse" der deutschen WM-Macher gekauft und wurden mehrere FIFA-Funktionäre bestochen? Der DFB und Franz Beckenbauer behaupten, die Zahlung von ominösen 6,7 Millionen Euro sei sei "nur" geflossen, um sich einen Organisationszuschuss der FIFA zu sichern.

Die Geister-Zahlung

Laut DFB-Darstellung soll der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus im Jahr 2002 und damit ausdrücklich nach der Vergabe der WM 6,7 Millionen Euro an die FIFA-Finanzkommission gezahlt haben. Dafür gibt es aber keine Belege. Einen Zahlungseingang kann der Weltverband bislang nicht feststellen.

Auch die vermeintliche Rückzahlung drei Jahre später bleibt im Dunkeln.

Immenser Imageschaden an Niersbach

Der Imageschaden für den Deutschen Fußball-Bund, seinen Präsidenten Wolfgang Niersbach und auch für Franz Beckenbauer ist schon jetzt immens - auch ihre Glaubwürdigkeit ist beschädigt. Das DFB-Präsidium spricht Niersbach zwar vorerst demonstrativ das Vertrauen aus, intern soll es beim Verband aber kräftig rumoren. Zudem wirft die Affäre einen dunklen Schatten auf die deutsche Bewerbung für die EM 2024.

Bann über Ex-Fifa-Präsidenten

Blatter und UEFA-Präsident Michel Platini werden am 8. Oktober von der Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes wegen einer umstrittenen Zwei-Millionen-Zahlung Blatters an Platini für 90 Tage gesperrt.

6.331 Tage ist Joseph Blatter als Fifa-Präsident zu diesem Zeitpunkt im Amt. Mit der provisorischen Sperre muss er seinen Schreibtisch vorerst räumen. Sein Berater verrät, dass der 79-Jährige Urlaub im Heimatkanton Wallis machen werde. Theoretisch könnte er nach Ablauf der Sperre wieder die Geschäfte übernehmen, wenn nicht ein endgültiges Urteil gefällt oder die Sanktion nach den Statuten um 45 Tage verlängert wird.

Blatter zeigt sich kämpferisch. Er will gegen diesen Bann weiter vorgehen und wenn nötig auch vor den Internationalen Sportgerichtshof ziehen, sollte der Einspruch vor der FIFA-Berufungskammer keinen Erfolg haben. "Ich bin der gewählte Präsident der FIFA, ich bin von den 209 Verbänden der FIFA gewählt worden und keine Kommission der Welt kann mich absetzen."

Was passiert mit der Fifa und der Uefa?

Bei beiden Verbänden springen die dienstältesten Vize-Präsidenten ein. Ironie des Fußball-Schicksals: Issa Hayatou (FIFA) und Angel Maria Villar Llona (Uefa) gelten in der Fußball-Skandalhistorie keineswegs als unbelastet. Beide sind enge Verbündete von Blatter und haben dem Schweizer stets die Treue gehalten. De facto ist ihr Einfluss aber vorerst begrenzt. Gerade bei der Fifa führen eher die Rechtsabteilung unter Jurist Marco Villiger oder Interims-Generalsekretär und Finanzchef Markus Kattner die Geschäfte.

Wahl eines Nachfolger-Fifa-Präsidenten

Die Fifa hat die vorläufige Kandidatenliste für die Präsidentschaftswahl am 26. Februar veröffentlicht. Unter den möglichen Nachfolgern für Sepp Blatter finden sich einige prominente Namen. Uefa-Chef Michel Platini darf vorerst noch nicht kandidieren. Die vorläufigen Kandidaten sind: Prinz Ali bin Al Hussein (Jordanien), Scheich Salman bin Ibrahim al-Khalifa (Bahrein), Jerome Champagne (Frankreich), Gianni Infantino (Schweiz) und Tokyo Sexwale (Südafrika).

VW-Abgasskandal

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Volkswagen-Autos und damit auch falsche Angaben zum Spritverbrauch wird Mitte September bekannt. Seit 2012 gibt es für die Autohersteller CO2-Grenzwerte, die sie im Durchschnitt ihrer gesamten Flotte einhalten müssen. Von den manipulierten Abgaswerten betroffen sind die Modelle Polo, Golf, Passat, Audi A1 und A3 sowie Skoda Octavia und Seat Leon und Ibiza - darunter auch Taxen.

Europas größter Autokonzern hat eingeräumt, mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert zu haben.

Gesundheitsbelastung durch Abgase

Unter den 800.000 Fahrzeugen mit falschen CO2-Werten bei Volkswagen sind nach Angaben des Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auch 98.000 Benziner. Damit erhöht sich nicht nur der Wert des gesundheitsschädlichen Stickoxids, sondern auch der des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2). "Sowohl das Vorgehen, das zu diesen Ergebnissen geführt hat, als auch die Ergebnisse selber sind inakzeptabel".

Erschreckender Befund

US-Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Eilte-Universität Harvard kommen nach Bekanntwerden des Skandals zu einem erschreckenden Ergebnis: Die vom Abgasskandal betroffenen Wagen werden bis 2016 genug zusätzliche Schadstoffe in die Luft gepumpt haben, um allein in den USA direkt zum Tod von etwa 60 Menschen beizutragen. Die Forscher rechnen zudem damit, dass noch weitere 130 dazu kommen, da es noch bis Ende 2016 dauern wird, bis sämtliche VW-Diesel-Fahrzeuge mit ordnungsgemäßer Abgasreinigung ausgestattet sind.

