Frank Plasberg widmet sich bei "Hart aber fair" den Missbrauchsvorwürfen gegen TV-Regisseur Dieter Wedel. Eine Strafrechtlerin verurteilt den angeblich "digitalen Pranger" und stellt die Vorwürfe gegen Wedel in Frage. Und sie attackiert die SPD-Familienministerin. Eine maßgebliche Frage bleibt unbesprochen.

Eine Kritik
von Patrick Mayer

Der Fall Dieter Wedel polarisiert. Das zeigt auch die Sendung "Hart aber fair" am Montagabend. "Macht, Mann, Missbrauch – was lehrt uns der Fall Dieter Wedel?", lautet die Frage von Moderator Frank Plasberg und damit der Titel der Sendung.

Es hätte – der Diskussion folgend – auch heißen können: "Wie sexistisch ist Deutschland?"

Vorneweg lassen sich zwei Lehren aus dieser Sendung ziehen: Erstens ist ein latenter Alltagssexismus wohl nicht von der Hand zu weißen. Emilia Smechowski, eine freie Reporterin und Autorin für das "SZ Magazin", schildert einen Selbstversuch samt sexistischen Anmachen.

Öffentlich-Rechtliche hadern mit Fall Dieter Wedel

Zweitens tun sich die öffentlich-rechtlichen Sender mit der Aufbereitung der Vorwürfe gegen Wedel, mit dem sie zusammengearbeitet haben, offensichtlich extrem schwer.

"Frauen waren nicht so wichtig, wie Dieter Wedel weiter zu beschäftigen?", fragt Plasberg Thomas Kleist. "Das kann sein", antwortet der Intendant des Saarländischen Rundfunks – und irritiert.

Die dritte Erkenntnis aus der Sendung ist diejenige die, die wohl am schwersten wiegt. Und zwar stellt Strafrechtlerin Monika Frommel die Vorwürfe gegen Wedel in Frage - und damit die Glaubwürdigkeit jener Frauen, die dem Starregisseur sexuelle Übergriffe vorwerfen.

Kann man Frauen, die erst Jahre später von Übergriffen erzählen, etwa nicht trauen? Nein, geht es nach Frommel.

Strafrechtlerin irritiert bei Hart aber fair

"Frauen und Männer haben unterschiedliche Wege, sich durchzusetzen", meint Rechtswissenschaftlerin Frommel verklausuliert.

Und dann konkreter: "Deutschland ist nicht mehr widerwärtig. Wieso haben viele dieser Frauen, wenn sie Grund gehabt hätten, sich nicht zehn oder fünfzehn Jahre später geäußert?"

Frommel spielt auf die Beispiele aus den "Zeit"-Artikeln an, in denen Frauen Wedel schwer belasten. Etwa die Schauspielerin Esther Gemsch, die 1980 von Wedel missbraucht und dabei an der Halswirbelsäule verletzt worden sein soll. Aber erst jetzt die Vorwürfe publik machte.

Frommel kritisiert ferner den "öffentlichen Pranger", an den Wedel gestellt werde, und bezweifelt, dass die Journalisten sauber gearbeitet haben. "Das ist keine Verdachtsberichterstattung. Eine Geschichte wurde konstruiert - ich gebe zu, sehr gut", sagt die Juristin und spricht von einem "medialen Tsunami".

Attacke gegen SPD-Ministerin

Ohnehin müsse eine belästigte Frau ja nicht gleich zur Polizei springen, eine "Schelle" gegen den Mann würde schon helfen. Es ist eine recht eigenwillige Interpretation der Rechtswissenschaftlerin, die das Thema – gefühlt – regelrecht verharmlost.

Schließlich attackiert Frommel die SPD-Familienministerin Katarina Barley, die ebenfalls bei "Hart aber fair" zu Gast ist. Barley hatte auf sexuelle Gewalt in der Ehe verwiesen, die erst spät unter Strafe gesellt worden sei.

"Ich bin erstaunt, dass eine Ministerin dieselben Sprüche schwingt wie 1986 und so tut, wie wenn 25 Jahre in Politik und Strafverfolgung nichts getan worden wäre", wettert Frommel. "Sie hätte was tun können, indem sie drauf achtet, dass das Antidiskriminierungsgesetz umgesetzt wird."

Katarina Barley kontert

Es sind harte Vorwürfe. Doch Barley bleibt gelassen, geht auf Frommels eigenwillige Thesen ein. "Es ist nicht schwer, zwischen einem Flirt und einer fiesen Anmache zu unterscheiden", sagt die SPD-Politikerin.

Eine zentrale Frage bleibt auch in dieser Sendung zu sexuellem Missbrauch unbeantwortet: Wieso es oft viele mitbekommen und trotzdem tatenlos zusehen?

Moderator Frank Plasberg hätte mehr darauf eingehen müssen. Immerhin: Das Beispiel Frommel zeigt, wie schwer sich manche damit tun, sexuelle Übergriffe als gesamtgesellschaftlichen Missstand zu identifizieren. Das zu akzeptieren, dass es überall und oft passiert, wäre wohl die maßgebliche Lehre aus dem Fall Dieter Wedel.