Als wäre ihr Ruf nicht ohnehin ramponiert, erlebte die Fifa ein selten skandalöses Jahr. Der für integer gehaltene DFB stürzte derweil über die WM 2006 - und sieht sich ähnlichen Problemen wie der Weltverband ausgesetzt.

Simon Brodkin hatte sich bislang nicht verdächtig gemacht, bei der Fifa die Abteilung Außendarstellung zu verantworten. Im Juli dieses Jahres aber veranstaltete Brodkin genau das: Er stellte die Fifa nach außen dar.

Nur Joseph Blatter, seinerzeit noch allgewaltiger Präsident der Fédération Internationale de Football Association - kurz Fifa -, reagierte ein wenig pikiert, als es plötzlich Geldscheine regnete - über seinem Kopf.

Brodkin ist nämlich ein Komiker, den Blatter nicht komisch fand, weil der ihn bei besagter Pressekonferenz eben mit frischgepressten Blüten bewarf - eine griffige Aktion, Sinnbild einer abgrundtiefen Krise des Weltverbandes.

Gemeinsam mit dem DFB, der über seine WM 2006 stolperte, erlebte die Fifa ein Jahr 2015, das Skandale prägten.

"Es gibt keine Korruption im Fußball, es gibt Korruption bei Einzelpersonen", hat Blatter gegenüber der "BBC" noch behauptet. Das mutet schon recht dreist an, wenigstens aber ziemlich frech.

Blatter berichtet von Absprache vor Vergaben der Weltmeisterschaften.

"Fast täglich etwas Neues..."

Anfang Oktober wurden Blatter und Uefa-Chef Michel Platini von der Fifa-Ethikkommission für je 90 Tage suspendiert, Blatter geriet zudem ins Fadenkreuz der Schweizer Bundesanwaltschaft.

Grund waren eine Millionen-Zahlung von Blatter an Platini, die die Beschuldigten als Honorar für Beratertätigkeiten deklarieren, die Ermittler jedoch als Schmiergeld.

Der Ruf der Fifa ist ruiniert, länger schon, aber 2015 potenzierte sich das Unheil. Generalsekretär Jérôme Valcke - weg. Jack Warner, vormaliger Vize-Präsident - lebenslang gesperrt.

Eine ordentliche Vergabe der Weltmeisterschaften nach Russland 2018 und Katar 2022 - zutiefst zweifelhaft. Die Fifa zerbröselt.

"Fast täglich kommt etwas Neues", erklärte ein "enttäuschter und betrübter" Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino, der am 25. Februar 2016 selbst zur Wahl des Fifa-Präsidenten antritt.

Sofern nicht Platini, der ebenfalls kandidieren will, auch kandidieren darf. Infantino, kahlköpfige Instanz der Europapokal-Auslosungen, hofft auf eine Zäsur: "Ich glaube, dass ein Prozess angelaufen ist zu Wahlen und Reformen, den es unbedingt braucht!"

Wie Blatters Reich ihn mächtig macht(e)

In der Tat hat sich Blatter eine Hegemonie erschaffen. Mit einer Ausdauer, irgendwie bewundernswert, irgendwie bedrohlich, baute er seit 1998 um sich herum einen Fifa-Palast. Mit ihm als Sonnenkönig im Zentrum.

Das Prinzip ist simpel: Die Fifa hat zwei Entscheidungsgremien, den Kongress und das Exekutivkomitee, und am Ende entscheidet stets Blatter. Weil es ihm die diffusen Strukturen erlauben.

Das Exekutivkomitee beinhaltet 25 Mitglieder, die Blatter an die kurze Leine legte. Den Kongress kontrollierte der Schweizer durch die Stimmenverteilung, welche besagt, dass die Meinung aller 209 Mitgliedsstaaten genau gleich zählt.

Somit hat der DFB als weltgrößter Sportfachverband ebenso viel (oder wenig) Einfluss wie die Fidschi-Inseln. Diese vermeintliche Demokratie spielt dem Überkoordinator Blatter in die Hände. Oder besser: spielte.

Denn im Mai begann die Mauer zu bröckeln. US-Ermittlungen bewirkten die Festnahme von sieben hochrangigen Fifa-Funktionären, die Anklageschrift umfasste organisiertes Verbrechen, Überweisungsbetrug und Geldwäsche.

Kurz darauf wurde Blatter erneut als Präsident bestätigt, weitere vier Tage später aber kündigte er das an, was niemand zu vermuten gewagt hätte: seinen Rückzug. Er beklagte einen Vertrauensverlust.

Figo zürnt: "Beschämend!"

"Der Fußball bleibt ohne Kopf, aber es ist nicht gesagt, dass das etwas Schlechtes ist", kommentierte die "Gazzetta dello Sport" listig. Indes tanzte die "Sun" auf dem Boulevard: "Die Marke Fifa ist so faul, dass die ganze Organisation verboten werden sollte."

Luis Figo, Portugals Fußball-Ikone, hatte acht Tage vor der Wahl hingeworfen beim Unterfangen, Blatter herauszufordern.

Figo war entnervt. Über Monate habe er "Vorfälle in der ganzen Welt beobachtet, die jeden, der sich einen freien, demokratischen und sauberen Fußball wünscht, nur beschämen können".

In Blatters Abwesenheit führt Fifa-Vizepräsident Issa Hayatou die Amtsgeschäfte.

Im Februar bewerben sich Infantino und wohl auch Platini, daneben Jérôme Champagne, Tokyo Sexwale, Prinz Ali bin al Hussein, Scheich Salman bin Ibrahim al Khalifa sowie Musa Hassan Bility um den Einzug ins Blatter-Büro nach Zürich.

Wenn der Rubel rollt, greifen die Mechanismen

Die ironische Note an der Sache ist übrigens dieses Zitat: "Die Zukunft kann nur gestaltet werden ohne den bisherigen Präsidenten, ohne Sepp Blatter."

Gesagt hat das Wolfgang Niersbach, und zwar zu einer Zeit, als der DFB noch selig davon schwärmte, wie wunderbar doch die Fußballwelt ist.

Das Nationalteam als Weltmeister, der Verband mit Rekord-Mitgliedszahlen, der Versuch, gesellschaftsrelevant zu sein oder zu werden. Der Zuschlag zur EM 2024 schien eine Formalie.

Es gab gar die Hoffnung, dass der integre DFB der korrumpierten Fifa zur Restauration verhilft. Davon ist wenig übrig geblieben, seit es darum geht, wer wann was getan, gewusst oder geahnt hat bei der Mär vom Märchen. Vom "Sommermärchen".

Schwarze Kassen, Bestechungsvorwürfe, Allianzen, vor allem Geld, viel Geld. Wie immer, wenn der Rubel rollt, wird offensichtlich, welche Mechanismen im Fußball-Business greifen.

Bereicherung liegt da nicht fern, auch wenn noch nichts bewiesen ist.

Der DFB steht nun, ähnlich wie die Fifa, ohne Präsident, dafür mit der Forderung nach Konsequenzen und einer adäquaten Unternehmensstatik da.

2016 - ausgerechnet im Jahr der EM - wird sich zeigen, wohin die Wege führen.