Terroralarm in Sydney: Ein bewaffneter Mann stürmt ein Café, nimmt Geiseln und lässt sie eine Fahne mit Allah-Spruch halten. Seine Motivation bleibt zunächst unklar. Fünf der festgehaltenen Geiseln sollen mittlerweile entkommen sein. Die Polizei steht in Kontakt mit dem Täter.

Wie der "Tagesspiegel" berichtet, habe der australische TV-Sender "Ten Eyewitness News" angeblich mit zwei der Geiseln gesprochen. Demnach fordere der Geiselnehmer ein Telefonat mit Premierminister Tony Abbott sowie eine Flagge der Terrormiliz IS. Angeblich soll der Mann gegenüber den Geiseln zwei Bomben im Café und zwei weitere Bomben im Geschäftsviertel von Sydney erwähnt haben.

Es gebe inzwischen Erkenntnisse, was der Mann womöglich wolle, sagte die stellvertretende Polizeichefin Catherine Burn. Einzelheiten nannte sie aber zunächst nicht. Die Polizei appellierte an die Medien, über mögliche Forderungen nicht zu berichten. Auch zur Identität des Mannes machte sie keine Angaben. "Wir wollen dies friedlich lösen, das mag eine Weile dauern", sagte sie.

Bei der Geiselnahme sind insgesamt fünf Geiseln entkommen. Nach Angaben von Burn befinden sich rund zwei Dutzend Geiseln in der Gewalt eines bewaffneten Täters. Niemand sei bislang verletzt worden. Der Polizeichef betonte zuvor, dass noch nicht sicher sei, ob die Tat einen Terror-Hintergrund habe. Das Gebiet im Geschäftsviertel ist weiträumig abgesperrt. Zahlreiche Gebäude wurden geräumt. Einige Bürogebäude in unmittelbarer Nähe des Lindt Chocolat Cafés wurden aber abgesperrt und die Angestellten gebeten, auszuharren.

Polizei im Großeinsatz

Die australische Anti-Terror-Polizei ist im Großeinsatz. "Es handelt sich um mindestens einen bewaffneten Täter, der eine unbekannte Zahl von Geiseln festhält", sagte Polizeichef Andrew Scipione am Montag bei einer Pressekonferenz. Nach Angaben von Premierminister Tony Abbott gibt es Anzeichen für eine politisch motivierte Tat. "Dies ist ein sehr beunruhigender Vorfall", sagte er.

Fernsehsender filmten den Geiselnehmer durch ein Fenster des Cafés. Auf dem Video war ein Mann mittleren Alters mit grauem Bart und einem Kopftuch zu sehen, auf dem offenbar arabische Schriftzeichen standen. Der Mann trug einen schwarzen Rucksack.

Der Geiselnehmer war am Morgen in ein Café der Firma Lindt im Herzen von Sydney gestürmt, wie Augenzeugen berichteten. Er zwang zwei Frauen, eine Fahne mit Allah-Spruch von innen an die Fenster zu pressen. Darauf stand "Allah ist groß", wie der Terrorismusexperte der Monash-Universität, Greg Barton, im Fernsehen sagte. Sie werde oft von Dschihadisten benutzt. Es handelte sich aber nicht um die Fahne der im Irak und in Syrien aktiven Terrormiliz Islamischer Staat. Die genaue Bedeutung der Fahne werde noch untersucht, sagte Scipione. "Wir prüfen noch, welche Motivation dahinter steckt. Wir wissen noch nicht, woher der Mann kommt."

Mehr als ein Dutzend Geiseln

Der Chef von Lindt in Australien, Steve Loane, sprach zunächst von möglicherweise 40 bis 50 Gästen und Mitarbeitern in dem Café. Der öffentliche Verkehr wurde in Sydney weiträumig umgeleitet. Die Flugsicherung dementierte Medienberichte, wonach der Luftraum über Sydney gesperrt worden sei.

"Wir tun alles, um dies zu einem friedlichen Ende zu bringen", sagte Scipione. Die Polizei sei auf solche Einsätze vorbereitet.

Premierminister Abbott berief umgehend den Sicherheitsrat ein. "Es gibt Menschen auf der Welt, die uns Böses wollen", sagte er. Er rief die Australier auf, sich nicht von ihren Alltagsaktivitäten abhalten zu lassen. Das sei das Ziel von politisch motivierten Tätern, und dem dürfe man keinen Vorschub leisten.

Großmufti verurteilt die Geiselnahme

Der Großmufti Australiens verurteilte die Geiselnahme in einer Stellungnahme als kriminellen Akt. "Solche Aktionen werden im Islam verurteilt", teilte Ibrahim Abu Mohamed mit. Der Vorsitzende der libanesischen Muslime, Samier Dandan, sagte im Rundfunk: "Wenn die muslimische Gemeinde irgendetwas tun kann - wir sind bereit."

Der Martin Place, wo sich das Cafe befindet, ist ein historischer Platz in der Fußgängerzone im Geschäftsviertel. In der Umgebung arbeiten Tausende Menschen. In unmittelbarer Nähe liegen mehrere Bankzentralen, das Büro des Ministerpräsidenten von New South Wales und das US-Konsulat.

Australien ist seit September unter erhöhtem Terroralarm. Es gilt Alarmstufe drei der vierstufigen Skala, was bedeutet: "Terroranschlag wahrscheinlich". Bei einer Großrazzia hatte die Polizei im September nach eigenen Angaben einen Anschlag mit Enthauptung auf australischem Boden vereitelt. (dpa/kab/cai)