Bekommt sie ihn wirklich? Klimaaktivistin Greta Thunberg gilt in diesem Jahr als eine der Favoritinnen für den Friedensnobelpreis. Sie wäre die jüngste Preisträgerin der Geschichte. Manches spricht jedoch gegen die junge Schwedin.

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Manchmal wundert man sich, dass Greta Thunberg noch immer erst 16 Jahre alt ist. Die junge Klimaaktivistin aus Schweden ist streckenweise so omnipräsent, dass man denken könnte, sie stünde schon seit Jahren im Zentrum der Weltöffentlichkeit. Doch der Beginn ihres Klimaprotestes vor dem Reichstag in Stockholm ist nicht einmal 14 Monate her.

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Trotz ihres jungen Alters hat sich die Schwedin mit ihrer Botschaft für einen stärkeren Einsatz gegen die Klimakrise zu einer der Favoritinnen für den diesjährigen Friedensnobelpreis gemausert. Vor der Bekanntgabe der renommiertesten politischen Auszeichnung der Welt an diesem Freitag wird sie von mehreren Wissenschaftlern zum engeren Kandidatenkreis gezählt.

Der Friedensforscher Peter Wallensteen von der Universität in Uppsala weist darauf hin, dass es Thunberg geglückt sei, junge Menschen in aller Welt zu mobilisieren. Mit ihrem Handeln erfülle sie Nobels Vorgabe, für die Verbrüderung zwischen den Völkern beigetragen zu haben.

Und Dan Smith, der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, sagt: "Das Friedensnobelpreiskomitee hat Umweltaktivismus bereits in der Vergangenheit geehrt. Bei dem Preis geht es nicht immer um Kriege und bewaffnete Konflikte." Es sei das Jahr der Klimaproteste, was Thunberg zu einer offensichtlichen Kandidatin mache. "Dieser Teenager hat einen Weckruf gegeben, den die Leute gehört haben."

Verschiedene Wettbüros sehen sie gar als klare Spitzenkandidatin, weit vor großen Namen wie denen von Papst Franziskus und Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Organisationen wie Reporter ohne Grenzen oder dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Selbst auf Kim Jong Un kann man wetten

Dass die Schwedin am Ende auch geehrt wird, ist allerdings alles andere als ausgemachte Sache. Das liegt zum einen daran, dass sich das zuständige Nobelkomitee kaum von der öffentlichen Meinung in eine Richtung drängen lässt. "Das Komitee ist sehr gut darin, die Welt zu überraschen", sagt auch Dan Smith von Sipri.

Hinzu kommt, dass die Auswahl in diesem Jahr recht hoch ist: 301 Nominierungen sind für den Preis diesmal in Oslo eingegangen, der vierthöchste Wert jemals. Darunter finden sich 223 Persönlichkeiten und 78 Organisationen. Ihre Namen werden vonseiten der Verantwortlichen für 50 Jahre unter Verschluss gehalten.

Das große Teilnehmerfeld und die Nobelstatuten sorgen dafür, dass es vor der Bekanntgabe des Preisträgers alle Jahre wieder ein großes Rätselraten gibt. Das führt unter anderem so weit, dass man auf so ziemlich jeden bekannten Namen wetten kann.

Bei den Wettanbietern kann man sein Geld etwa auf Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, Großbritanniens Ex-Premier Theresa May und den Katalanen Carles Puigdemont setzen. Auch US-Präsident Donald Trump steht recht weit oben auf der Liste - ihm werden teils bessere Chancen als etwa US-Whistleblower Edward Snowden eingeräumt.

99 Mal hat das Nobelkomitee seit 1901 die Auszeichnung vergeben, insgesamt wurden 130 verschiedene Preisträger gekürt, darunter 89 Männer, 17 Frauen und 24 Organisationen. In 19 Jahren gab es, vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten, keinen Preisträger.

Greta Thunberg wäre die jüngste Preisträgerin

Die diesjährige Vergabe ist die 100. und somit ein Jubiläum für die Jury - vielleicht ein Grund, diesmal eine Generation zu ehren, die bislang kaum bei den Preisen Beachtung fand.

Bekommt Thunberg tatsächlich den Preis, wäre sie die jüngste Preisträgerin in der Nobelgeschichte überhaupt. Bislang ist das die Pakistanerin Malala Yousafzai, die 2014 im Alter von damals 17 Jahren ausgezeichnet wurde. Thunberg wird erst Anfang Januar 17.

Auch der Direktor des Osloer Instituts für Friedensforschung Prio, Henrik Urdal, hat mehrere junge Aktivisten auf dem Schirm - Thunberg zählt aber nicht dazu. Sein engerer Favoritenkreis: Hadschar Scharif aus Libyen, Ilwad Elman aus Somalia und Nathan Law aus Hongkong.

Die Bedeutung des Einsatzes junger Aktivisten sei in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden, erklärte Urdal dazu. "Junge Leute setzen die Agenda für Themen, die für Frieden und Sicherheit sowohl lokal als auch global von entscheidender Bedeutung sind." Dabei forderten sie auch die übliche Machtverteilung unter den Generationen heraus.

Neben Thunberg fällt dagegen immer wieder ein weiterer Name, den die Experten auf dem Zettel haben. "Ich denke, das Komitee wird sich für Abiy Ahmed entscheiden, den Ministerpräsidenten von Äthiopien", sagt der norwegische Nobelhistoriker Asle Sveen.

Abiy habe mit Eritrea nach vielen Jahren des Krieges ein Friedensabkommen geschlossen und einen Reformprozess in Gang gesetzt. "Das stünde im Einklang mit Alfred Nobels Testament." Auch Urdal und Wallensteen erwähnen Abiy, Smith ebenso. Der sagt aber auch: "Es gibt in diesem Jahr viele gute Kandidaten, und das in einem eher schwierigen globalen Umfeld. Ich finde, das ist ziemlich ermutigend." (mcf/dpa)

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