Russland diffamiert zivile Helfer in Syrien und sät Zweifel an Assads Giftgasangriffen. Eine Studie zeigt nun, wie systematisch der Kreml in seiner Desinformationskampagne vorgeht.

Über Russlands aufwändige Strategien zur Desinformation ist viel berichtet worden: bei den Präsidentschaftswahlen in den USA und Frankreich, beim Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine, beim Abschuss des malaysischen Passagierjets MH17.

Immer dort, wo die tatsächliche Faktenlage einigermaßen klar ist, ließ sich die Manipulation relativ leicht nachverfolgen.

Im Fall Syrien ist die Lage verworrener, das internationale Interesse geringer. Eine günstige Ausgangslage, um mit den verschiedenen Mitteln der Lüge, der künstlichen Twitter-Debatte und der Mimikry etablierter Organisationen den Anschein echter Umstrittenheit zu erzeugen.

Doch wie systematisch Russland dies vor allem seit seiner direkten Militärintervention 2015 in Syrien betreibt, hat nun eine Studie der Internet-Analyseagentur Graphica in Zusammenarbeit mit Google und der britischen NGO Syria Campaign ermittelt.

Für den am Mittwoch veröffentlichten Report "Killing the Truth" untersuchte Graphica vor allem die Tweets zu den als "Weißhelme" bekannt gewordenen Rettungs- und Bergungssanitätern in den Rebellengebieten Syriens.

Aus mehr als 12,6 Millionen Tweets von 2,65 Millionen Accounts filterten die Analysten 12.352 der "am besten vernetzten" Twitterer heraus, die sich überdies mehr als 50 Mal zu #WhiteHelmets geäußert hatten.

Google hilft bei Aufdeckung der Abstrusitäten

Mehr als 6.000 dieser Accounts, so Graphica, waren bereits zuvor in mindestens einer anderen russischen Desinformationskampagne aufgefallen.

Elf von ihnen ließen sich direkt der "Internet Research Agency" in St. Petersburg zuordnen, Russlands bekanntester "Troll-Fabrik", wo Hunderte Angestellte den ganzen Tag damit beschäftigt sind, unter wechselnden Identitäten Desinformation als persönliche Erkenntnis zu posten.

Vor Russlands direkter Militärintervention in Syrien waren die Weißhelme bereits seit zwei Jahren aktiv als Zivilschutzgruppe, die in allen bombardierten Gebieten manchmal Lebende und zumeist Tote aus den Trümmern zog - politisch auf Seiten der Opposition, aber friedlich, ebenso wie die Lokalräte oder die Ärztekommittees.

Ein Sammelbecken für jene, die ihr Leben einsetzen, aber selbst nicht zur Waffe greifen wollten.

So jedenfalls erlebten sie SPIEGEL-Reporter 2014 und 2015 in Idlib und Aleppo. Und so wurden sie langsam bekannter.

Dieses öffentliche Bild veränderte sich nachhaltig mit der konzertierten Kampagne Russlands ab Herbst 2015.

Die porträtierte die Weißhelme als von der Nato und dem amerikanischen Mäzen George Soros gesponserten Ableger von al-Qaida, der seine Rettungsaktionen nur inszeniere und dafür selbst Kinder ermorde.

Eine abstruse Collage von Erfindungen - aber so vielstimmig inszeniert, dass bei Google, YouTube, Twitter immer wieder die schiere Masse der erfundene Meldungen überwog.

Wie in den Tagen nach dem Sarin-Angriff auf die Stadt Chan Scheichun am 4. April 2017: Zwei Tage später war #SyriaHoax das Trendthema Nr.1 auf Twitter, nach oben getrieben von einer Heerschar von Accounts, von denen jeder Hunderte Tweets innerhalb weniger Stunden absetzte.

Jede noch so abwegige Behauptung wird tausendfach multipliziert

Dabei folgt jede dieser Einflusskampagnen einem ähnlichen Muster: Einige zuvor unbekannte Blogger wie die Britin Vanessa Beeley, die Kanadierin Eva Bartlett oder die Bolivianerin Carla Ortiz posten Propaganda, werden vom Kreml-Sender RT interviewt als Experten, die Interviews wiederum von den Twitter-Kohorten vervielfältigt.

