Am 16. Dezember 2012 vergewaltigten mehrere Männer eine indische Studentin in Delhi. Jyoti Singh Pandey trug schwere innere Verletzungen davon und verstarb rund zwei Wochen später. Der Fall und die Missachtung der Rechte von Frauen sorgten weltweit für Entrüstung. Die Unternehmerin und Indien-Expertin Martina Maciejewski spricht über ihre Erfahrungen als europäische Frau vor Ort.

Was am 16. Dezember 2012 in Indien geschah, war schlimm. Dieses furchtbare Ereignis beweist: Frauen haben in Indien noch lange nicht den Stand, den sie in Deutschland haben. In Indien muss nicht nur in dieser Hinsicht ein Umdenken einsetzen - in der Gesellschaft und in der Politik.

Martina Maciejewski, Inhaberin von "Your success in India".

Nach dem weltweiten Medienecho über die schlimmen Vorfälle in Indien und der Stellung der Frauen möchte ich aber auch auf die positiven Eigenschaften von Land und Leuten verweisen. Ich möchte dadurch nicht diese Geschehnisse beschönigen. Auf keinen Fall. Ich möchte aber bewusst machen, dass das Verhalten einzelner Personen nicht auf alle 1,2 Milliarden Einwohner Indiens bezogen werden darf. Auch in Deutschland und Europa geschehen immer wieder furchtbare Taten, die wir nicht nachvollziehen können. Genau so wenig können wir das deutsche oder europäische Volk pauschal kriminalisieren.

In Indien steht die Beziehungsebene über der Sachebene. Bei geschäftlichen Entscheidungen können die Gefühle gegenüber dem Geschäftspartner die ausschlaggebende Rolle spielen. Der Mensch ist wichtiger als das Produkt oder der Vertrag. Ich hatte als deutsche Geschäftsfrau in Indien stets herzliche Begegnungen. Egal ob mit Männern oder mit Frauen. Ich habe mich in dieser Kultur schnell eingefunden, da hier der Mensch im Mittelpunkt steht.

Kein Gefühl der nächtlichen Bedrohung

Bei meinen vielen Aufenthalten in Indien habe ich mich stets sicher gefühlt. Ich ging nachts alleine aus dem Haus und fuhr alleine mit der Rikscha durch die Städte. Ich traf mich mit Freunden in Kneipen und hatte nie das Gefühl, mich in Gefahr zu begeben.

Mir ist aber bewusst, dass es in Indien auch andere Gegenden gibt. Meine Reisen führten mich in Urlaubsgebiete wie Goa und Kerala sowie in Ballungsgebiete wie Mumbai, Kalkutta oder Bangalore. Als Frau war ich hier nie Gefahrensituationen ausgesetzt. Selbst in Delhi, wo das schreckliche Verbrechen an Jyoti Singh Pandey geschah, habe ich mich sicher gefühlt.

Es ist aber ein rein subjektives Gefühl. Vielleicht hatte ich auch nur Glück. Ich kenne und verstehe Frauen, die sich nicht getraut hätten, ihre Wohnung alleine zu verlassen. Ich habe indische Freundinnen, die stets von ihrem Mann gebracht und abgeholt wurden.

Ländliche Gebiete betrete ich nicht alleine

Problematischer wird es in den ländlichen Gebieten. Dort gibt es in Indien noch immer Gegenden, wo eine Frau nichts wert ist und wo es zu Vergewaltigungen kommen kann. Hier hinkt die indische Gesellschaft ihrer Zeit weit hinterher. Ländliche Gebiete würde ich als Frau und alleine nicht besuchen. Dieser Gefahr setze ich mich nicht aus. (am)

Martina Maciejewski ist 38 Jahre alt. Sie ist Inhaberin des Unternehmens "Your success in India", welches deutsche Firmen beim Markteinstieg in Indien unterstützt. Außerdem etablierte sie als Projektleiterin einer deutschen Messegesellschaft unter anderem die Fachmesse "drink technology India" in Mumbai. Seit 2007 reist sie mehrmals im Jahr nach Indien, um private und geschäftliche Kontakte zu pflegen.