Seit bekannt ist, dass der Co-Pilot für den Absturz der Germanwings-Maschine verantwortlich sein soll, durchleuchten Ermittler das Leben von Andreas Lubitz. Wer war der 27 Jahre alte Co-Pilot, der 149 Menschen mit sich in den Tod gerissen haben soll? Ein Überblick über den offiziell bekannten Ermittlungsstand und die Erkenntnisse deutscher Medien.

Was ist passiert?

Am 24. März verunglückte eine Germanwings-Maschine in den südlichen Alpen. Der 27-jährige Andreas Lubitz steht im Verdacht, auf Flug 4U 9525 den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und die Maschine mit 149 Menschen an Bord gezielt auf Todeskurs gebracht zu haben.

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Welche Ermittler sind beteiligt?

Bei der Suche nach der Ursache sind verschiedene Ermittler beteiligt: von der Bundesstelle für Flugfalluntersuchungen (BFU) in Braunschweig, der französischen Untersuchungsbehörde BEA, dem Luftfahrtbundesamt (LBA), dem Bundeskriminalamt (BKA) und Interpol.

Welche Erkenntnisse gibt es?

Über die Daten des Stimmrecorders:

Die Auswertung des Voice-Recorders hat ergeben, dass der Co-Pilot den Germanwings-Airbus offenbar gezielt zum Absturz brachte. Dem französischen Staatsanwalt Brice Robin zufolge, soll Alexander Lubitz seinem Kollegen nach einem Toilettengang nicht mehr die automatisch verriegelte Cockpit-Tür geöffnet haben. Danach soll er nach derzeitigem Ermittlungsstand das Flugzeug eigenmächtig auf Sinkflug gebracht haben. Bis zuletzt ist auf der Aufnahme Atmen zu hören.

"Es gab keinen Notruf. Es gab kein Mayday", so Robin. Die wahrscheinlichste Theorie sei, dass der Co-Pilot die Tür nicht öffnen wollte. Und er habe wohl den Knopf gedrückt, um den Sinkflug einzuleiten. Über mögliche Motive gibt es bisher keine gesicherten Erkenntnisse. Der französische Staatsanwalt Brice Robin setzt auf Aufzeichnungen des zweiten Flugschreibers, der bisher nicht gefunden wurde.

Die Ermittlungen seien bisher nicht zum Vorwurf der vorsätzlichen Tötung erweitert worden, sagte Robin. Nach dem Unglück hatte die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet.

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Offizielle Erkenntnisse über den Co-Piloten:

Co-Pilot Andreas Lubitz war 27 Jahre alt. Er war seit September 2013 bei Germanwings angestellt und hatte bisher 630 Flugstunden absolviert. "Der Mann war bei uns zunächst als Flugbegleiter tätig, flog dann ab 2013 als Co-Pilot den Airbus A320", erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Der 27-Jährige lebte bei seinen Eltern in Montabaur in Rheinland-Pfalz und hatte auch eine Wohnung in Düsseldorf. Lubitz war langjähriges Mitglied im Fliegerverein seines Heimatortes.

Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler hat Andreas Lubitz eine Erkrankung verheimlicht.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf erklärte, in der Wohnung von Andreas Lubitz seien "Dokumente medizinischen Inhalts sichergestellt" worden, die auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinwiesen. "Der Umstand, dass dabei u.a. zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen gefunden wurden, stützt nach vorläufiger Bewertung die Annahme, dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat", heißt es weiter.

Die Ermittlungsbehörden hatten die Wohnungen des Co-Piloten in Düsseldorf und in Rheinland-Pfalz am Donnerstag durchsucht. Danach verließen Beamte mit Umzugskartons das Haus am Düsseldorfer Stadtrand. Auch im Elternhaus des Piloten im rheinland-pfälzischen Montabaur im Westerwald wurden Polizisten vorstellig. Ein Abschiedsbrief wurde bisher nicht gefunden.

Anhaltspunkte für einen politischen oder religiösen Hintergrund des Geschehens seien nicht gefunden worden. Nach Darstellung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte der Co-Pilot kein terroristisches Motiv.

Französische Ermittler untersuchen nach dem Absturz der Germanwings-Maschine auch weiterhin die Möglichkeit eines technischen Defekts. "Derzeit kann die Hypothese eines technischen Fehlers nicht ausgeschlossen werden", sagte der Chef der in Düsseldorf eingesetzten französischen Ermittler, Jean-Pierre Michel, dem französischen Sender BFMTV. Das berichtet die dpa. Die Ermittlungen gingen demnach voran, es fehlten aber noch "technische Details".