Ortiz war zuvor als Schauspielerin in den USA ("CSI Miami", "Baywatch") bekannt geworden, Beeley hatte zuvor Verschwörungstheorien zum 11.September und den angeblich vergifteten Kondensstreifen von Flugzeugen, den sogenannten Chemtrails, veröffentlicht und schon 2015, ein Jahr vor ihrem ersten Besuch in Syrien, getwittert: "White Helmets are not getting it. We know they are terrorists. Makes them a legit target". ("Die Weißhelme verstehen es nicht. Wir wissen, dass sie Terroristen sind. Das macht sie zum ernsthaften Ziel.")

Das Statement einer real existierenden Person wie Vanessa Beeley wird eingespeist in die Vervielfältigungsmaschinerie der Twitter-Accounts, die jede noch so abwegige Behauptung tausendfach multiplizieren.

Wem diese Accounts gehören, ist schwer nachzuweisen, zumal ihre Verknüpfung untereinander einen Austausch realer Personen suggeriert. Wobei schon die Definition einer realen Person schwierig wird, wenn der Absender in einer der russischen "Troll-Fabriken" arbeitet.

Manchmal verraten allerdings die Sendeumstände den Einsatz vollkommen automatisierter Profile, sogenannter Bots: Wie am 28. September 2017 um exakt 16.39 Uhr und 42 Sekunden.

Da teilten 21 Profile, die angeblich aus Berlin, Barcelona, Istanbul, New York, Chicago, Marseille und anderen Städten stammten, denselben Videolink mit identischem Begleittext, der für den Sarin-Angriff auf die syrische Stadt Chan Scheichun die angeblich mit al-Qaida verbündeten Rettungssanitäter verantwortlich machen wollte: "CW used by #AlQaeda not by #Assad ,Khansheikun was falseflag of alqaeda linked fake aid organisation #whitehelmets".

Einige der Profile trugen biographische Ergänzungen zum Absender, der wahlweise "pro-Menschenrechte", "anti-zionistisch", "pro-Trump" sei. Doch in Wirklichkeit waren sie alle nur eines: erfunden.

"Es geht darum, Verwirrung zu stiften"

Dazu kommen neu ins Leben gerufene Organisationen wie das "European Centre for the Study of Extremism", gegründet von einem ehemaligen PR-Berater des syrischen Botschafters in London, oder die "Swedish Doctors for Human Rights", SWEDHR. Schweden, Ärzte, Menschenrechte, das klingt vertrauenserweckend.

Nur sind sie in Schweden nie in Erscheinung getreten, sondern erst international bekannt geworden, seit sie vom russischen Außenministerium und anschließend von RT, Sputnik, der Prawda und Dutzenden weiteren Kreml-kontrollierten Medien zitiert wurden.

In ihren Statements erklärten sie dort, dass die Weißhelme ihre Opfer erfinden, Kinder töten würden und ein Propaganda-Instrument der Nato seien. In ihrem Bericht danken die SWEDHR der "unabhängigen Journalistin Vanessa Beeley" für ihr "unschätzbares Feedback".

Die von ihnen erst geschaffene Netz-Prominenz ihrer Geschöpfe wiederum nutzt Russlands Regierung, um diese vermeintlich unabhängigen Experten etwa vor dem Uno-Sicherheitsrat zu präsentieren: wie es der stellvertretende russische Uno-Botschafter einen Monat nach dem Sarin-Angriff auf Chan Scheichun tat.

Dass die USA, Kanada, Neuseeland und mehrere europäische Staaten die Propaganda-Präsentation zurückwiesen, dass überdies frühere Erklärungsversionen des russischen Verteidigungs- sowie des Außenministeriums sowohl einander wie auch der letzten Version widersprachen, stört die Urheber gar nicht.

Im Gegenteil: "Es geht darum, Verwirrung zu stiften", so James Sadri, Direktor der Syria Campaign, "sie fluten das Netz, so dass am Ende selbst über die von der Uno und deren Experten für Massenvernichtungswaffen eindeutig belegten Urheber in der Öffentlichkeit Unklarheit bleibt."

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