Die blutigen Anschläge von Paris im November 2015 hatten Europa auf dramatische Weise für die Bedrohung durch islamistischen Terror sensibilisiert, der auch im Jahr 2016 seine Opfer forderte. Neben Frankreich und Belgien war erstmals auch Deutschland Angriffsziel der Terrormiliz "Islamischer Staat", mit einem grausamen Höhepunkt in Berlin. Obwohl nüchterne Zahlen gegen eine Dramatisierung sprechen, gibt es Gründe, warum der Terror seinen Schrecken gerade 2016 verbreiten konnte.

Es kam nicht selten vor, dass in Kommentaren unter den Artikeln auf unserer Seite sowie in Facebook-Einträgen der Münchner Amoklauf vom 22. Juli in einem Atemzug mit Terroranschlägen genannt wurde.

Terrorangst sieht Terror, wo kein Terror ist

Erst Paris, Brüssel, Istanbul, Nizza. Dann Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach. Die zeitliche Chronologie des Grauens stimmte, doch die Kausalität war falsch. Amoklauf in München, Beziehungstat in Reutlingen. In Würzburg und Ansbach war tatsächlich islamistischer Terror das Tatmotiv.

Doch die kontextuale Vermischung der Ereignisse zeigte, dass der islamistische Terror eines seiner Ziele erreichen konnte, weil dieses auf die Verwundbarkeit der menschlichen Natur zielt: Sorge bis hin zur Angst erodieren das Gefühl von Sicherheit.

Vor diesem Hintergrund bedeutete der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin mit zwölf Toten und 49 teils schwer Verletzten eine Zäsur für Deutschland: Vielen Menschen fanden sich in ihren Ängsten und Sorgen auf grausame Weise bestätigt.

Terror-Experte Jörg H. Trauboth hatte bereits im Juli in einem Interview mit unserer Redaktion erklärt, die Terrorplaner wüssten, dass sie "mit lokalen Anschlägen und der garantierten medialen Schockwelle verheerend auf unser Lebensgefühl" einwirken könnten.

Nach dem Anschlag in Berlin war das Gefühl noch durch den Umstand verstärkt worden, dass mit dem Tunesier Anis Amri der Hauptverdächtige nicht umgehend gefasst werden konnte.

Zahl der Terroropfer im Westen gestiegen

Angesichts solcher Nachrichten klingt es widersprüchlich, dass die Zahl der Todesopfer durch Terroranschläge im Jahr 2015 weltweit leicht zurückgegangen ist. Das fand die Londoner Denkfabrik "Institute für Economics and Peace" (IEP) heraus.

Den Grund darin sehen die Experten vor allem in den erfolgreichen Militäroperationen gegen die Islamisten von Boko Haram in Nigeria und gegen den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) im Irak und Syrien.

Doch vor allem Letzteres hat einen beunruhigenden Nebeneffekt für den Westen - und auch für die Türkei. Obwohl die meisten Terroropfer 2015 in den Krisengebieten in Syrien, Irak, am Hindukusch und in Nigeria vermeldet wurden, ist die Opferzahl in den OECD-Ländern im Verhältnis in die Höhe geschnellt.

Die Zahl der Terror-Toten hatte sich 2015 im Vergleich zum Vorjahr vor allem durch die Anschläge in Paris, Brüssel und Istanbul von 77 auf 577 mehr als versiebenfacht.

Grund zur Entwarnung gab es auch 2016 nicht, im Gegenteil. In Syrien und dem Irak militärisch mit dem Rücken zur Wand konzentrierte sich der IS vermehrt auf die Planung und Umsetzung von Terrorattacken gegen westliche Gesellschaften und die Türkei.

IS-Einzeltäter und Terrorkommandos

Das Vorgehen, gezielt Anschläge mit Terrorkommandos durchzuführen, behielt der IS bei. Brüssel und Istanbul wurden dabei auch 2016 zu Zielen des sogenannten "Islamischen Staates". Aber auch Deutschland geriet ins Fadenkreuz - gerade durch Einzeltäter wie in Anis Amri in Berlin..

