Gipfel zu Missbrauch im Vatikan: "Die Kirche verliert ihre Existenzgrundlage"

Im Vatikan hat am Donnerstag ein großes Sondertreffen zum Thema Missbrauch begonnen. Klar ist: Für Papst Franziskus und die katholische Kirche steht viel auf dem Spiel. Denn die Kluft zwischen der Institution und den Gläubigen ist enorm tief, wie die Aussagen von Geistlichen, Opfern und Laien zum Gipfel zeigen. (mcf/Mit Material von dpa und afp)

Die Welt erwarte von der Kirche "konkrete und wirksame Maßnahmen" gegen den Missbrauch, sagte Papst Franziskus zum Auftakt des Treffens. Die Kirche müsse "auf die Stimmen der Kinder hören, die Gerechtigkeit verlangen".
"Ich erhoffe mir, dass vielleicht sogar von diesen besonderen Begegnungen jetzt in diesen Tagen auch ein Impuls ausgeht in die gesamte Gesellschaft, dass wir nicht dulden, niemals weiter dulden werden, dass Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht werden. Dafür müssen wir alles tun", sagte der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Das "furchtbare Übel des sexuellen Missbrauchs" müsse überwunden werden.
Die Konferenz kann jedoch keine bindenden Beschlüsse fassen. Die Erwartungen von Missbrauchsopfer Phil Saviano sind entsprechend gering. "Sie werden nach vier Tagen nicht mit neuen Regeln und Vorschriften rauskommen", sagte er. Sein Eindruck sei, dass es eher eine "Lehrstunde" für Bischöfe der ganzen Welt sein werde.
Matthias Katsch, Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", ist enttäuscht, dass der Papst dem Treffen mit Opfern im Vorfeld der Konferenz ferngeblieben ist. Außerdem seien nur ausgewählte Opfer eingeladen gewesen. Im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" kritisierte er außerdem den Titel der Konferenz: "Es brennt an allen Ecken. Da finde ich Kinderschutz-Konferenz geradezu verharmlosend."
Einig sind sich Geistliche, Opfer und Laien darin, dass das Treffen richtungsweisend ist für die Zukunft der Kirche. Diese befinde sich in einer "schmerzhaften Vertrauenskrise", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. "Ganz gleich, ob evangelisch oder katholisch oder orthodox oder freikirchlich: Wo immer Handlungen passieren, die Leben zerstören, wird das mit Füßen getreten, wofür wir als Kirchen in der Nachfolge Jesu Christi stehen. In dieser Situation wenden sich Menschen von der Kirche ab."
Für die Reformbewegung "Wir sind Kirche" ist das Treffen "ein Schicksalsgipfel" für den Papst und die Kirche. "Es gibt viel Betroffenheitsgerede", sagte Sprecher Christian Weisner. "Wir brauchen klare Anweisungen, wie mit Verdachtsfällen umzugehen ist" forderte er. Es sei wichtig, dass die Kirche überall auf der Welt sexuellen Missbrauch als Verbrechen anerkennt und außerdem einräumt, dass ihre "verbotsorientierte Sexualmoral" Missbrauch von Kindern begünstige.
Die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch, Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken, sagte dem Nachrichtenmagazin "Spiegel": "Ich frage mich, ob den deutschen Bischöfen klar ist, dass es hierzulande so nicht weitergeht. Die Geduld der Leute ist erschöpft. Die katholische Kirche verliert ihre Existenzgrundlage - die Menschen, die sie tragen."
Der Jesuitenpater Klaus Mertes sagte dem "Spiegel": "Ich erlebe, dass die Menschen an der Kirchenbasis ermüden. Sie haben den Verantwortlichen Fragen gestellt und keine Antworten bekommen. Wenn diese Ermüdung dann von Teilen des deutschen Klerus in Rom als Mangel an Glauben interpretiert wird, ist das eine ungeheuerliche Diffamierung."
Wie weit die Kirche von einer einheitlichen Position entfernt ist, zeigt ein offener Brief der Kardinäle Walter Brandmüller (Bild) und Raymond Burke. Sie schreiben, sexueller Missbrauch sei "gewiss ein abscheuliches Verbrechen, besonders wenn es von Priestern begangen wird. Dennoch geht es dabei weit mehr um das umfassendere Übel homosexueller Netzwerke, die sich hinter einem Schutzwall von Komplizenschaft und Schweigen im Inneren der Kirche ausgebreitet haben."