Die Vorweihnachtszeit ist eine Zeit der Besinnlichkeit, der Beschaulichkeit und, immer öfter, der Geschmacklosigkeit. Früher war mehr Lametta, heute hängen schon mal grinsende Rentiere in winzigen Strickpullovern an Christbäumen.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik, Journalistin, Kolumnistin

Im Advent verfallen viele Menschen in einen regelrechten Konsumrausch. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, treibt auch der vorweihnachtliche Dekorier-Rausch inzwischen wundersame Blüten. Oder viel mehr Lichterketten.

Die hängen dann über Ligusterhecken oder Draht-Schlitten in laubgebläserten Vorgärten oder weisen Stoff-Nikolausen, die Balkone hochklettern, den Weg. Schöne Bescherung.

Lamas mit Hüten und handgeschnitzte Schwibbögen

Selbstverständlich gibt es beneidenswerte Ausnahmen: Ausstattungs-Evangelisten, die sich alle Jahre wieder ein opulentes Motto samt Farbkonzept überlegen (wer die Zeit hat), Traditionalisten mit ihren handgeschnitzten Schwibbögen, Räuchermännchen und Erzgebirgs-Weihnachtspyramiden und mundgeblasenen Glaskugeln aus Lauscha (wer’s sich leisten kann), Xmas-Exzentriker, bei denen grellpinke Flamingos, lustige Lamas mit Hüten oder mexikanische "Dia de los Muertos"-Figuren im Adventskranz sitzen (wer‘s mag), Puristen, die ihren Weihnachtsbaum mit selbstgefalteten Papierkranichen dekorieren (wer’s kann).

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Verzicht auf jegliches Ornament

Die meisten können’s offensichtlich nicht. Und hängen sich stattdessen grinsende Rentiere in winzigen Strickpullovern und geschmacksleere Rattan-Kugeln an den Baum. Jedoch kommt diese "dekorative Unbeholfenheit" nicht von ungefähr: Wir Deutschen haben einen schlichten, robusten und zweckmäßigen Stil kultiviert, mit wenig Sinn für verspielte Details, Ornamente und (Raum-)Accessoires. Deshalb hat liebe- und geschmackvolle Dekoration hierzulande auch keine Tradition.

Die Form folgt der Funktion: Dieser berühmte Gestaltungsgrundsatz wurde vom Bauhaus als "Verzicht auf jegliches Ornament" interpretiert und läutete vor 100 Jahren eine ästhetische Revolution ein.

Das gibt uns bis zum heutigen Tag, ob bewusst oder unbewusst, einen guten Grund, auf unnützen Schnickschnack zu verzichten. Die (rhetorische) Frage ist nur: Warum nicht auch im Advent?

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