Strafzahlung

Um die Zusatzkosten etwa bei der Nachrüstung von vielen der rund 11 Millionen betroffenen Dieselautos stemmen zu können, bildet das Unternehmen Rückstellungen von 6,5 Milliarden Euro. Auf den Autokonzern werden weitere Kosten in Milliardenhöhe zukommen. Damit Autobesitzer von drohenden höheren Steuerzahlungen verschont bleiben, bereitet die Bundesregierung eine gesetzliche Regelung vor. VW sei in der Verantwortung und in der Pflicht, den entstandenen Schaden für die Kunden zu beheben, sagt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) im Bundestag. Am CO2-Ausstoß hängt bei Pkw mit Erstzulassung ab 1. Juli 2009 auch die Kfz-Steuer.

Zahlreiche Neubesetzungen

Der Abgas-Skandal kostet den früheren VW-Vorstandschef Martin Winterkorn seinen Chefposten bei Volkswagen und auch sein Amt als Chef der Porsche-Holding PSE. Er wird durch Matthias Müller ersetzt.

Auch diverse andere Posten werden neu besetzt.

Strafrechtliche Maßnahmen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitet im Abgas-Skandal gegen mehrere Mitarbeiter des Autobauers Ermittlungsverfahren ein. "Tendenziell werden es mehr als weniger Beschuldigte, je tiefer wir graben", sagt ein Sprecher der dpa. Anfang Oktober hatten die Ermittler bei einer Razzia in der Wolfsburger Konzernzentrale Unterlagen und Datenträgern beschlagnahmt.

Aktienabstieg

An der Börse reagiert die VW-Aktie mit einem dramatischen Kursverfall. Das Papier sackt an der Frankfurter Börse zeitweise um mehr als 10 Prozent ab. Damit fällt sie wieder unter die 100-Euro-Marke. Im Frühling war eine VW-Aktie noch mehr als 250 Euro wert.

Doping-Skandal in Russland

Die Enthüllung des Doping-Skandals durch den ARD-Fernsehsender über systematisches Doping, Vertuschung von Kontrollen und Korruption wird bereits Anfang Dezember 2014 ausgestrahlt. Die 60-minütige Dokumentation "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" präsentiert geheime Aufzeichnungen in Bild, Ton und Schrift mit Hinweisen auf ein staatlich unterstütztes Doping sowie auf einen offenbar im Hintergrund wirkenden Betrugs- und Vertuschungsapparat. Die Spur der Recherche führt bis in das Dopingkontrolllabor in Moskau, die Anti-Doping-Agentur Russlands (RUSADA) und in den Leichtathletik-Weltverband IAAF.

Drohender Olympia-Ausschluss

Angesichts eines drohenden Olympia-Ausschlusses russischer Leichtathleten kündigt der russische Sportminister Witali Mutko wirksamere Schritte im Anti-Doping-Kampf an: "Wir sind bereit, öffentlich und freiwillig zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Falls nötig, ändern wir das System."

WADA suspendiert RUSADA

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA suspendiert die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA trotzdem Verstößen gegen den Anti-Doping-Code. "Wir respektieren diesen Schritt der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und sind zur Zusammenarbeit bereit", sagt Sportminister Witali Mutko im Anschluss an die Entscheidung.

Medaillen-Prüfung

Das Internationale Olympische Komitee prüft auch den Entzug von olympischen Medaillen. Zudem fordert das IOC-Exekutivkomitee den Leichtathletik-Weltverband IAAF auf, disziplinarische Maßnahmen gegen alle verdächtigen Athleten, Trainer und Funktionäre einzuleiten.

Fußball-WM 2018 in Russland ist unsicher

Damit darf Russland während der unbefristeten Suspendierung keine internationalen Sport-Großereignisse veranstalten. Am Ende könnte deswegen sogar die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland auf der Kippe stehen.

Die RUSADA wird erst dann wieder in die WADA aufgenommen, wenn sie alle Forderungen erfüllt hat, um einen sauberen Sport zu gewährleisten. Dafür gründet das Nationale Olympische Komitee Russlands ein Ad-Hoc-Gremium.

Nur die russische Leichtathletik betroffen?

Eine große Frage bleibt: Beschränken sich die teils kriminellen Machenschaften in Russland nur auf die Leichtathletik? Für Richard Pound, den Vorsitzenden der WADA-Kommission, hat ein "staatlich-unterstützendes" Dopingsystem existiert. "Dieses Prinzip ist in jeder Sportart machbar", sagt der Doping-Experte Fritz Sörgel. "Wenn man das Labor im Griff hat und Proben verschwinden lassen kann, wäre es auch im Schwimmen oder Fußball machbar."

Varoufakis Mittelfinger

Aufnahmen, auf denen der ehemalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis Deutschland den Mittelfinger ausstreckt, lösen in deutschen Medien Wirbel aus. Sie stammen vom 15. Mai 2013.

"Aus dem Zusammenhang gerissen"

Nach dem Wirbel um das "Stinkefinger-Video" veröffentlicht der griechische Wirtschaftswissenschaftler den gesamten fast einstündigen Vortrag auf Twitter. Den Mittelfinger habe Varoufakis gezeigt, doch in einem anderen Zusammenhang als berichtet. "Sein Argument lautete, Griechenland hätte damals gegenüber den privaten Gläubigern in Konkurs gehen sollen, statt sich von den europäischen Partnern einen riesigen Kredit geben zu lassen. Der Finger wurde also aus dem Zusammenhang gerissen und absichtlich so interpretiert, als hätte sich der griechische Finanzminister gegen die Rückzahlung der Schulden an Deutschland ausgesprochen und Deutschland den Finger gezeigt", erklärt der Organisator der Veranstaltung Srecko Horvat.

Der Minister hatte betont, das Video sei gefälscht, der ausgestreckte Mittelfinger hineinmontiert worden. Dagegen erklären die deutschen Redaktionen, es gebe keine Anzeichen von Manipulation oder Fälschung.