Beim Amoklauf in München sorgten Polizisten in Zivil für Verwirrung und Unsicherheit, weil Augenzeugen sie für weitere Täter hielten. Doch lässt sich das in so einer konfusen Lage überhaupt vermeiden? Ein Polizei-Insider klärt auf.

Wer ist Freund, wer ist Feind? In einer extremen Situation wie einem Amoklauf kann diese Frage über Leben und Tod entscheiden. An diesem unheilvollen Freitag in München, als David S. neun Menschen und sich selbst erschoss, war die Antwort darauf für einige Passanten sehr schwer zu geben.

Polizisten in Zivil machten Jagd auf den Täter - und verängstigten dabei jene, die sie beschützen wollten. Einige Zeit lang ging die Polizei selbst davon aus, es mit drei Tätern zu tun zu haben, weil Augenzeugen zwei Beamte in Zivil für Attentäter hielten.

Eine Fehleinschätzung mit gravierenden Konsequenzen: für die Menschen, die sich fälschlicherweise in Gefahr wähnten, und für die Taktik der Polizei. War der Einsatz von Zivilpolizisten also viel zu riskant? Hätten sie sich zu erkennen geben müssen, und hätte sich die Fehleinschätzung so vermeiden lassen?

Nein, sagt Sascha Braun von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Gespräch mit unserer Redaktion. Er leitet die Rechtsabteilung beim Bundesvorstand der GdP und hält die Situation in München für eine absolute Ausnahmelage, in der ganz eigene Regeln und Prioritäten gelten.

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Situation zu unübersichtlich

"Die beiden Polizisten haben versucht, den Amokläufer zu stellen, unter absoluter Lebensgefahr. Sie hatten es mit einer sich bewegenden, hochgefährlichen Person zu tun und wussten nicht, ob sie noch Komplizen hat", sagt Braun. Zwar sind Polizisten angehalten, umstehenden Zivilisten Informationen zu geben, aber oft seien solche Situationen unübersichtlich.

Am Freitag waren Zivilstreifen offensichtlich zuerst vor Ort, sie kamen also in Alltagskleidung zum Tatort, wahrscheinlich auch mit Waffen im Anschlag. Beamte der Kriminalpolizei sind grundsätzlich in ziviler Kleidung unterwegs. Wenn sie sich ausweisen, dann durch Dienstmarke und Dienstausweis - "wie man das aus dem 'Tatort' kennt", sagt Sascha Braun.

Auch Teile der Schutzpolizei und von Einsatzkommandos tragen keine Uniform. Bei Großeinsätzen wie Razzien kommen Überziehwesten mit der Aufschrift "Polizei" zum Einsatz, wenn eine Tarnung unnötig geworden ist. Auf den Bildern aus München sind diese Westen an einigen Beamten zu sehen. Allerdings führen Polizisten sie nicht ständig mit sich, anders als beispielsweise die Dienstwaffe.

Beamte in Zivil tragen ihre Waffe im Normalfall verdeckt – auch, damit sie nicht einfach entwendet werden kann. Gerade im Sommer ist es für Kenner dadurch leicht, Zivilpolizisten zu erkennen, erklärt Braun: "Bei 32 Grad haben vor allem Polizisten Jacken an."

Kein Standardverfahren bei einem Amoklauf

In einer Situation wie in München am Freitag gelten jedoch ganz eigene Regeln. Der Chef des Bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger, hatte laut eigener Aussage das Motto ausgegeben: "Nicht umkleiden, sondern einschreiten."

Sascha Braun glaubt nicht, dass diese Devise überdacht werden muss. Um anwesenden Bürgern die Angst zu nehmen, gebe es zum Beispiel bei Geiselnahmen standardisierte Verfahren. "Da wird sofort ein Sperrkreis eingerichtet und es werden, wenn die Lage es zulässt, Informationen über Lautsprecherwagen gegeben."

Auf eine Amoklage lasse sich das aber kaum übertragen, so Braun. Zumal die Münchner Polizei nicht nur seiner Meinung nach vor allem über die sozialen Medien gute Aufklärungsarbeit geleistet hat. "Da hat sie ja die Leute beruhigt und Informationen gegeben."

Die Beamten im Einsatz seien aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Und auch an ihnen seien die Ereignisse der letzten Jahre nicht spurlos vorbeigegangen, sagt Braun: "Die Bilder von 'Charlie Hebdo' haben die Polizei verändert."

Was er meint, ist vor allem das Bild, wie ein Terrorist bei der Attacke auf die Satirezeitschrift einen am Boden liegenden Polizisten ohne Gnade erschießt. "Wenn man also in so einer Situation ist, gibt es vor allem zwei Ziele: Den oder die Täter bekämpfen und lebend aus dem Einsatz herauskommen."

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