Angela Merkel wird während der Flüchtlingskrise Versagen und die größte Schieflage ihrer Kanzlerschaft angedichtet. Nie muss sie mehr Kritik einstecken. Doch ist die Regierungschefin mit ihrem Krisenmanagement wirklich gescheitert? Das Merkel-Zeugnis zu den drei größten Herausforderungen 2015.

Das Unvorstellbare war plötzlich greifbar, Angela Merkel (CDU) war nicht mehr unantastbar. Die Flüchtlingskrise politisierte Deutschland wie kein zweites Thema seit Jahren. Und plötzlich stellten Kritiker die Arbeit der Konsenskanzlerin in Frage. Ernsthafte Bedenken kamen auf, die Große Koalition, ihre dritte Regierung, könnte an dieser "Herkulesaufgabe" zerbrechen. 2015 drohte zu ihrem Schicksalsjahr zu werden. Die drei größten Herausforderungen - und eine Bewertung darüber, wie sich die Bundeskanzlerin geschlagen hat.

Warum die Kanzlerin im Ukraine-Konflikt die Führungsrolle übernimmt.

Ukraine-Krise

Merkel gibt die Realpolitikerin. Auf der 51. Münchner Sicherheitskonferenz sagt sie am 7. Februar, dass der Konflikt militärisch für die Ukraine nicht zu gewinnen sei. Anfang März titelt die "Neue Züricher Zeitung": Besuch der Chefin. Merkel ist beim Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker in Brüssel zu Gast und spricht stellvertretend für die Europäer. Unmissverständlich fordert sie von Russland die Umsetzung des zweiten Abkommens von Minsk, ergo, dass die Ukraine die russisch-ukrainische Grenze kontrolliert.

Um Druck auszuüben, setzt sie Sanktionen durch und hält den russischen Präsidenten Wladimir Putin damit im Zaum. Er ist bereits Regierungschef, als die CDU-Politikerin 2005 Kanzlerin wird. Sie kennen sich. Das hilft. Merkel versteht es wie keine andere europäische Spitzenpolitikerin, Einfluss auf ihn zu nehmen. Ende Oktober spricht sie dem ukrainischen Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk bei einem Treffen demonstrativ das Vertrauen aus. "Wir wollen ein guter Begleiter auf dem Weg der Ukraine zu Stabilität und Prosperität sein", sagt sie, nimmt ihn aber gleichzeitig in die Pflicht, den Reformkurs beizubehalten. "Ich glaube an den Reformwillen des Ministerpräsidenten."

Fazit: Merkels stilles Meisterstück der strikten Diplomatie. Sie gibt den Hardliner - und nie nach.

Trotz Kälte: Experten zufolge werden noch mehr Migranten kommen.

Griechenland-Krise

Griechische Demonstranten zeigen "Mutti" Merkel, wie sie in ihrer Partei gerufen wird, als neoliberale Domina, vereinzelt sogar als Hitler. Doch Merkel hat das Geld. Scharfe verbale Attacken des ehemaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis können ihr nichts anhaben. Ministerpräsident Alexis Tsirpas bekommt sie nach mehreren abgelehnten Reformvorschlägen auf Kurs. Entgegen der Meinung von Kritikern hat sie dabei zu keinem Zeitpunkt ein Interesse daran, Griechenland "ausbluten" zu lassen.

Der Erfolg des Euro ist eng mit ihrem eigenen verbunden, ein Austritt der Griechen wäre ein herber Schlag. Auch, wenn dieser gleich mehrfach droht, weicht sie nicht von ihrer harten Linie ab. Im Juli setzt Tsirpas im Parlament maßgebliche Forderungen der Deutschen durch: vereinheitliche Mehrwertsteuersätze, eine höhere Besteuerung vieler Güter, beitrags- statt steuerfinanzierte Zusatzrenten, Ausgabenkürzungen. Es folgt eine Reform des Justizwesens, die künftig Zwangsversteigerungen ermöglicht. Tsipras erklärt, dass er sich für einen "Kompromiss" entschieden habe, "der uns zwingt, ein Programm umzusetzen, an das wir nicht glauben". Er gab Merkel nach.

Diese denkt vor allem an deutsche Interessen. Die Bundesrepublik kassiert als Gläubiger dreistellige Millionensummen durch Zinsen. Reformmaßnahmen wie die Privatisierung griechischer Regionalflughäfen sind für deutsche Konzerne attraktiv. Und Merkel verweigert sich strikt einem Schuldenschnitt. Dennoch profitiert Griechenland: So verhandelt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) über ein Hilfspaket in Höhe von 87 Milliarden Euro bis 2018.

Fazit: Merkel meistert die Krise mit gesamteuropäischer Weitsicht. Sie hilft den Griechen, Deutschland profitiert - und der Euro ist gerettet.

Flüchtlings-Krise

Es ist die Zerreißprobe ihrer dritten Kanzlerschaft. Nie zuvor schlägt ihr derart Kritik aus den eigenen Reihen entgegen. Mit einem Satz verärgert sie viele: "Wir schaffen das." Merkel sagt ihn im Frühherbst und wird anschließend für Flüchtlingsströme verantwortlich gemacht. Die Bundesregierung wirkt desorientiert, überfordert, weniger gefestigte Regierungschefs hätten wohl unmittelbar "den Hut nehmen" müssen. Doch Merkel können selbst Einbrüche in den Umfragewerten der Union von 43 auf 34 Prozent nichts anhaben.

Im Kompromiss mit der SPD leidet die Schwesterpartei CSU, die Transitzonen nicht durchsetzen kann und Einreisezentren zustimmen muss. Merkel bringt wieder etwas Ordnung rein. Doch wiederholt nach oben korrigierte Flüchtlingszahlen von bis zu über einer Million Asylsuchenden machen das Thema auf Zeit allgegenwärtig.

Fazit: Erste Schnell-Maßnahmen der Bundesregierung wie der Asylbewerber-Ausweis greifen. Spät hat sie etwas Übersicht ins Chaos gebracht. Der Flüchtlingsstrom aus Syrien war aber vorhersehbar, meinen Kritiker, die überschaubaren Ressourcen für dessen Bewältigung ebenfalls. Ergo: Merkels Regierung hat hier auf ganzer Linie versagt – zumindest anfangs.

"Unverzichtbar" nennt das britische Magazin "The Economist" Merkel, ohne sie seien die großen Herausforderungen Europas nicht zu bewältigen. Dem ehemaligen britischen Premier Winston Churchill wird ein Zitat nachgesagt: "Ein wahrer Boxer ist, wer einmal hinfällt und zweimal wieder aufsteht, soll er einst sinngemäß gesagt haben." Es klingt pathetisch, aber Merkel wirkt Ende 2015 genauso.

Amtsmüde sei sie nicht, sagte sie dem "ZDF", und dass sie kämpfen werde. Es folgte eine entsprechende, indirekte Ansage bei ihrer Trauerrede zum Tode des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt. "Diese war auch ein Selbstporträt", sagte "FAZ"-Journalist und Merkel-Kenner Ralph Bollmann im Gespräch mit unserer Redaktion. "Sie hat Schmidt dafür gelobt, dass er ein Pragmatiker war, dass er zu diesen pragmatischen Lösungen, zu denen er nach reiflicher Überlegung kam, immer eisern stand, und dass er dafür am Schluss sogar seine Kanzlerschaft riskiert hat." Es sind Worte, die für 2016 die Richtung vorgeben dürften.

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