Der Film "Colonia Dignidad" mit Daniel Brühl und Emma Watson startet in den deutschen Kinos. Er gibt Einblicke in das Leben einer deutschen Sekte in Chile, in der Menschen gefoltert und Kinder missbraucht werden. Gräueltaten, die es wirklich gegeben hat.

Schon der Name ist an Zynismus kaum zu übertreffen: Colonia Dignidad – die Kolonie der Würde. Eine Siedlung, 400 Kilometer südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile, jahrzehntelang bewohnt von deutschen Auswanderern.

Nichtsahnende verstanden das Areal als mustergültige landwirtschaftliche Kolonie – in Wahrheit aber war es eine grausame Diktatur:

Hier lebte eine durch Stacheldrahtzäune und Kameras, durch elektrische Sensoren und bewaffnete Patrouillen von der Außenwelt streng abgeschottete Sekte, in der Menschen gefoltert und Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht wurden.

In seinem Film "Colonia Dignidad" mit Daniel Brühl und Emma Watson in den Hauptrollen gibt Regisseur Florian Gallenberger nun Einblicke in das düstere Leben der Sekten-Mitglieder. Was den Menschen im Lager auf der Kino-Leinwand widerfährt, ist nicht frei erfunden.

Kolonie-Gründer Paul Schäfer war schon in Deutschland wegen sexueller Übergriffe auf Jungen aufgefallen: Zunächst entließ ihn die Kirche deshalb als Jugendpfleger. Daraufhin arbeitete er als Laienprediger in Siegburg und scharte dort viele Anhänger um sich.

Wieder soll er sich dann an Jungen vergriffen haben – und floh 1961, als die Bonner Kriminalpolizei ermittelte. Er reiste in die Anden, wo er mit den Anhängern, die ihm folgten, die Colonia Dignidad gründete. Zwischen 250 und 350 Menschen sollen dort über Jahrzehnte gelebt haben.

Schäfer nannte sich "Ewiger Onkel"

Von außen betrachtet galt die Kolonie als Mustersiedlung, deren Bewohner sich selbst versorgten und in Handwerksbetrieben wie der Schlosserei oder Tischlerei arbeiteten. Auch ein Krankenhaus gehörte dazu. Schäfer nannte sich Pius, der Fromme, oder "Tio permanente", also der Ewige Onkel.

Zeitzeugen berichten: Er riss Familien auseinander, trennte Mädchen und Jungen, Eltern und Kinder. Gudrun Müller hat 37 Jahre in der Colonia Dignidad gelebt. In der WDR-Sendung "Planet Wissen" berichtet sie, dass sie unter Tränen unterschreiben musste, den Mann, in den sie sich verliebt hatte, nicht mehr zu kontaktieren. Beide wurden regelrecht überwacht.

Schäfer soll Menschen gefoltert, Kinder sexuell missbraucht, Abtrünnige mit Psychopharmaka "therapiert" haben. So berichtet Gudrun Müller, sie sei mit Medikamenten und Elektroschocks "auf Vordermann gebracht" worden, wenn sie sich mal "nicht so gut" gefühlt habe: "Die schlechten Sachen gelöscht, so dass immer nur das Gute blieb."

Die Gräueltaten gingen aber wohl weit über die Sekten-Gemeinschaft hinaus: Schäfer und seinen Leuten wird vorgeworfen, ihr Gelände dem Pinochet-Regime als Ort für Folter und Hinrichtungen zur Verfügung gestellt zu haben.

Dort sollen Regimegegner umgebracht worden und Kriegswaffen wie Giftgas produziert worden sein. Ermittler fanden unterirdische Gänge und Bunker unter der Colonia Dignidad.

Trailer: "Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück"

Emma Watson und Daniel Brühl brillieren in dem aufwühlenden Sekten-Drama. "Colonia Dignidad – Es gibt kein zurück" startet am 18. Februar 2016 in den Kinos.

Schäfer stirbt in Haft

Ende der 90er Jahre hatte der jahrzehntelange Schrecken ein Ende: Gegen Schäfer wurde Haftbefehl wegen mehrfachem Kindesmissbrauchs erlassen. Nach jahrelanger Flucht nahm die Polizei ihn 2005 in Argentinien fest, die Justiz verurteilte ihn zu 20 Jahren Gefängnis. 2010 starb der Sektenführer in einem Gefängniskrankenhaus in Santiago.

Einige Männer, die an seinen Machenschaften beteiligt gewesen sein sollen, sitzen in Chile in Haft. Andere leben unbehelligt in Deutschland, etwa ein Arzt gegen den internationaler Haftbefehl besteht. Die chilenische Justiz verurteilte ihn 2011 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch zu fünf Jahren Gefängnis.

Die Krefelder Staatsanwaltschaft prüft ein Vollstreckungsgesuch und ermittelt. Allerdings kritisiert die "Süddeutsche Zeitung": "Es geht dermaßen langsam voran, dass man Gespenster sehen könnte."

In der Siedlung in Chile leben noch immer Menschen, die zur Colonia Dignidad gehörten. Heute heißt sie "Villa Bavaria", Bayerisches Dorf, und wird als Freizeitpark und Tourismusziel vermarktet.

An der Außenwand eines Hotels ist die Geschichte der Siedlung dargestellt. Die Jahre 1961 bis 1997 heißen dort nur "años difíciles" – schwierige Jahre.