Rücken stets gerade, Bauch einziehen, Beine geschlossen, dezentes Make-up: Was klingt, wie aus einem Erziehungskurs für den Adelsnachwuchs im England des 19. Jahrhunderts, ist im Jahr 2018 Realität in China. Am Zhenjiang College werden junge Frauen ganz nach dem Gusto von Staatschef Xi Jinping ausgebildet.

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China boomt – noch. Im Reich der Mitte haben Ökonomen und die Staatsführung längst erkannt, dass nach Jahren des schier grenzenlosen Wachstums die Zeichen auf Stagnation stehen. Eine Teilschuld daran trägt die "Ein-Kind-Politik", mit der ab den 1980ern das Bevölkerungswachstum drastisch eingeschränkt wurde.

Konterrevolution zur Emanzipation

In Kombination mit einer alternden Gesellschaft und der Emanzipation der Frau stellt das Gesellschaft wie Politik vor ein massives Problem: Um den Wohlstand Chinas zu garantieren, ist die Frau nun wieder vorrangig als Mutter, Ehefrau und Haushälterin gefragt.

Eine Rolle, mit der sich viele berufstätige Frauen aber nicht mehr abfinden wollen. Kein Wunder, schließlich sind sie besser ausgebildet und wohlhabender als je zuvor. Die Regierung um Staatschef Xi Jinping reagiert darauf mit Programmen wie der "New Era Women's School" am Zhenjiang College.

"Perfekte" Ehefrau statt Karrierefrau

Das Konzept: Die jungen Frauen sollen durchaus auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet werden, allerdings stehen vor allem Werte wie Familie und Häuslichkeit im Mittelpunkt.

"Gemäß der traditionellen Kultur sollten Frauen bescheiden und zärtlich sein. Die Rolle der Männer besteht darin, zu arbeiten und für die Familie zu sorgen", erklärt eine der Kursteilnehmerinnen der "The Washington Post".

Das harmonische Zusammenleben von Mann und Frau, das Zeugen von Kindern, das Pflegen der chinesischen Traditionen – dabei bleibt natürlich kaum Platz für die eigene Karriere. Erstrebenswertes Ziel soll stattdessen sein, die "perfekte" Ehefrau abzugeben.

Es regt sich zarter Widerstand

Eine emanzipatorische Rolle rückwärts, der sich zumindest die von der "Washington Post" befragten Frauen im Alter zwischen 18 und 21 Jahren bereitwillig hinzugeben scheinen. Kurse über Teezeremonien statt beruflicher (Aus-)Bildung? Das kommt natürlich auch in China nicht überall gut an.

Menschenrechtler prangern an, dass die kommunistische Partei unter dem Deckmantel der Tradition und des Werteerhalts lediglich die Rolle der Frau in Öffentlichkeit und Berufswelt untergraben will. "Unsere traditionelle Kultur ist voller Einschränkungen und Unterdrückung von Frauen", schildert die prominente Feministin Lu Ping die Situation.

Kritische Stimmen wie diese werden in China allerdings kaum gehört. Lu Pings Webseite fiel unlängst der staatlichen Zensur zum Opfer.  © spot on news