Bei den gemeinsamen Ermittlungen sollten Erkenntnisse vom Absturzort und dem Flugverlauf mit Ergebnissen der deutschen Ermittler zusammengebracht werden, sagte Michel. Die Ermittler würden keine Optionen ausschließen. Die Persönlichkeit des Co-Piloten sei eine ernstzunehmende Spur, aber nicht die einzige Hypothese.

Recherchen der Journalisten über den Co-Piloten:

Mehrere deutsche Medien berichten unabhängig voneinander, dass Andreas Lubitz offenbar psychische Probleme hatte. Einem Bericht der "Süddeutsche Zeitung" zufolge, soll der 27-Jährige seit langer Zeit bei mehreren Medizinern in psychiatrischer Behandlung gewesen sein. Auch "Spiegel Online" und die "Bild"-Zeitung berichten, entsprechende Informationen zu besitzen. Wegen einer "schweren depressiven Episode" vor sechs Jahren sei Lubitz in psychiatrischer Behandlung gewesen und habe sich auch vor dem Todesflug am vergangenen Dienstag in "besonderer, regelhafter medizinischer" Betreuung befunden, zitiert "Bild" aus internen Unterlagen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte erklärt, dass Lubitz seine Fliegerausbildung vor sechs Jahren unterbrochen hatte. Einen Grund dafür nannte er nicht. "Bild zufolge soll er damals an Depressionen und Angstzuständen gelitten haben.

Das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) wollte einen Bericht der "Bild"-Zeitung auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren, wonach eine Akte des Co-Piloten angeblich mit dem Code SIC vermerkt ist. Der Code SIC weist auf "besondere regelhafte medizinische Untersuchungen" hin. Dies wird nach Auskunft des Luftfahr-Bundesamtes in der Lizenz und im Tauglichkeitszeugnis eingetragen. Ob der Vermerk auch auf psychische Probleme hindeuten könnte, dazu macht das LBA keine Angaben. Inzwischen hat das LBA Einsicht in die Akte erhalten. Das bestätigte Pressesprecher Holger Kasperski im Gespräch mit unserem Portal. Man habe die Erkenntnisse an die Staatsanwaltschaft weitergegeben. "Wir bitten um Verständnis, dass wir uns nicht weiter zu den laufenden Ermittlungen äußern können".

Der "Tagesspiegel" will herausgefunden haben, dass der Co-Pilot wegen Depressionen in der Uniklinik Düsseldorf in Behandlung gewesen sein soll. Eine Sprecherin des Krankenhauses dementierte das: "Meldungen, wonach Andreas L. wegen Depressionen in unserem Haus in Behandlung gewesen sei, sind (...) unzutreffend", erklärte sie.

Auskünfte über eventuelle Krankheiten des Mannes machte die Klinik nicht; auch nicht, in welcher Abteilung der Patient war.

Patient sei er aber gewesen. Der Co-Pilot sei erstmals im Februar 2015 und zuletzt am 10.März als Patient am Uni-Klinikum vorstellig geworden. "Es handelte sich um diagnostische Abklärungen", teilte die Klinik mit. Einzelheiten unterlägen der ärztlichen Schweigepflicht.

Die Krankenakten sollen der ermittelnden Staatsanwaltschaft Düsseldorf übergeben werden. Die Klinik werde die Ermittlungen nachdrücklich und vorbehaltlos unterstützen, sagte der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Professor Klaus Höffken.

Die Hinweise darauf, dass Andreas Lubitz offenbar psychische Probleme hatte, verdichten sich weiter. Wie die "Welt" am Samstag online berichtet, soll es nach Ermittlerkreisen "eindeutige Erkenntnisse für eine schwere 'psychosomatische Erkrankung'" geben. Demnach hätte Beamte bei der Durchsuchung der Wohnung des Co-Piloten "eine Vielzahl von Medikamenten zur Behandlung der psychischen Erkrankung sichergestellt", schreibt die "Welt". Weiter wird berichtet, dass Andreas Lubitz offenbar unter einem "starken subjektiven Überlastungssyndrom" litt und wohl schwer depressiv war. (far)