Zu dieser perfiden Strategie hatte in der Vergangenheit der mittlerweile getötete Propagandachef des "Islamischen Staates", Abu Mohammed al-Adnani, aufgerufen: Anhänger weltweit sollten "Ungläubige" mit allen Mitteln töten - auch mit Messern oder Fahrzeugen. Aus Worten wurden Taten:

  • Im Januar 2016 zündete ein Selbstmordattentäter im historischen Zentrum von Istanbul mitten in einer deutschen Reisegruppe nahe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee eine Bombe. Zwölf deutsche Touristen starben.
  • Bei einer Kontrolle am Hauptbahnhof Hannover im Februar verletzte eine 15 Jahre junge Deutsch-Marokkanerin einen Bundespolizisten lebensgefährlich mit einem Messer. Die Täterin hatte offenbar Verbindungen zum IS.
  • Im März töteten IS-Selbstmordattentäter am Flughafen Brüssel-Zaventem sowie in einer Brüssler Metrostation 32 Menschen, mehr als 300 wurden verletzt.
  • Im April verübten zwei junge mutmaßliche Salafisten aus Gelsenkirchen nach einer indischen Hochzeit einen Bombenanschlag auf ein Gebetshaus der Sikhs in Essen. Drei Menschen wurden verletzt, die Ermittler gehen von einem terroristischen Hintergrund aus.
  • Am Flughafen Istanbul ermordeten IS-Terroristen im Juni über 40 Menschen. Es gab mehr als 200 Verletzte.
  • Am 14. Juli 2016 tötete der Tunesier Mohamed Bouhlel mit einem Lastwagen über 300 Menschen auf der Uferpromenade in Nizza
  • Vier Tage später verletzte der 17-jährige mutmaßliche Afghane Riaz Khan Ahmadzai mit Beil und Messer fünf Menschen in einem Regionalzug bei Würzburg teils schwer.
  • Kurz darauf, am 24. Juli, sprengte sich der 27 Jahre alte Syrer Mohammad D. auf einem Platz vor einem Musikfestival im bayerischen Ansbach in die Luft, 15 Menschen wurden verletzt.
  • Am 20. Dezember, davon gehen aktuell die Ermittler aus, lenkte der Tunesier Anis Amri einen gestohlenen Lkw über den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz und tötete dabei zwölf Menschen. 49 Personen wurde zum Teil schwer verletzt.

Anis Amri und der Skandal um Dschaber al-Bakr

Auch wenn der Fall um Anis Amri sowohl Hilflosigkeit als auch Versagen der Sicherheitsbehörden zu spiegeln scheint, gibt es auch Erfolgsmeldungen. Immer wieder kommt es 2016 in Deutschland zu Großrazzien, bei denen mutmaßliche Terroristen, Salafisten und Kontaktleute der Terrormiliz IS festgenommen werden.

Im Oktober wird gerade noch ein geplanter Anschlag verhindert. Syrischen Flüchtlingen gelingt, worin die sächsische Polizei versagt hatte: Die Festnahme des Hauptverdächtigen Dschaber al-Bakr. Dass sich dieser kurz darauf in der JVA Leipzig erhängen konnte, führte zu einem Justizskandal in Sachsen.

Die Anschläge von Würzburg, Ansbach und Hannover hatten 2016 die hitzige Debatte über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zusätzlich befeuert. Von Al-Bakr hatten sich die Ermittler wertvolle Informationen erhofft, um die Radikalisierung der Täter besser rekonstruieren zu können.

Geschah diese erst in Deutschland oder waren die Täter Teil jenes perfiden IS-Plans, mit dem einzelne als Flüchtlinge getarnte Attentäter nach Europa geschickt wurden, um das politische Klima in den aufnehmenden Staaten zu beeinflussen?

Fakt ist, dass dieses Klima rauer geworden ist, was sich auch in den Wahlerfolgen der AfD und Ressentiments gegenüber Muslimen ausdrückt. Dabei wird schnell übersehen, dass der IS und verbündete islamistische Terrororganisationen auch weiterhin am furchtbarsten in islamischen Ländern wüten.

Rund 75 Prozent der 35.000 weltweiten Terroropfer gab es 2015 laut einer Statistik der Universität Maryland in muslimischen Ländern. Daran hat sich auch 2016 wenig geändert.